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StartseiteBüchermarktWerke in neun Bänden23.02.1999

Werke in neun Bänden

Erich Kästner

1928 debütiert ein gewisser Erich Kästner mit dem Gedichtband "Herz auf Taille". Der neunundzwanzigjährige Dresdner, promovierter Germanist, hat sich im Berlin der sogenannten Goldenen Zwanziger bislang als freier Journalist durchgeschlagen. Seine Gedichte haben sensationellen Erfolg. Kästners Debütrakete blitzt über den Literaturhimmel der Weimarer Republik, und daß sie keine Eintagsfliege ist, beweisen drei weitere Lyrikbände, die in rascher Folge erscheinen und ihren Autor berühmt machen: "Lärm im Spiegel", in dem sich das Gedicht "Sachliche Romanze" findet, "Ein Mann gibt Auskunft" und "Gesang zwischen den Stühlen". Die Mischung aus Frechheit und Sentiment, Zynismus und Sachlichkeit, sexueller Libertinage und Antimilitarismus, schmelzenden Versen und desillusionierter Haltung, trifft den Nerv einer ganzen Generation. Revolutionäre Phrasen und expressionistische Ekstasen haben abgewirtschaftet. Geschüttelt von Weltkrieg, Revolution und Inflation, eingezwängt zwischen den sich radikalisierenden Extremen von links und rechts, sehnt sich der bürgerliche Mittelstand nach Normalität, nicht nach Weltverbesserung, sondern nach Gehaltserhöhung, nicht nach internationaler Solidarität, sondern nach persönlichem Glück. Diese Gefühls- und Bewußtseinslage spiegelt sich in Kästners Gedichten beispielhaft und wird zugleich von ihnen wie Balsam bedient. Wer sich dem Zeitgeist vermählt, sagt man, wird schnell Witwer. Kästners Lyrik trifft den Zeitgeist mitten ins Herz; dennoch sind viele seiner frühen Gedichte auch heute noch ohne Peinlichkeit lesbar. Schwieriger wird es da schon mit den Chanson- und Kabarett-Texten, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen. Das liegt vielleicht daran, daß Kästner hier häufig mit dem moralisierenden Zeigefinger fuchtelt und sich in der Rolle eines lyrischen Volkspädagogen gefällt.

Klaus Modick

Zwar gibt es fast das gesamte Werk in Einzelausgaben bei dtv, wo vor allem Unverwüstliches wie "Das doppelte Lottchen" - durch diverse Verfilmungen inzwischen vervier- bis verachtfacht - oder "Emil und die Detektive" für krisensichere Umsätze sorgt. Gleichwohl wirft der Hanser Verlag jetzt eine opulente neunbändige Werkausgabe auf den Markt, und zwar gleich in zwei Versionen, einer gebundenen nämlich und einer taschenbuchartig-broschierten: Die mehr als 5000 Seiten gibt's in dieser Form zum fast schon wohltätigen Kampfpreis von 98 Mark.

Kästner war - gelegentlich bis zur Umtriebigkeit - vielseitig. Die Werkausgabe präsentiert ihn nicht nur als Lyriker, sondern auch als Romancier, Theater- und Filmautor, Verfasser von Hörspielen, Feuilletonisten und politischen Publizisten sowie, natürlich, als den Autor der berühmten Kinderbücher, mit denen heute sein Name und sein Ruf mehr verknüpft sind als mit allem anderen. Vollständig ist diese Ausgabe dennoch nicht: Es fehlen die Briefwechsel, es fehlen einige Gedichte, es fehlen die meisten Drehbücher und es fehlen vor allem die Tagebücher.

Kästner hatte, anders als manche Schriftstellerkollegen, keine Berührungsängste zum Film. Schon vor der Verfilmung seines Kinderromans "Emil und die Detektive" von 1931 hatte er Drehbücher verfaßt, und er arbeitete kontinuierlich an eigenen und fremden Filmstoffen mit. Sein hochgradig widersprüchliches Überwintern des Nationalsozialismus verdankte er wesentlich den guten Kontakten zur Filmindustrie, die ihren Höhepunkt mit Kästners Drehbuch zum legendären "Münchhausen"-Film von 1943 fand. Verschwiegen sei nicht, daß besonders die nach 1945 entstandenen Filme zumeist üble Klamotten waren.

Seine Romane für Erwachsene schwanken zwischen dem engagierten, moralisierenden Sittengemälde des Berlins der späten Zwanziger Jahre, das er im "Fabian" entwirft, und den harmlosen Unterhaltungsschmonzetten vom Schlage "Drei Männer im Schnee" oder "Die verschwundene Miniatur". Aber vermutlich ist es gerade der Mut zu Seichtheit, trivialem Ulk und Kolportage, die diesen Autor tatsächlich zu einer Art Volksschriftsteller gemacht hat. Am viel gelobten, vielleicht auch viel überschätzten "Fabian" oder an seiner politischen Publizistik, besonders der aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, hat es bestimmt nicht gelegen. Gerade diese Publizistik aber zeigt, daß Erich Kästner mehr war als nur der leicht oberlehrerhafte Literatur-Onkel, als der er sich, seines großen Erfolges zuliebe, leider selbst häufig präsentiert hat. Der Publizistik-Band der Ausgabe enthält neben dem Tagebuch "Notabene 45" die journalistischen Arbeiten Kästners. Besonders interessant sind hier die unter dem Titel "Neues von Gestern" versammelten Texte aus den Nachkriegsjahren, in denen Kästner es für notwendig hält, sich um "den täglichen Kram" zu kümmern statt sich, Seitenhieb auf Thomas Mann, um seine Gesamtausgabe zu sorgen. Kästner berichtet von den Nürnberger Prozessen, kritisiert die Adenauersche Restauration und wendet sich scharf gegen deutsche Wiederbewaffnung und atomare Aufrüstung. Sein Einsatz für Demokratie und Toleranz, seine Ablehnung totalitären Denkens, kommt auch im Theaterstück "Die Schule der Diktatoren" zum Ausdruck, das 1957 uraufgeführt wird. Das Stück, in das Kästner viel Ehrgeiz investiert, hat wenig Erfolg. Man merkt die guten Absichten allzu deutlich. Wenn die 20er Jahre Kästners Goldenes Zeitalter waren, sind die späten 40er und 50er sein silbernes. In den 60ern verstummt er, hochgeehrt zwar, aber verbittert und ausgeschrieben. Der Linken gilt er als zu melancholisch, der Rechten als zu frivol, der Germanistik als zu volkstümlich und demnach trivial - seinen zahlreichen Lesern ist all dies völlig egal. Auch heute noch.

Und die krisensicherste Leserschaft des Erich Kästner sind immer noch die Kinder, die ihren Spaß an "Emil und die Detektive" oder "Das doppelte Lottchen" haben. Die Kinderbücher erweisen sich als zeitgeistresistent, weil Kästner, ähnlich wie Astrid Lindgren, Kinder wirklich versteht und sie in seinen Romanen gewissermaßen nach ihren eigenen Gesetzen handeln läßt. Sein Verständnis für Kinder schloß auch ein klares Verständnis dafür ein, wie kompliziert und zugleich simpel das Verhältnis der Kinderwelt zur Welt der Erwachsenen ist.

Kästners Werk zeugt von den Erschütterungen und Verwerfungen unserer Nation in diesem Jahrhundert wie kaum ein zweites; und steht in der deutschen Tradition ziemlich einsam da, weil es hell und klar, witzig und satirisch, scharf und scheinbar leichtzüngig daherkommt und gemäß seinem erklärten Stilideal "wie hingespuckt wirkt".

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