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StartseiteKommentare und Themen der WocheFür die EU hat die Zukunft begonnen17.05.2018

Westbalkan-GipfelFür die EU hat die Zukunft begonnen

Noch mehr Delegationen, noch bunter, noch unübersichtlicher - rund um den Gipfel in Sofia könne man einen Eindruck von der Zukunft der Europäischen Union bekommen, kommentiert Bettina Klein. Auch wenn ein möglicher Beitritt der sechs Balkanstaaten vieles verkompliziere: Genau diese Vielfalt mache Europa reich.

Von Bettina Klein

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16.05.2018, Bulgarien, Sofia: Bojko Borissow, Ministerpräsident von Bulgarien, begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in der bulgarischen Hauptstadt. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union kommen in Sofia zusammen, um unter anderem über die Konsequenzen der jüngsten Entscheidungen des US-Präsidenten Trump zu diskutieren.  (picture alliance / dpa / Stoyan Nenov)
Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in Bulgarien: Bojko Borissow, Ministerpräsident von Bulgarien, begrüßt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) (picture alliance / dpa / Stoyan Nenov)
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In diesen Tagen in Sofia bekommt man einen Eindruck davon, wie das einmal werden könnte mit dieser Europäischen Union. Noch mehr Delegationen als sonst, noch mehr Pressevertreter - schließlich waren auch die sechs Westbalkanstaaten bei diesem informellen Gipfel dabei. Das Ganze noch etwas bunter, noch etwas unübersichtlicher. 

Auch wenn der Beitritt dieser Länder von Montenegro bis Mazedonien Zukunftsmusik ist – sie gehören nicht nur geografisch, sondern auch emotional zu Europa, wie Österreichs Bundeskanzler es heute formuliert hat. Die Geschichte eines ganzen Kontinents tritt einem vor Augen, gespiegelt in jenen Nationen, die sonst hier nicht dabei sind.

Es macht alles noch viel komplizierter, aber es macht auch den Reichtum Europas aus, auf den wir endlich stolz sein sollten, wie Emanuel Macron in seiner Rede an der Sorbonne gefordert hat. Die Sprachenvielfalt, die Besonderheiten der Kultur, die Last der Geschichte, alles unendlich kompliziert – aber genauso ist nun mal Europa. 

Sofia-Erklärung ist realistisch 

Die Strategie, den Balkan eng an die EU zu binden ist genauso richtig, wie die Tatsache, dass keines der Länder so bald die Aufnahmekriterien erfüllen wird. Und die muss jedes von ihnen einhalten. Man kann der EU nicht gleichzeitig vorwerfen, dass es den Balkan vernachlässigt UND sich in Beitrittseuphorie flüchtet. Beides wäre falsch und die Sofia-Erklärung ist da einigermaßen von Realismus geprägt. 

Auch in einer zweiten Frage, beim Streit um das Iran-Abkommen, zeichnet sich ein potenzielles künftiges Europa ab. Von der amerikanischen Regierung in die Entscheidung gezwungen, muss die EU sich zum ersten Mal seit langem wieder zu sehr grundsätzlichen Fragen verhalten. Im besseren Fall führt das, wie sonst auch im Leben, zu einem Reifungsprozess, der überfällig geworden ist. Europa lernt dazu, ein paar klare, kernige Worte werden im Weißen Haus derzeit eher verstanden als mühsame Anbiederungsversuche. 

Demokratie und Zivilisation - auf mancher Ebene anstrengend

Dazu gehört aber auch die nötige Portion Ehrlichkeit. Wer die EU jetzt vereint in neuer Brüderlichkeit mit Teheran, Moskau und Peking und in klarer Gegnerschaft zu Washington sieht, befindet sich auf dem Holzweg. Wer Stand heute das Ende des transatlantischen Bündnisses diagnostiziert, verrät vor allem etwas über die eigene Untergangslust. In mancher der Schlagzeilen aus den vergangenen Tagen, ob der Westen nun endgültig am Ende sei, schwang etwas von "endlich" mit. Wie ein Aufatmen, sich von einer anstrengenden Bürde befreit zu haben.

Und genauso ist es: Auf mancher Ebene anstrengender mit Demokratie und Zivilisation, als in einem autoritären Führerstaat, der Menschen die Verantwortung abzunehmen scheint. Und gerade deshalb Zuspruch genießt. Anstatt das Erbe von Demokratie und Aufklärung aus der Hand zu geben, muss Europa es verteidigen und darauf setzen, dass es auch in den Vereinigten Staaten überlebt. Verbales Kriegsgeheul wegen empfundener Demütigung ist erfahrungsgemäß nichts, was Europa jemals eine Zukunft bescheren wird.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

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