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StartseiteSport am WochenendeWestgeld für Ostdoping25.07.2010

Westgeld für Ostdoping

DDR finanzierte ihre Dopinganalytik mit Häftlingsfreikaufgeldern aus der Bundesrepublik

Als Mitglied im Zentralkomitee der SED und Leiter der vom Ministerium für Staatssicherheit kontrollierten Kommerziellen Koordinierung war Alexander Schalck-Golodkowski einer der mächtigsten Männer der DDR - und nahm maßgeblichen Einfluss auf den Leistungssport und das Dopingsystem der DDR.

Von Michael Barsuhn

Der Kopf des DDR-Doping-Systems: Manfred Ewald (l.) 1977 auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main mit Willi Weyer, einem westdeutschen Sportfunktionär. (AP)
Der Kopf des DDR-Doping-Systems: Manfred Ewald (l.) 1977 auf einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main mit Willi Weyer, einem westdeutschen Sportfunktionär. (AP)

Die DDR lebte wirtschaftlich von Anbeginn über ihre Verhältnisse. Um der ökonomischen Dauerkrise zu begegnen, mussten westliche Devisen beschafft werden. Seit den 1960er Jahren war hierfür ein eigener Bereich im Ministerium für Außenhandel zuständig: die so genannte Kommerzielle Koordinierung (kurz Koko) unter der Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski. Über 200 Tarnfirmen im westlichen Ausland agierten im Auftrag der Koko. Grenzen waren dem Schalk-Imperium dabei nicht gesetzt. So flossen Gelder beispielsweise aus Waffengeschäften mit Ländern der Dritten Welt. Aber auch die Bundesrepublik füllte die Konten der Koko durch den Freikauf politischer Häftlinge mit über drei Milliarden D-Mark. Im Gegenzug wurden zwischen 1963 und 1989 knapp 34.000 Oppositionelle und Regimegegner aus DDR-Gefängnissen in die Freiheit entlassen. Mit den Einnahmen finanzierte der SED-Staat unter anderem Luxusgüter für seine politische Führung.

Nicht bekannt war bislang, dass auch der Leistungssport der DDR in erheblichem Maße von Geldern aus dem Häftlingsfreikauf profitierte. Mehr als 50 Millionen Westmark, so errechnete der Historiker Matthias Judt vom Zentrum für Zeithistorische Forschung, wurden für Importe zugunsten des Sports und des Gesundheitswesens ausgegeben. Der Potsdamer Sporthistoriker Professor Hans Joachim Teichler:

"Dabei stellte sich heraus, dass das Geld vor allen Dingen angelegt wurde für die Perfektionierung des DDR-Dopingsystems, genauer gesagt der DDR-Dopinganalytik. So belegen die Akten beispielsweise die Anschaffung eines Gaschromatographen für das Dopingkontrolllabor in Kreischa."

Das Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes in Kreischa bei Dresden konnte mit Hilfe der neuen Anlage geringste Substanzmengen nachweisen. Für die Dopingkontrolle war der Gaschromatograph daher unverzichtbar. Vor allem aber sollte die neue Technik dabei helfen, das in der DDR auf staatliche Anordnung spätestens seit 1974 betriebene Zwangsdoping auch minderjähriger Athleten abzusichern und zu vertuschen:

"Man versuchte, die Sportler immer so nah wie möglich heran an den Wettkampf zu dopen. In der Zeit damals gab es ja nur Wettkampfkontrollen, keine Trainingskontrollen. Und um ganz sicher zu sein, hat man dann bevor die Sportler ausreisten noch mal eine Kontrolle vorgenommen. Und wenn die positiv ausfiel, dann erfand man eine Verletzung oder eine Erkrankung, damit der Sportler nicht ins Ausland fuhr."

So Hans Joachim Teichler. Um die ostdeutschen Sportler vor Dopingkontrollen unabhängiger Labore im Ausland zu schützen, griff man zu dem Trick, die Dopingkontrollen im eigenen Land zu einem besonders günstigen Preis anzubieten. Daher gingen viele Aufträge der internationalen Sportfachverbände an Kreischa, wie der des Internationalen Bobsportverbandes im Jahr 1981:

"So konnten dann die Bobfahrer die ganze Saison hindurchdopen, weil sie wussten, unsere eventuellen Proben, Kontrollproben werden ja in Kreischa untersucht und damit sind wir gedeckt."

Der aus dem Westen importierte Gaschromatograph führte zur Perfektionierung des DDR-Dopings. Als offizielle Begründung für den Ankauf wählte die DDR-Sportführung die harmlos anmutende Formulierung: "Absicherung der Vorbereitung der Olympischen Winter- und Sommerspiele 1980". Verantwortlich hierfür zeichneten Manfred Höppner, Leiter des Sportmedizinischen Dienstes der DDR und Sportchef Manfred Ewald, beide nach der Wende gerichtlich verurteilt als Drahtzieher des staatlichen Zwangsdopingsystems.

Eingefädelt wurde das Importgeschäft über die dunklen Kanäle der Kommerziellen Koordinierung. So lieferte die amerikanische Firma Hewlett and Packard die Geräte ohne Lizenz an eine Tarnfirma in der Schweiz, die Exportcontact Zürich AG. Diese wiederum lieferte weiter nach Kreischa. Umgerechnet rund 475.000 D-Mark ließ sich der SED-Staat die Anschaffung des Gaschromatographen kosten. Die Abbuchung der Summe erfolgte vom Konto 0628, dem so genannten "Honecker-Konto", auf dem die Devisenerlöse aus dem Häftlingsfreikauf geparkt wurden. 96 Prozent der Häftlingsfreikaufgelder flossen zwischen 1974 und 1989 auf das "Honecker-Konto".

Mit den Devisen aus der Bundesrepublik wurden auch andere Spezialprodukte für Sportmedizin und Trainingswissenschaft, wie Spritzen oder Videotechnik, beschafft. Sporthistoriker Teichler bilanziert:

"Somit kann ich nachweisen, dass der Westen teilweise das Leistungssportsystem der DDR und die Dopinganalytik des Ostens finanziert hat."

Der 1980 angeschaffte Gas-Chromatograph befindet sich inzwischen übrigens wieder im Besitz der Bundesrepublik. Er ist Bestandteil der Ausstellung "Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland", die im Bonner Haus der Geschichte noch bis zum 10. Oktober dieses Jahres zu sehen ist.

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