• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:05 Uhr Gottesdienst
StartseiteBüchermarktWider den Zwang zum starken Ich13.02.2012

Wider den Zwang zum starken Ich

Gerrit Confurius: Ichzwang. Für eine Psychologie jenseits des Individuums

Der Germanist und ehemalige Lektor Gerrit Confurius plädiert für eine Neuorientierung von Psychologie und Psychotherapie bei der Bewertung von Schwäche und Stärke eines Individuums. Die französische Psychatriekritik lässt grüßen.

Von Helmut Mörchen

"Dem Zwang zur Ichstärke entkommen". (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
"Dem Zwang zur Ichstärke entkommen". (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

Im Gefolge Nietzsches, Foucaults und Lacans setzt Confurius der Psychotheraphie die Literaturwissenschaft entgegen. Die Letztere in ihrer vor allem vom französischen Strukturalismus und Poststrukturalismus entwickelten Narratologie. So erklärt er am Anfang seines Essays das, was er unter "Ichzwang" versteht, mit der "Erzählung" eines "historischen Ereignisses, der Selbstvernichtung des afrikanischen Volks der Xhosa". In diesem ersten Kapitel "Fälle triumphaler Selbstsabotage" erzählt er außerdem von fiktionalen Figuren, Shakespeares King Lear und der Besatzung des Raumschiffs in Stanley Kubricks "2001.Odyssee im Weltraum". Wem es da beim Lesen schon schwindlig wird, dem ist erst einmal ein Sprung ins letzte Kapitel zu empfehlen.

Da nimmt sich und empfiehlt Confurius "Zeit zum Umdenken". Französischer Psychiatriekritik folgend vermisst er in der gängigen Psychologie und Psychotherapie die Offenheit, manche Anomalien als schicksalsbedingt und damit nicht heilungsbedürftig zu akzeptieren. Und er lobt literarische Texte, in denen Helden scheitern dürfen. Im Zentrum seiner Kritik steht die Bewertung von Traumata. An der Psychotherapie stört Confurius, dass sie "nicht anders kann, als das Problem des Traumatisierten als Abwehr zu registrieren und auf pädagogische Tricks und Maßnahmen" zu sinnen, "dem Patienten zu seiner Gesundheit zu verhelfen, wobei diese Maßnahmen von Strafmaßnahmen genau besehen nicht zu unterscheiden" seien. Die Literaturwissenschaft dagegen habe sich "zu der narratologischen Frage vorgearbeitet, ob und wie sich vom Trauma erzählen lässt".

Zwischen dem rätselreichen Eingangskapitel und dem dagegen leicht eingängigen Fazit am Schluss des Essays kann man die verschiedenen Kapitel als Leseanregungen für die dort zitierten literarischen Werke durchaus auch einzeln goutieren. Andersens berühmtes Märchen von der kleinen Meerjungfrau lohnt sich zum Beispiel als Erzählung von einer unter Ichzwang stehenden und zur Selbstzerstörung führenden grenzenlosen Verliebtheit zu lesen.

In Stresssituationen führt Ichzwang zu paradoxen Interaktionen. Ein interessantes Beispiel ist der "programmierte Verrat" in der neutestamentlichen Passionsgeschichte. Jesus leidet unter der Illoyalität des Judas, weiß aber gleichzeitig, dass das ihm bevorstehende Leiden Teil einer großen Heilungsgeschichte ist. Deshalb muss er Judas "ermutigen", zur Tat zu schreiten, denn dessen Verrat, die Anklage der Juden und die Komplizenschaft der Römer gehören zur göttlichen Inszenierung der Menschheitsrettung. Jesu Tod am Kreuz ein sozusagen nicht mehr zu überbietender Akt der "Selbstsabotage"? Die Confurius so verhasste Psychoanalyse habe "die wissenschaftliche Begründung und Legitimierung des Verrats als Heilmethode und Medizin" nachgeliefert. "Wenn es Jesus nicht bereits gegeben hätte, hätte Freud ihn erfinden müssen", kommentiert Confurius süffisant.

Aufschlussreich auch der Blick auf Sophokles’ "Antigone". Schon ihr Name, "die Dagegen-Geborene oder An-Stelle-von-Geborene", ist Programm ihrer Raserei gegen die Befehle Kreons. Was in der Dichtung gefeiert wird, die Selbstaufgabe aus Liebe zu einem bereits Toten, würde in alltäglicher Realität als behandlungsbedürftige Psychose eingestuft.

Besonders ergiebig ist das Kapitel "Arbeit am Mythos", weil in ihm die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Ichzwang" produktiv wird. Denn immer wieder schwankt Confurius, ob er seinen Zentralbegriff als Ich-Schwäche oder Ich-Stärke verstanden wissen will. Die Dialektik von Stärke und Schwäche präge das Leben der antiken Götter, die, wie er flapsig formuliert, "in der Tat eher geschiedenen Eltern einer Kleinfamilie als der kleinbürgerlichen Kernfamilie" glichen. Die wie Zeus in Kleists "Amphitryon" mit den Menschen zynisch spielten, dafür aber im Unterschied zum Christentum später "dem Individuum einen Spielraum" ließen. Vor dem Hintergrund des dominierenden tadellosen und allmächtigen Gottes im Monotheismus schwärmt Confurius rückblickend von den antiken Mythen:

Mythologie macht Ohnmacht lebbar, Schwäche eingestehbar, Scham darstellbar, das Peinliche hoffähig, die Niederlage sprach- und diskursfähig, Angst artikulierbar […] Wir blicken auf die antike Mythologie als etwas, das überwunden werden muss. […] In Wahrheit könnte es sich um ein Wunschbild handeln, das die Griechen entwarfen, eine Utopie, die damals möglicherweise bereits verloren war.

Unter der Herrschaft eines ideal absoluten Gottes, wie ihn Plato erdachte, oder eben des allmächtigen Gottes der Christen wird "höchste Bedrängnis", in der sich das Individuum keine "Schwächung des Ichs" mehr leisten kann, zum Normalfall. Und wenn man in einem solchen Dauerstress – so Confurius –

… von jemandem den Eindruck gewinnt, sein Ich sei geschwächt, oder er habe es eingebüßt, müsste man stattdessen sagen, er kann nur noch Ich sein. Er kann dem Zwang zur Ich-Stärke nicht mehr entkommen.

Nur in einer Welt ohne Monotheismus und Psychotherapie, meint Confurius, gäbe es "die Möglichkeit von Ich-Schwäche und freiwilligem Sich-Gehenlassen" als die eigentlich wahre Ich-Stärke ohne Zwang.

Die Lektüre dieses immer wieder Überraschungen bietenden Essays ist keine leichte Kost. Sie ist aber allemal den heute so weit verbreiteten leicht zu löffelnden philosophischen Beratersuppen vorzuziehen. Am besten packt man dieses schmale Bändchen als Vademecum in seine Jackentasche und erfreut sich an der einen oder anderen guten, zum Nachdenken anregenden Formulierung, sei sie von Confurius selbst oder aus der Feder der von ihm zitierten Kronzeugen. Und wenn man immer wieder den Eindruck gewinnt, der Autor selbst sei noch auf der Suche, dann spricht das nicht gegen ihn und sein Buch.


Gerrit Confurius: Ichzwang. Für eine Psychologie jenseits des Individuums
Matthes & Seitz, Berlin 2011. 221 Seiten, Euro 14,80.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk