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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Chance auf das Überleben02.06.2018

Widerspruchslösung in der OrganspendeEine Chance auf das Überleben

Mit der Widerspruchslösung wäre jeder gezwungen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen, kommentiert Steffani Balle. Das sei wünschenswert, denn es würde den politischen Willen zur Organspende zeigen - und den Angehörigen die Last der Entscheidung abnehmen.

Von Steffani Balle

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Ein Organspendeausweis, darauf stehen Spielzeugautos: Rettungswagen und Notarzt. (imago / Christian Ohde)
Nur etwa 36 Prozent der Deutschen haben einen Organspendeausweis (imago / Christian Ohde)
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Wer nicht widerspricht, ist automatisch Organspender. Das beinhaltet die Widerspruchslösung. Und Hand aufs Herz: Wem schadet das?

Der Mensch, dem Organe entnommen werden, ist tot! Die Leber, die Nieren, das Herz haben für ihn keine Funktion mehr. Aber vielleicht für jemanden, der auf der Warteliste steht. Vielleicht schon seit Jahren auf ein Spenderorgan wartet.

Die Entscheidung, diesen Menschen das Überleben zu sichern, sollte aktiv und bei Sinnen getroffen werden. Viel zu oft habe ich heute gehört: "Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt". Das stellt in der Situation der Entscheidung die Angehörigen enorm unter Druck. Müssen sie doch im Moment der Trauer auch noch diese schwerwiegende Entscheidung im Sinne des Verstorbenen fällen. Das sollte man seinen Liebsten ersparen!

Hochemotionales Thema

Dreizehntausend Namen stehen auf der Warteliste bei Eurotransplant. Ein Teil von ihnen bekam bei der heutigen Veranstaltung in Saarbrücken zum Tag der Organspende ein Gesicht: Rita, die vor sieben Jahren eine neue Lunge bekommen hat, Gerhard, der, seit er vor zwei Jahren eine neue Leber bekommen hat, wieder bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmacht.

Insgesamt über 70 Jahre geschenktes Leben waren auf dem Tblisser Platz am Nachmittag versammelt. Positive Geschichten, Menschen, die nach ihrer Transplantation wieder Sport treiben. Berührende Geschichten, wie die der Mutter, die im tragischen Tod ihres kleinen Jungen einen Sinn sehen konnte, weil sein Herz in der Brust eines lebendigen Kindes weiter schlägt.

Organspende ist ein hochemotionales Thema. Die Beschäftigung damit unangenehm, geht es doch um die eigene Endlichkeit.

Die andere Frage: Bekomme ich ein Spender-Organ, wenn ich es denn einmal zum Überleben benötige? Diese Frage wird deutlich einfacher gestellt. Nicht umsonst stehen rund 85 Prozent der Deutschen der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Fragt man dieselben Deutschen nach ihrem Spender- Ausweis beantworten das gerade mal 36 Prozent positiv.

Kritik wird lauter

Mit der fatalen Folge, dass Deutschland als Nehmerland bei Eurotransplant da steht.

Die Kritik am deutschen System wird lauter: Nicht nur Interessensgemeinschaften wie der Verein "Gegen den Tod auf der Warteliste" machen sich für die Einführung der Widerspruchslösung auch in Deutschland stark. So handhaben das beispielsweise die Niederlande, Österreich, Italien und Spanien, insgesamt 18 europäische Länder.

Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach schließt sich heute der Forderung nach einer Regeländerung an. Auch die DSO, die Deutsche Stiftung Organtransplantation, sieht die Notwendigkeit, hierzulande eine "Kultur pro Organspende" zu kultivieren. Die hätte als logische Konsequenz eine Gesetzesänderung, hin zur Widerspruchslösung, zur Folge.

Der Wille des Patienten, insbesondere der letzte Wille eines Menschen, hat auch bei der Widerspruchslösung höchste Priorität. Mit dem Unterschied: Jeder wird gezwungen, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen. "Nein" sagen kann man ja auch dann. Das wäre in meinen Augen in zweierlei Hinsicht wünschenswert: Erstens zeigte es den grundsätzlichen politischen Willen zur Organspende und zweitens würde es den Angehörigen die Last der Entscheidung abnehmen.

Transplantationsbeauftragte fehlen

Doch allein damit ist es nicht getan: Die Hektik auf Intensiv-Stationen ist durch Personalmangel hausgemacht. Böse gesagt: Jeder Verstorbene muss nicht mehr überwacht werden. So gehen potenzielle Organspender verloren, geben auch Klinik-Ärzte zu. Auch die Kosten spielen eine Rolle: Ein potenzieller Organspender liegt erst mal eine Zeit lang an teuren medizinischen Apparaten, an der Herz-Lungen-Maschine und wird beatmet. So lange, bis eine Entscheidung getroffen ist. Das kann bis zu zwei Tage dauern. Zwei Ärzte stellen den Hirntod fest, die Angehörigen werden um eine Entscheidung gebeten. Und die soll ohne Zeitdruck erfolgen.

Eigene Erfahrung zeigt: An dieser Stelle fehlen in Deutschland einfühlsame Transplantationsbeauftragte, die die Lage richtig einschätzen und das Gespräch mit den Angehörigen auf angemessene Art und Weise führen. Dass die Ausstattung aller für die Organspende infrage kommenden Kliniken im Land mit solchen Fachleuten im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist, ist ein erster guter Schritt. Und wenn sich Gesundheitsminister Spahn hinstellt und sagt: Jeder Organspender ist ein Lebensretter klingt auch gut. Finde ich. Denn: Erst wenn das Thema Organspende offen und positiv besetzt in der Gesellschaft angekommen ist, haben wir eine Chance aufs Überleben. Ich vielleicht durch eine neue Niere, Sie vielleicht durch eine neue Leber, ihr Kind vielleicht durch ein neues Herz.

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