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Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Werner Treß: 'Wider den undeutschen Geist'. Bücherverbrennung 193319.05.2003

Werner Treß: 'Wider den undeutschen Geist'. Bücherverbrennung 1933

Parthas Verlag Berlin 2003, 235 Seiten, EUR 19,80

<strong>Berlin ist reich auch an ganz anderen historischen Schauplätzen. Vor genau 70 Jahren war auch der Berliner Opernplatz ein solcher und mit ihm Plätze überall im Deutschen Reich – Schauplätze der Bücherverbrennungen. Dieses Ereignis, das als Synonym für die Intellektuellen- und Kulturfeindlichkeit des NS-Staates in die Geschichte eingehen sollte, ist Thema einer Neuerscheinung aus dem Berliner Parthas Verlag. </strong>

Rainer Burchardt

"Das war nur ein Vorspiel. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Diese Worte Heinrich Heines, die, nachträglich betrachtet, den Poeten als Propheten erscheinen lassen, haben schon unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis in Deutschland 1933 ihre schreckliche Bestätigung gefunden. Heine indessen hatte aus der Erfahrung der Antike und des Mittelalters anno 1823 diese Worte in seiner Tragödie "Al mansor" niedergeschrieben. Mittlerweile wissen wir, dass die erstmals am 10. Mai 1933 vorgenommenen Bücherverbrennungen durch die Nazis tatsächlich nur ein Vorspiel für den Holocaust waren.

Ganz im Sinne Heines hatte übrigens bei der Bonner Bücherverbrennung der Kunsthistoriker Eugen Lüthgen den martialischen Akt auf dem Bonner Marktplatz so eingeleitet:

Wer immer aber das kostbarste Gut unseres Volkes, die deutsche Sprache, dünkelhaft verschmutzt, wer in anmaßender Frechheit Wert und Würde des deutschen Volksgeistes antastet, auch der gehört, wie Alfred Kerr, Tucholsky und Ossietzky, mit seinem Werk auf diesen Scheiterhaufen.

Dies ist nur eine der vielfältigen Episoden, die der Autor Werner Treß in seinem Report "Wider den undeutschen Geist, Bücherverbrennung 1933", detailliert wiedergibt.

Geradezu symbolisch kann das Bonner Beispiel für die deutschlandweiten Bücherverbrennungen gesehen werden. Vor allem die Hochschulen bzw. deren Professoren und Studenten waren geradezu willfährige Protagonisten des von Goebbels initiierten Fanals der Nationalsozialisten.

Das Anknüpfen an das Wartburgfest von 1817 bei den Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 war unübersehbar gewollt. Neben den Akteuren der Deutschen Studentenschaften und des NS-Studentenbundes umsäumten vor allem Burschenschaften die brennenden Bücherscheiterhaufen. Das "Göttinger Tageblatt" titelte am Tag nach der Bücherverbrennung: "Burschen heraus!" Schon das Erstarken des NS-Studentenbundes an den deutschen Universitäten war auch der Taktik geschuldet, burschenschaftliche Traditionen in die eigene Praxis des politischen Kampfes zu übernehmen. Die Ereignisse des 10. Mai 1933 knüpften direkt an den burschenschaftlichen Gründungsgeist von 1817 an und wirkten daher umso sinnstiftender für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Burschenschaften mit der NS-Bewegung. Dank dieser Symbolik gelang es den NS-Studenten zudem, sich zu Opfern eines bisher übermächtigen "undeutschen Geistes" zu stilisieren, um ihrem brutalen und repressiven Vorgehen den Ausdruck eines leidenschaftlichen Protestes zu verleihen.

Dass hierbei vor allem die deutsch-nationalen Burschenschaften eine unrühmliche Rolle gespielt haben, weist Werner Treß überzeugend nach. Vor allem die rechtzeitig ins Exil gegangenen Schriftsteller, die Crème der Crème der deutschen Literatur, waren es, die den Nazis von Anfang an, ja schon vor der Machtergreifung ein Dorn im Auge gewesen waren. Schon vor 33 kursierten so genannte "Schwarze Listen", die erschreckend akribisch rubriziert waren. So gab es eine Schwarze Liste "Schöne Literatur", in der sich auch ausländische Autoren wie Hemingway wiederfanden. Es gab die Abteilung Kunst, die Abteilung Geschichte und natürlich auch Politik und Staatswissenschaften. Für Werner Treß zeigt dies eindeutig, dass in der unheilvollen historischen Tradition von Bücherverbrennungen und Scheiterhaufen die nationalsozialistische Ideologie gnadenlos exekutiert wurde.

Schon vor der Machtergreifung wurden offenbar Maßnahmen geplant, die man der Öffentlichkeit nicht vorenthielt. Bereits im August 1932 erschien im "Völkischen Beobachter" eine Liste mit Schriftstellern, die als "Repräsentanten einer dekadenten Niedergangsperiode" bezeichnet wurden und denen man ankündigte, sie nach einer Machtübernahme mit Schreibverbot zu belegen: Darunter waren Lion Feuchtwanger, Hugo von Hofmannsthal, Walter Hasenclever, Klaus Mann, Carl Sternheim, Ernst Toller, Franz Werfel, Frank Wedekind, Friedrich Wolf, Stefan Zweig, Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht, Leonhard Frank, Theodor Plievier, Carl Hauptmann und Fritz von Unruh. Joseph Goebbels ging noch weiter und kündigte im "Angriff" an, dieses "schreibende Gesindel (...) an die Wand" zu stellen. Derart offene Morddrohungen waren nicht neu. Bereits 1927 wurde Oskar Maria Graf nach Erscheinen seines Romans "Wir sind Gefangen" im "Völkischen Beobachter" mit dem Galgen gedroht.

Gleichzeitig zeigt dieses Buch auch, wie armselig sich gerade in der sogenannten Elite des deutschen Volkes, beispielsweise bei den Professoren, Feigheit, Mitläufertum und Opportunismus etablierten. So etwa, wenn der Senat der Kölner Universität zunächst die gewünschte Beteiligung an der Bücherverbrennung mit Hinweis auf schlechtes Wetter ablehnt, um dann aber doch in lauer Distanziertheit mit von der Partie zu sein.

Vor allem jenen, die auch heute noch darauf beharren, sie hätten von all den Untaten der Nazis weder eine Ahnung gehabt, geschweige denn etwas gewusst, wird mit diesem Buch sehr deutlich vorgehalten, dass sie nur hätten genau hinschauen müssen, um in den lodernden Flammen der Bücherverbrennungen das Fanal der nationalsozialistischen Mörderbanden zu erkennen. So blind kann kein Volk gewesen sein. Erich Weinert hat in seinem Gedicht "Der Brand auf dem Opernplatz" versucht, bei allem Erschrecken die Tat zu verharmlosen.

Drum griffen sie in ihrem ernsten Grimme Nach unsrem Wort mit ihrer Mörderhand. Sie zündeten ein Feuer auf im Land Und glaubten, dass es in der Glut verglimme. Sie glaubten, sie verbrennen unsre Stimme, Doch war es nur Papier, was sie verbrannt.

Heute wissen wir, es war mehr als nur Papier, was damals verbrannt wurde. Es ist das Verdienst des Autors, die flächendeckende Mittäterschaft des Volkes an Hand belegbarer Fakten gleichermaßen erschreckend wie eindrucksvoll dargelegt zu haben.

Werner Treß: "Wider den undeutschen Geist - Bücherverbrennung 1933". Parthas Verlag Berlin, das Buch umfasst 235 Seiten und kostet 19 Euro und 80 Cent.

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