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StartseiteCorso"Werde jetzt nicht Betroffenheitskomiker"15.07.2013

"Werde jetzt nicht Betroffenheitskomiker"

Kurt Krömer über sein neues Afghanistan-Buch im Corso-Gespräch

Kurt Krömer hat kürzlich ein Buch veröffentlicht: "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will". Darin erzählt er von seinem Erlebnissen in Afghanistan. Die Bundeswehr hatte ihn eingeladen, vor Soldaten in dem Krisengebiet aufzutreten.

Mit Susanne Luerweg

Kurt Krömer besuchte die Bundeswehr in Afghanistan. (Adrian Hüttel)
Kurt Krömer besuchte die Bundeswehr in Afghanistan. (Adrian Hüttel)

Susanne Luerweg: Herr Krömer , was wussten Sie eigentlich über Afghanistan, bevor Sie dahin gefahren sind?

Kurt Krömer: Eigentlich das, was wir alle wissen, das was wir aus der Zeitung kennen. Dieses Vorurteil, wenn man an Afghanistan denkt, immer sofort an Krieg denkt, an Soldaten, an Tote. Afghanen immer gleich Taliban - und die sprengen sich da den ganzen Tag in die Luft. Also, schon die wahren Sachen, aber eben immer so auf eine Minute dreißig gedachtes Wissen.

Luerweg: Und wie waren die Erfahrungen dann tatsächlich, als Sie da waren?

Krömer: Bei der Bundeswehr tatsächlich war dann die erste Überraschung diese Offenheit. Damit hätte ich nicht gerechnet. Also, ich habe im Vorfeld damit gerechnet, dass wir zensiert werden, dass wir im Vorfeld das Material, also, wir sind ja hauptsächlich zum Drehen zur Bundeswehr gefahren, dass das beschlagnahmt wird, dass wir sogar früher nach Hause geschickt werden wie damals auf der Klassenfahrt, weil wir im Sinne der Bundeswehr vielleicht Blödsinn gemacht haben. Das hat mich sehr überrascht, dass die Offenheit da war und uns fast alle Türen geöffnet worden sind.

Luerweg: Die Offenheit beschreiben Sie in vielfacher Hinsicht in ihrem Buch zum Beispiel erzählen die Soldaten ganz unverblümt, dass sie schwul sind. Klingt sehr unkompliziert. Aber dennoch: Wie sind die überhaupt auf Sie gekommen? Sie sind Totalverweigerer, haben mit der Bundeswehr nix zu tun.

Krömer. Das war auch die Frage, die ich mir gestellt habe, wo ich auch im Endeffekt gesagt habe, das verstehe ich jetzt nicht, da will ich jetzt hin. Ich nehme schon an, dass ich eine Akte habe, wo drin steht, dass ich total verweigert hab, dass es da auch Zoff gab über Jahre. Also, ich habe nachgefragt, ist natürlich jetzt nicht so, dass jetzt alle Soldaten sagen, den Krömer, den wollen wir sehen. Das war auch bei Auftritten teilweise so, neunzig Prozent wussten gar nicht, wer ich bin. Also, es muss so ein kleines Grüppchen gewesen sein, die mich jetzt kennen, und die haben halt einen Vorschlag gemacht und die anderen haben das abgenickt.

Luerweg: Das hat nicht immer so gut funktioniert, Sie und das Bundeswehr-Publikum, das ist so der Eindruck, der entsteht, wenn man das Buch liest. War schwer, oder?

Krömer: Dat war also. Deswegen ist auch diese Passage drin, das war eigentlich gar nicht angedacht, dass da so private Sachen reinkommen in das Buch, aber das war das Verstörende, und es klingt makaber, aber das war das Interessante an der Reise, dieses Gegenüber zu haben, was mich so zurückkatapultiert hat in die Anfangszeiten. Ich habe ja damals so vor drei, vier Leuten gespielt, die das gar nicht gut fanden, was ich gemacht habe. Das lag auch daran, dass es sehr schlecht war damals, gar nicht ausgereift. Aber da war das auch so, dass die natürlich eine ganz andere Vorstellung hatten von: jetzt kommt der Komiker und jetzt wird es lustig. Ich habe ja auch nix verändert damals. Ich habe ja nicht gesagt: Jetzt mache ich Soldatenwitze oder ich ändere mein Programm. Also ich habe das gemacht, was ich auch in Deutschland mache. Es war ne interessante Stimmung. Es wurde nicht durchgehend gelacht.

Luerweg: Sie sagen, Sie haben das gemacht, was Sie auch in Deutschland machen. Sie machen gerne auch mal Witze mit dem Publikum, über das Publikum. Das funktionierte?

Krömer: Also, in Mazar al Sharif, das war der letzte Auftritt, da saßen ungefähr 650 Soldaten vor mir, die alle in Uniform waren, weil sie Uniform tragen müssen. Und die waren natürlich auch alle bewaffnet. Also, das ist dann auch, was ich in Deutschland mache, wenn mir irgendwas auffällt, was sonderbar ist, dann spreche ich das an und hacke da auch drauf rum. Und das war auch so, dass ich gesagt habe: "Wollen wir mal irgendwie in die Luft schießen? Wollen wir mal irgendwat abballern?" Das war erst verstörend, dann funktionierte das aber auch.

Luerweg: Jetzt hat aber der eine Aufenthalt mit der Bundeswehr, der war ja so ein bisschen wie embedded journalism, der hat dann gar nicht gereicht, sondern Sie sind dann noch mal dahin gefahren, und zwar auf eigene Kappe. Ist das eine Idee, die Sie schon vorher hatten, oder die im Zuge der Reise gereift ist?

Körmer: Das kam erst danach, weil ich dachte, wenn man jetzt bei der Bundeswehr in Afghanistan war, dann kann man nicht sagen: Ich habe jetzt irgendwas über Afghanistan erfahren. Wir haben natürlich gefragt, ob wir das Camp mal verlassen dürfen, aber das wurde uns verboten. Da war das Interesse schon da, dass man dachte, man will auch mal das Land sehen. Weil die Bundeswehr, dieses Camp, war so ein bisschen wie ein Robinson Club, wo die Leute sagen: "Ich bin zwar in der Türkei, aber gesehen von Land und Leuten haben ich eigentlich nix."

Luerweg: Und das hat besser funktioniert, als Sie alleine da waren? Sie erzählen von zahlreichen Begegnungen in Ihrem Buch, aber die mussten doch auch vorbereitet werden? Spontan geht da im Zweifelsfall gar nix.

Krömer: Also spontan nach Kabul zu reisen und zu sagen: Ich guck jetzt einfach mal, was sich so ergibt, das war uns klar, das ist zu gefährlich. Es wurde uns nahegelegt, dass wir uns gepanzerte Fahrzeuge mieten. Und wir hatten auch schon so einen Terminplan und haben Leute vor Ort gefragt, ob die uns Kontakte herstellen können, sodass man nicht in Afghanistan, in Kabul dann fragt: Dürfen wir? Die Gefahr wäre zu groß gewesen, dass dann alle gesagt hätten: Ne, machen wir doch nicht. Also, von daher war das alles schon eingetaktet und die Leute dann aber auch sehr offen.

Luerweg: Hatten Sie trotzdem Angst manchmal?

Krömer: Das ist durchgehend gewesen. Man hatte schon Angst, ich habe auch viel verdrängt. Man hat schon gemerkt, das ist ein Krisengebiet, man muss aufpassen. Also unsere Gastgeber, die wir besucht haben, die hatten ihr Office zwei Häuser neben der Herberge, die wir hatten. Das waren zehn, 15 Meter nur, allein schon das Haus zu verlassen. Im Vorhof da war ein bewaffneter Mann, der auf das Office, auf die Leute aufgepasst hat, der dann da mit Maschinenpistole stand. Und also, allein diese paar Meter Weg waren sehr strapaziös, wo man sekündlich gemerkt hat, hier könnte jetzt was passieren.

Luerweg: Warum haben Sie das gemacht? Um sich zu beweisen, das traue ich mich, oder um Afghanistan besser kennenzulernen?

Krömer: Das war wirklich dieser Gedanke, also Vorurteile hatte ich nicht, nur diese eine Minute dreißig ist zu wenig an Information, die wir in Deutschland kriegen. Und ich dachte, ich möchte das einfach noch mal erleben und durch diese Einladung der Bundeswehr - das ist jetzt albern, wenn ich sage, das war ein Geschenk, - aber das war die Möglichkeit, da einen Einblick zu bekommen. Das hat mich interessiert. Auch bei dem zivilen Teil dann.

Luerweg: Und wie empfinden Sie das Land? Verstehen Sie das jetzt alles besser? Den Krieg, das Land, die Leute?

Krömer: Wenn es um Krieg geht, um politische Entscheidungen, dann ist das eigentlich noch schlimmer als vorher. Ich bin jetzt nicht zurückgekommen und habe jetzt auch nicht das Buch geschrieben, weil ich meine, ich habe jetzt die Lösung und: Hört mich an! Ich habe jetzt alles verstanden. Man kommt verstörter zurück, als man hingefahren ist.

Luerweg: Und wahrscheinlich guckt man auch anders Nachrichten?

Krömer: Das war lustig. Als ich nach Hause gekommen bin nach der ersten Reise von der Bundeswehr, lief zwei Tage später bei Günther Jauch das Thema: "Trauma Afghanistan", wo ich gedacht habe, ich träume. Das hatte nichts mit dem zu tun, was ich zwei Tage zuvor noch selbst erlebt habe. Das war distanziert, das war, als wenn die über ein ganz anderes Land reden, über ne ganz andere Problematik, das kommt immer so reißerisch rüber. Das war es für mich jetzt nicht. Ich habe nicht gesagt, ich will jetzt was Reißerisches machen. Mich hat wirklich dieser Aufenthalt interessiert, wie geht es den Leuten da. Das Thema Angst, die Leute leben da teilweise seit dreißig Jahren in einer Kriegssituation. Ich war jetzt zwölf Tage da, von daher ist es jetzt noch mal einfacher diese Angst wegzudrücken und zu sagen, dir geht es ja eigentlich gut.

Luerweg: Aber Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Sie im Anschluss geweint haben.

Krömer: Das ist Fakt, dieses Abfallen der Sachen. Man hat vor Ort Angst, aber die große Angst kam erst zu Hause, wenn man so merkt, was hätte eigentlich alles passieren können. Und dann war es schon so, dass ich geweint habe, dass ich komischerweise im Nachhinein zu Hause Panikattacken bekommen habe und Angst davor hatte, das Haus zu verlassen.

Luerweg: Normalerweise sind Sie lustig, treten in lustigen Sachen auf und die Leute amüsieren sich köstlich. Dieses Buch ist jetzt nicht unbedingt durchgehend lustig. Ist das eine Art Imagewechsel, der da eingeläutet wird oder einfach eine neue Facette?

Krömer: Das ist kein Imagewechsel. Also, ich habe das schon gemerkt in mehreren Gesprächen, dass das schwierig ist zu verstehen, dass eben der lustige Komiker was Ernsthaftes macht. Es ist jetzt weder so, dass ich sage, ich bin jetzt immer Kriegsberichterstatter und mache jetzt nur Bücher aus Krisengebieten, für mich ist das jetzt erst mal eine einmalige Geschichte gewesen, sodass ich gesagt habe, mich interessiert das einfach. Die Popularität macht es mir natürlich auch einfacher, dass die Leute auch daran interessiert sind, das Buch auch zu lesen. Ich will jetzt nicht wissen, wie es wäre, wenn ich jetzt Frau Gerda Krause aus Pumuckelsdorf wäre, dann würde das wohl keinen interessieren. Und so war das eine schöne Sache für mich zu sagen: Mach das mal, versuch das jetzt mal im Bereich deiner Möglichkeiten umzusetzen.

Luerweg: Jetzt geht bald wieder Ihre Sendung los, da ist Afghanistan dann kein Thema mehr?

Krömer: Ne, das ist der altgewohnte Quatsch, den ich sonst auch mache, wie gesagt, es ist nicht mein Ziel Betroffenheitskomiker zu werden und zu sagen, wir machen jetzt immer ganz schlimme Sachen in meine Sendung mit rein. Das war jetzt wirklich ein Ausflug.

Luerweg: Den Sie nicht noch mal wiederholen wollen? Ich hatte das im Buch jetzt schon so verstanden, dass es wirklich ein Land ist, dass Sie sehr fasziniert und wo Sie sich durchaus vorstellen können noch mal hinzufahren.

Krömer: Das schon. Ich habe Besuch von Freunden, von Leuten, die ich in Afghanistan kennengelernt habe. Ich werde 2014 auch sicherlich noch mal nach Afghanistan fliegen, aber ich werde das dann nicht als Buch noch mal rausbringen, die zweite Reise oder die unendliche Geschichte Afghanistan. Mich interessiert das Land sehr, und ich hoffe, dass sich das da auch alles so einklinkt, dass im Endeffekt - hört sich ein bisschen pathetisch an - alles gut wird. Und ich glaube, bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Kurt Krömer: Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will. Zu Besuch in Afghanistan. Verlag Kiepenheuer und Witsch, 9,99 Euro.

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