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Werke von jüngeren Künstlern

Sammlung des Bundes in der Kunst- und Ausstellungshalle der BRD in Bonn

Christiane Vielhaber im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Bundeskunsthalle in Bonn
Bundeskunsthalle in Bonn (AP)

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt in der Ausstellung "Nur hier" Werke, die in letzter Zeit angeschafft wurden. Die Sammlung wird seit 1970 aufgebaut und soll die Entwicklung der Kunst in Deutschland abbilden. Gezeigt werden 120 der 200 Werke, die in den vergangenen fünf Jahren gekauft wurden.

Burkhard Müller-Ullrich: "Nur die" – das sind Damenstrümpfe. Und "nur hier" – das ist eine Kunstausstellung in Bonn, über die nur hier natürlich nur die einzige und einzigartige Kunstberichterstatterin Christiane Vielhaber reden kann. Schönen guten Tag erst mal. Die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland ist ja eine ziemlich sonderbare Einrichtung. Als sie vor 21 Jahren in Bonn eröffnet wurde, da war sie eigentlich schon überholt, denn das repräsentative Zentrum der Bundesrepublik verlagerte sich gerade nach Berlin. Trotzdem lief der Betrieb an und bis heute läuft er so la-la: hohe Kosten, etliche Skandale, zuletzt ein geschasster Intendant und nun – seit drei Tagen ist es bekannt und wir haben darüber schon berichtet – ein Neuanfang mit einem neuen Chef, nämlich dem Niederländer Rein Wolfs. Der übernimmt das Amt in ein paar Wochen und hat mit der jetzigen Ausstellung "Nur die" naturgemäß nichts zu tun. Also was sieht man nur hier?

Christiane Vielhaber: Ach, ich verbessere Sie so gerne. Sie heißt nämlich "Nur hier" und nicht "Nur die". Und das bezieht sich auf ein Zitat von einer Arbeit von Klaus Richter, der sich wiederum auf die Konzeptkunst bezieht, und da steht unten drauf, auf diesem Plakat: "Nur hier". Und das stimmt auch, denn nur hier kann man Teile der Sammlung sehen, die es seit 1970 gibt beziehungsweise seit 1970 aufgebaut wurde.

Müller-Ullrich: Vom Bund? Vom Bund aufgebaut wurde?

Vielhaber: Ja, initiiert von Willy Brandt, der wiederum eine Anregung aufnahm von Georg Meistermann, der damals ein sehr umstrittenes Porträt von Brandt, von dem damaligen Kanzler, gemalt hatte (Kirchenfenster kann er besser). Und der hatte ihm gesagt, wir sollten die deutschen Künstler fördern und wir sollten eine Sammlung aufbauen, damit man sieht, wie sich die Kunst in Deutschland entwickelt.
Gott sei Dank ist man seit Langem schon dabei, dass man sagt, es sind nicht nur deutsche Künstler, die angekauft werden, sondern es sind auch ausländische Künstler, die in Deutschland leben und arbeiten oder meinetwegen auch einen Lehrauftrag haben. Alle fünf Jahre wird eine neue Ankaufskommission gewählt, und jetzt sehen wir das, was diese letzte Ankaufskommission in den letzten fünf Jahren gekauft hat. Und da kann man nur sagen: Die Künstler können das Rad auch nicht neu erfinden. Und ich habe den Eindruck, dass die, die ankaufen – in erster Linie sind das Museumsdirektoren oder Kuratoren und noch einer von der Adenauer-Stiftung -, dass die auch eigentlich das kaufen, was ihnen so ein bisschen bekannt vorkommt, also was so ein bisschen nach Ready-made aussieht, oder so ein bisschen nach Gerhard Richter, oder so ein bisschen nach Konzeptkunst. Trotzdem ist diese Ausstellung toll.

Das ist die Leistung der Bundeskunsthalle, dass sie etwas jetzt präsentiert, als sei das alles für eine Ausstellung gekauft. Gezeigt werden nur 120 von über 200, die angekauft wurden. Man hat das auch nicht chronologisch gehängt, man hat auch nicht Gruppen gebildet, aber man hat versucht, so einen ästhetischen Faden da durchzuziehen. Meine Lieblingsarbeit ist ein Ready-made von einer Amerikanerin, die hier in Deutschland lebt, Stef Heidhues heißt sie, und die hat eine Madonna gemacht. Die müssen Sie sich so vorstellen: einen Nagel in die Wand gehauen und um diesen Nagel lauter gebrauchte Fahrradketten. Sie sehen diese Madonna und diese Haare rauschen seitlich herunter, und das ist eine wunderbare Arbeit. Aber was mir auch aufgefallen ist: Diese Arbeit ist witzig, oder ich finde sie geistreich und eine neue Definition von Ready-made.

Aber was mir auch aufgefallen ist: Es sind auch sehr viele politische Arbeiten, die sich mit der Geschichte, mit der deutschen Geschichte, speziell mit der nach 1945 auseinandersetzen. Zum Beispiel eine möchte ich beschreiben, weil die so schön ist und letztlich so schrecklich. Sie ist von Sven Johne und bezieht sich auf den größten Suizid, gemeinsamen Suizid, der bei uns in Deutschland stattgefunden hat. 1050 Menschen haben sich 1945 in dem Ort Demmin in Mecklenburg-Vorpommern an der Frontlinie zum Osten hauptsächlich ins Wasser gestürzt und in die Sümpfe, weil die Rote Armee-Fraktion anrauschte.

Müller-Ullrich: Die Rote Armee!

Vielhaber: Entschuldigung, die Rote Armee. – Und aus Angst davor haben sie sich umgebracht. – Und was sehen wir? Wir sehen eine eins zu 100.000 Karte von diesem Ort, es ist eine Hansestadt, eine kleine Hansestadt, und wir sehen lauter hinreißende kleine Linien aus Stecknadeln. Es sind insgesamt 1050 Stecknadeln, die alle an dieser Frontlinie von diesem Künstler reingesteckt wurden. Das Nachdenken über die deutsche Geschichte und das Überführen in ein ästhetisches Bild, in ein poethisches Bild, das ist auch etwas, was mich sehr beeindruckt hat.

Müller-Ullrich: Insgesamt ist das so ein Vorzeigen, das haben wir gekauft. Das heißt, da muss es keine Linie geben. Aber gibt es doch bei dieser Kommission irgendwie eine Tendenz oder eine Strategie? Kann man da irgendwas ausmachen?

Vielhaber: Auf der einen Seite sind das die zwei Millionen Mark, die sie für ihre fünf Jahre haben. Dann muss man ja doch ganz schön planen. Auf der anderen Seite, das ist die Leistung dieser Ausstellung: Sie kaufen ja nicht für ein Museum, sie kaufen ja nicht für eine Sammlung mit einem Konzept, denn diese Sammlung liegt teilweise in Bonn, teilweise in Leverkusen im Depot, oder Sie können im Internet nachgucken. Insofern ist es das, was ich am Anfang sagte: Ich denke, sie kaufen das, von dem sie glauben, dass es Bestand haben wird.

Müller-Ullrich: Oder die Bilder – und das ist ja auch die Aufgabe einer Staatssammlung – kommen dann mal in Botschaften oder Ministerien irgendwie zum ausgestellt werden. – Danke, Christiane Vielhaber, zur neuen Schau der Bundeskunsthalle, also die vierte jetzt in dieser Serie, "Nur hier", wo gezeigt wird, was in letzter zeit angeschafft wurde.


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