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Werke

<em>Natürlich, wenn man ihn auf der Straße traf, war er nicht einfach irgendein anderer Mensch. Er stand da wie ein Monolith. Seine Stimme war so gewaltig wie er selbst und seine Gestikuliere! war gewaltig, und es war etwas peinlich, mit diesem riesigen Menschen durch einen kleinen Ort zu gehen, der unablässig gestikulierte und erzählte, und jeder, wirklich jeder drehte sich um und beobachtete ihn, wie er die Straße entlangging - ziemlich beunruhigend auf seine Weise, unberechenbar.</em>

Elke Heinemann

Er ist das unbekannteste Genie des 20. Jahrhunderts: John Cowper Powys, der "englische Dostojewskij", geboren 1872 in Shirley, Derbyshire, England, gestorben 1963 in Wales. Der älteste Sohn einer vielköpfigen Künstlerfamilie, der im Verlauf seines 91jährigen Lebens mehr als 50 Bücher schreibt: Romane, Schriftstellerporträts, Gedichte, Briefe, Tagebücher, eine Autobiographie. Dazu Essaybände wie "Kultur als Lebenskunst", "Die Verteidigung der Sinnlichkeit", "Die Philosophie des Trotzdem", "Die Kunst des Älterwerdens" und "Die Kunst des Glücklichseins", die nun in deutscher Übersetzung erschienen sind. Sie stellen John Cowper Powys Lebensphilosophie vor, die von zentraler Bedeutung für das rund 20.000 Seiten umfassende Gesamtwerk ist. In seiner Autobiographie heißt es:

Meine Schriften - Romane und alles andere - sind schlicht und einfach möglichst wirkungsvoll gestaltete Propaganda für meine Lebensphilosophie. Sie ist die Prophetie und Poesie eines Organismus, der sich im Besitz bestimmter magischer Geheimnisse glaubt, die er gern weitergibt.

Er ist kein kritizistischer Denker, sondern ein schöpfungsmächtiger Vortrags- und Verwandlungskünstler, der modernen Glücksforschem vorgreift, indem er die Vorzüge eines multiplen, immer wieder neu zu erfindenden Ichs entdeckt. Kein intellektueller Literat, sondern ein phantasiebegabter Volkshochschullehrer. Von 1904 bis 1934 lebt er in den USA, wo er allabendlich in die Rollen seiner literarischen Idole Dostojewski, Whitman, Homer, Goethe und Shakespeare schlüpft, um deren Werke einem Massenpublikum wirkungsvoll zu präsentieren, ohne seine Stimme ein einziges Mal aufnehmen zu lassen. Ein monomanischer homme de lettres, der schreibt, wie er spricht: rhapsodisch, ekstatisch, inflationär. Zwischen 1915 und 1957 erscheint fast jedes Jahr wenigstens eines seiner seitenstarken Bücher, die seine Anleitung zum Glücklichsein propagieren, seine "Philosophie für jedermann",...

... keine logische Theorie, sondern etwas mit Gefühlen und Nerven, mit Vorstellungskraft und Intuition, ja, mit weiblichen wie männlichen Eigenschaften der natürlichen Intelligenz ... "Philosophieren" bedeutet demnach, mit dem gesamten wahnwitzigen, verrückten und erschreckenden Chaos des Lebens zu ringen, wie es sich für die meisten Menschen in der tagtäglich gewohnten Arbeit sowie in den Plagen und Freuden darstellt, in die wir von Schicksal und Zufall gestürzt werden.

Eine handlungsbezogene Lebenshilfe will John Cowper Powys dem "einfachen Menschen" anbieten, die gleichwohl nicht ganz einfach wirkt - weder im englischen Original, noch in der gelungenen deutschen Übersetzung. Erläuterungen, wie sie der Leipziger Powys-Spezialist Elmar Schenkel früheren Essay-Übersetzungen zur Seite stellte, vermisst man schmerzlich in dieser deutschen Werkausgabe. Entzieht sich doch die eklektische, mäandrische, in den essayistischen Schriften mehrfach umformulierte Philosophie jeder eindeutigen Deutung. K-ein Wunder, sagt die Powys-Interpretin Morine Krissdöttir, denn der Autor gibt sich als ironischer Skeptiker, der selbst die eigene Weltanschauung immer wieder in Frage stellt.

Wir sind alle manchmal dem Wahnsinn nahe. Ich glaube, er erlaubte es sich, darüber nachzudenken und die mögliche Verrücktheit durch Rituale von sich fernzuhalten, die er sehr früh entwickelt hatte.

Er bezieht sich auf künstlerische Denker wie Lao Tse und Emerson, wenn er seine rituelle Selbsthilfetherapie beschreibt, eine archaische Meditationstechnik, eine Kombination von Betrachtung und Phantasie, die Besinnung auf beglückende Empfindungen, die Konzentration auf Naturerscheinungen und uralte Artefakte, die in einer momentanen Ekstase kulminieren kann, in einer flüchtigen Verschmelzung von Innen- und Außenwelt, im Flug der Seele durch die vierte Dimension. John Cowper Powys ist ein Magier, ein Mystiker, ein Metaphysiker der Sinne:

Kurz gesagt handelt es sich um einen Versuch, den "Sinn des Lebens", wie er, wenngleich verschwommen, der Mehrheit der Menschen vorschwebt, die wir "zivilisiert" nennen, gegen einen solchen auszutauschen, bei dem es eher um das wahre Geheimnis des Universums geht.

Er ist bekennender Polytheist, zugleich 'überzeugter Agnostiker, der nach poetischem, nicht nach spirituellem Sinn sucht. Ein Multiversalist, wie der amerikanische Philosoph William James, der das Konzept eines pluralistischen, mit der Erfahrung psychischer Vielfalt korrespondierenden Universums entworfen hat. John Cowper Powys fühlt sich keinem kirchlichen Dogma verbunden, sondern der Natur. Er will sich keinem Gott nahem, sondern Gräsern, Mooskissen, Baumwurzeln.

Dann kommt er zu einem bestimmten Stein, der die anderen überragt, und diesen speziellen Stein hat er irgendjemandem geweiht. Wenn er diesen Stein erreichte auf seinem täglichen Spaziergang, dann presste er seine Hand gegen den Stein und sagte ein paar kleine Gebete für die Person, der er diesen Stein geweiht hatte.

Die Doppelbewegung seiner Trancen, Rückzug in die eigene Innenwelt und Beseelung der Außenwelt durch die Phantasie, prägt das psychische Grundmuster seiner Romanhelden. Sie werben für seine Lebensphilosophie, der er einen kategorischen Imperativ voranstellt:

Enjoy! Genieße! - Zwinge dich, dich all dessen zu erfreuen, was dich umgibt, solange es dich umgibt, und wenn es verschwindet, dann erfreue dich auch daran!"... Das Geheimnis aller Geheimnisse ist es, nicht zu lieben, nicht zu hassen, nichts zu verstehen, nichts anzubeten, nichts zu deuten, nichts zu erklären, sondern, schlicht und einfach, nur zu genießen.

Und zwar allen Widerständen zum Trotz. Toleranz und Demut sind Prämissen dieser Lehre, Erlösung von psychischen Zwängen ist ihr Ziel, ein klares Ja!' zum Leben der Weg. Vermittels seiner magischen Phantasie soll jeder die Welt selbst gestalten und mit ihr seine proteische Persönlichkeit, seine .Lebensillusion'. Sie ist, so der Powys-Kenner Glen Cavaliero, das individuelle Selbstbewusstsein jedes Menschen.

Einer der Ausdrücke, die er am häufigsten gebraucht, ist der Ausdruck .Lebensillusion', und ich glaube, dass er damit den Bezug der Menschen zu sich selbst meinte, zu ihrer eigenen Identität, und, vielleicht sogar, zu ihrem einzigartigen Selbst.

John Cowper Powys Individualismus äußert sich in Sympathien für den katalanischen Anarchismus, für den britischen Labour-Sozialismus. Er ist ein Anti-Snobist des klassenbewußten Mittelstands, der die Anweisungen zur spielerischen Selbstverwandlung für die einfachen, philosophisch nicht vorgebildeten Besucher seiner Literaturshows niederlegt. In dem Essayband "Kultur als Lebenskunst" aus dem Jahr 1929 hebt er den Unterschied zwischen Bildung und Kultur hervor, der seine Lebensphilosophie begründet:

Kultur ist das, was übrig bleibt.wenn man alles bewußt erworbene Wissen wieder verlernt"; und dieses Bonmot mag uns als Warnung dienen, dass wir Kultur nicht mit dem ganzen akademischen Drum und Dran der Bildung in einen Topf werfen sollten. ... Ein gebildeter Mensch beschränkt sein geistiges und ästhetisches Leben auf gelegentliche Besuche in Ausstellungen, Theatern, Museen, Büchereien und Vorträgen. Wenn er sich auf dem Lande erholt, so tut er dies als Sportler, als Golfspieler, als Autofahrer. Er hat dann Ferien; Ferien von der Bildung wie vom Geschäft, aber er entkommt keineswegs der rastlosen Tätigkeit. Für einen Menschen 'von Kultur hingegen geht es in der Frage der Ferien um , alles oder nichts', so wie bei der Frauenliebe in Wilhelm Meister. Ferien sind jeden Tag! Jeder Tag bringt seine eigenen liebenswerten und wohltuenden Sinneseindrücke. Und keine Forderung des praktischen Lebens und kein Bildungseifer darf die aus ihnen entspringende tiefe Ruhe stören. Für den Menschen von Kultur ist jeder Tag vergeudet, der ihm keine Zeit für sein Selbst gelassen hat. Für einen gebildeten Menschen befinden sich die Bilder eines Constable, eines Corot, Hobbema oder Ruysdael alle im Museum; Homers Odyssee, Wordsworths The Prelude und T.S. Eliots Waste Land stehen im Bücherschrank. Wer aber Literatur und Kunst benutzt, um die erregenden Erfahrungen des Lebens zu erhöhen, der hat bewusst oder unbewusst ein Gefühl für die Morgenfrische entwickelt, die durchsichtig wie Tau und fließend wie Nebel auf den Sagengestalten des Corot mit ihrer wehmütigen Grazie liegen.

Kunst wird hier als psychische Stärkung und Lebenshilfe aufgefasst. Ein Gedanke, der im Amerika der Weltwirtschaftskrise von besonderem Interesse ist. Das Buch wird innerhalb eines Vierteljahres elfmal aufgelegt. Auch der Romancier ist erfolgreich mit monströsen, vielsträngigen Büchern, wie er sie selbst gern liest, um den Tag in einen Traum zu verwandeln. In rund 40.000 Briefen, in der ungewöhnlichen Autobiographie und auf der Bühne will er wie einer seiner fiktiven Charaktere wirken, wie ...

... eine Romanfigur, auch auf die Gefahr hin, mich als größeren Schurken und größeren Narren darzustellen, als meine Freunde von mir vermutet haben.

Als sein bester Protagonist vertritt er eine humanitäre, handlungsbezogene Lebensphilosophie, die in unseren Tagen besonders aktuell wirkt. John Cowper Powys pragmatische Lebenshilfe erreicht den deutschen Leser daher gerade zur rechten Zeit.

Quellenangaben: John Cowper Powys: Das essayistische Werk in fünf Bänden

Kultur als Lebenskunst Deutsch von S. & C. Schomers Zweitausendeins 380 S.

Die Verteidigung der Sinnlichkeit Deutsch von Annette v. Charpentier Zweitausendeins, 376 S.

Die Philosphie des Trotzdem Deutsch von Annette v. Charpentier Zweitausendeins, 520 S.

Die Kunst des Älterwerdens Zweitausendeins

Die Kunst des Glücklichseins Zweitausendeins

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