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Seit 12:30 Uhr Nachrichten
StartseiteSport am Wochenende"Whistleblower haben nichts zu gewinnen und viel zu verlieren"02.01.2016

Whistleblower"Whistleblower haben nichts zu gewinnen und viel zu verlieren"

Bonita Mersiades war Kommunikationschefin der australischen WM-Bewerbung für 2018 und 2022. Noch vor der WM-Vergabe verließ sie den Verband und packte aus. Als Whistleblowerin ist sie eine der mutigsten Frauen im Weltfußball. Doch der Preis, den sie zahlen musste, war hoch, wie sie im Deutschlandfunk verriet.

Bonita Mersiades im Gespräch mit Marina Schweizer

Bonita Mersiades, FIFA-Kritikerin und Whistleblowerin (imago)
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Marina Schweizer: Bonita Mersiades arbeitete für den australischen Fußball-Verband, auch für die WM-Bewerbungen 2018 und 2022. Die dubiosen Machenschaften, Zahlungen an andere Verbände, die sie dort nach eigener Aussage zu sehen bekam, widerten sie an. Vor der FIFA-Ethikkommission packte sie aus und obwohl ihre Aussage zunächst vertraulich war, wurde sie als Whistleblowerin geoutet. Zusammen mit Informantin Phaedra Almajid gilt sie als eine der bekanntesten Whistleblower aus dem Welt-Fußball. Frau Mersiades, warum haben Sie sich damals getraut über die Machenschaften der FIFA auszupacken?

Bonita Mersiades: Es gibt viele Gründe. Einer davon war: Im Fall der australischen WM-Bewerbung ging es um Geld von Steuerzahlern. Das war eine Motivation. Die zweite war: Ich liebe Fußball schon mein ganzes Leben. Ich bin dem Fußball schon Jahre verbunden, als Amateurspielerin, als Freiwillige, als Mutter und auch beruflich - mein ganzes Leben. Und drittens: Als Weltbürgerin denke ich, wir sollten uns nicht mit globalen Sportorganisationen abfinden, die auf eine bestimmte Art gemanagt werden. Also sollten sie dafür, was sie tun, zur Rechenschaft gezogen werden.

Marina Schweizer: Haben Sie sich denn nie Sorgen um Ihr Leben gemacht oder über Drohungen, denen Sie ausgesetzt sein könnten?

Mersiades: Das ist eine interessante Frage, denn als ich mich zum ersten Mal geäußert habe und als ich zum ersten Mal intern bei meinem Arbeitgeber kritisch nachgefragt habe, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber klar: Mit der Zeit ist es schlimmer geworden. Es fängt mit kleinerer Schikane an, vielen Leuten, die Dinge über dich erzählen, viele Leute hinterfragen deine Beweggründe und das verschärft sich. Die FIFA, auf die ich mich ja als Whistleblowerin beziehe, hat eine Kultur der Einschüchterung und des Schweigens. Wenn du deinen Mund hältst, ist alles ok, wenn du dich traust, deinen Mund aufzumachen, wollen sie dich in Verruf bringen, wo sie nur können.

Schweizer: Was macht Sie heute so stark? Sie treten im Fernsehen auf, sprechen über Ihre Enthüllungen und ursprünglich sollte die Information, die Sie geliefert hatten, ja vertraulich behandelt werden, was sie ja dann nicht wurde. Also - Sie treten ja jetzt ins Scheinwerferlicht und sprechen offen über die Dinge. Was bestärkt Sie darin?

Mersiades: Es ist einfach die Wahrheit. Und wenn du über die Wahrheit sprichst und Dinge, die du gesehen hast und über die du auch ein Weile nachgedacht hast, dann kannst du auch selbstsicher damit umgehen. Es gibt dieses Sprichwort, dass einen die Wahrheit befreit und ich glaube das ist in gewisser Hinsicht auch der Fall. Die Art, wie Organisationen oder Individuen, die zu diesen Organisationen gehören, versuchen, dich einzuschüchtern, zeigt dir tendenziell, dass das, was du sagst, wahr ist und dass sie sehr, sehr besorgt sind. Je besorgter die Menschen in und um die FIFA darüber wurden, was ich erzählt habe, umso mehr haben sie versucht, die Einschüchterungen zu verschärfen. Das hat mir umso mehr gezeigt: Du bist auf dem richtigen Weg, du solltest weitermachen, das ist nicht die Zeit, um aufzugeben.

Schweizer: Um das jetzt etwas konkreter zu machen: Können Sie darüber sprechen, welche Art von Ablehnung Sie erfahren haben oder welche Art von Einschüchterungen Sie zu hören bekommen haben. Welche Probleme hatten Sie, nachdem Sie sich geäußert hatten?

"Irgendwann werden Tricks gegen deine Familie gespielt"

Mersiades: Viele. Es wurde für meine Arbeitgeber zu unbequem, nachdem ich intern zu viele Fragen gestellt hatte. Dann ging es damit los, ich sei inkompetent, damit, dass ich verbittert und verdorben sei, dass ich mich nur an meinem Arbeitgeber rächen wolle. Aber jeder, der mich kennt und jeder, der weiß, wie sehr ich den Fußball liebe, weiß, dass das nicht wahr ist. Das schließt frühere und aktuelle Spieler, Trainer und alle möglichen Leute ein. Irgendwann werden Tricks gegen deine Familie gespielt. Es gibt einige elektronische Sicherheits-Fragen, mit denen man sich auseinandersetzen muss, das Telefon, der Computer, das Haus.

Schweizer: Damit man Sie nicht abhören kann?

Mersiades: Ja, solche Sachen. Ich musste auch mehrmals mein ganzes Computersystem stilllegen. Ich habe einige Websites, die beide schon durch Spam-Attacken aus China, Russland und Indien ausgeschaltet wurden. Es ging sogar so weit, dass mein Anbieter alle seine Websites für 4, 5, 6 Tage abschalten musste, um das in den Griff zu kriegen. Es wurden Dinge aus meiner Vergangenheit ausgegraben, die 24 Jahre alt sind und die übertrieben dargestellt wurden, um mich einzuschüchtern. Und sie haben sogar eine gefälschte Website eingerichtet, die nicht von mir war, für die sie meinen Namen, mein Foto benutzt haben, meine selbst geschriebenen Blogeinträge, in denen ich über Fußball geschrieben habe.

Schweizer: Wissen Sie wer das war?

Mersiades: Ich habe eine sehr gute Vorstellung davon, wer das war. Heute noch konkreter als damals. Wir gehen dem immer noch nach.

Schweizer: War es nachdem Sie sich geäußert hatten, schwer für Sie einen neuen Job zu finden und Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder war das kein Problem?

"Wenn du deinen Mund hältst, bekommst du deinen Job zurück"

Mersiades: Ich habe enorme Probleme gehabt, ich bin seither arbeitslos. Und das nicht, weil ich inkompetent bin. Es ist, weil ich in einem relativ kleinen Land lebe: Australien. Wir haben eine Einwohnerzahl von 23 Millionen Menschen. Der Fußballverband wurde bis vor Kurzem von einem der reichsten und einflussreichsten Männer des Landes geführt. Und wenn er dir sagt: Wenn du Deinen Mund hältst, bekommst du deinen Job zurück. Aber sobald du offen redest, dann bemerkst du, gegen wen du da kämpfst. Ich bin nicht nur arbeitslos, ich habe auch keinen Kontakt mehr zu vielen Menschen, die sich einmal Freunde genannt haben. Du lernst also, wer Deine Freunde sind und das ist etwas Gutes.

Mersiades: Sie waren extrem mutig. Wissen Sie, es ist eine ganz andere Sache, wenn ich Ihnen erzähle, dass bei mir die elektronische Sicherheit eingeschränkt wurde oder dass ich sehr vorsichtig mit manchen Dingen sein muss, die ich mache. Sie haben Sorge, überhaupt in ihr Land zurückzugehen. Das habe ich wenigstens nicht. Ich kann mich frei inner- und außerhalb Australiens bewegen.

Schweizer: Glauben Sie, die Taten der Stepanovs können eine Motivation für Menschen im Sport sein, die Stille zu durchbrechen. Oder ist wird das eher etwas Bedrohliches wahrgenommen, denn die Situation der Stepanovs ist ja sehr schwierig?

Mersiades: Ich glaube, das ist eine persönliche Entscheidung – auch was die Art angeht, wie Menschen Whistleblowing verstehen. Die Stepanovs haben getan, was sie getan haben, sie waren dabei sehr mutig. Menschen, wie mich und eine kleine Anzahl anderer aus dem Fußball, haben das Wort ergriffen. Das braucht Mut. Du brauchst eine gewisse Stabilität gegen Einschüchterungen, du brauchst auch eine gewisse Hartnäckigkeit und du brauchst eine große Widerstandsfähigkeit. Es wird nicht immer zu den persönlichen Umständen vereinbar sein. Das muss man anerkennen. Und manchmal können Whistleblower ja auch Whistleblower sein, ohne dass es jemand mitbekommt, weil sie ihre Information auf andere Art preisgeben.

Schweizer: Sie arbeiten ja momentan an besseren Strukturen für Whistleblower, wenn man das so nennen kann. Was brauchen denn künftige Whistleblower, wenn man ihnen die Angst vor der Offenheit nehmen will?

"Regierungen spielen auch eine Rolle im Sport"

Mersiades: Alle, die um bessere Sportorganisationen und Strukturen bemüht sind, sollten vielleicht in Richtung einer anderen internationalen Organisation Ausschau halten. Eine, die einen übergreifenden Rahmen im Kampf gegen Korruption für den Sport sein kann, die das Sport-Management, die Strukturen und Aspekte, wie Anti-Doping, Spielmanipulation und Rassismus mit beachtet. Also, Dinge, die uns als Bürger auch etwas angehen und wo der Sport auch eine Vorreiterrolle einnehmen kann, die aber momentan traurigerweise nicht gegeben ist.

Schweizer: Wer könnte so etwas gründen?

Mersiades: Es gibt viele Möglichkeiten. Regierungen könnten das übernehmen. Regierungen spielen auch eine Rolle im Sport. Sportorganisationen sagen ja immer, wie wollen nicht, dass sich Regierungen im Sport einmischen, wir sind autonom. Aber: Sport ist ein wichtiger Teil der Gesellschaft, der Kultur in den meisten Ländern. Es ist also auch ein wichtiger Teil dessen, was eine Nation ausmacht. Also: Regierungen sind eine Möglichkeit. Eine andere wäre, dass der Sport selbst sagt. Ok, es ist wichtig, dass Menschen unserem Sport vertrauen. Wir wollen, dass auch junge Leute mit unserem Sport aufwachsen und Sportler werden und dass sie verstehen, dass sie würdige Gewinner sind und nicht wegen etwas anderem. Also könnte der Sport eine externe, unabhängige Organisation einführen. Es gibt mehrere Möglichkeiten.

Schweizer: Letzte Frage: Würden Sie rückblickend wieder aufstehen und auspacken - nach all dem was Sie mitgemacht haben?

Mersiades: Ja, absolut. Und wissen Sie, in einer vorherigen Antwort habe ich auch nicht alles erwähnt, was über mich gesagt wurde und sogar über eines meiner Kinder gesagt wurde. Am Ende des Tages musst du aber dein Leben an seinem Sinn messen, auch an einigen Prinzipien, an die du glaubst. Und wenn es darum geht, wie dein Arbeitgeber sich verhält oder wie der Sport, den du liebst geführt wird, im Fall der FIFA, die Kultur der Angst die sie dort haben. Ich denke, es ist wichtig, den Mund aufzumachen, ich würde nicht zögern und es nochmal tun. Ja, man bezahlt einen Preis. Aber: Whistleblower können oft dadurch charakterisiert werden, dass sie nichts zu gewinnen haben und viel zu verlieren, aber dass sie am Ende das Richtige getan haben.

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