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StartseiteCampus & KarriereWiderstand gegen staatliche Waldorfschule in Hamburg08.02.2013

Widerstand gegen staatliche Waldorfschule in Hamburg

Kritik entzündet sich an überholten pädagogischen Konzepten

Eine geplante staatliche Waldorfschule in Hamburg stößt auf Widerstand seitens der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Sie hält die der Waldorf-Pädagogik zugrunde liegende anthroposophische Entwicklungslehre für überholt.

Von Axel Schröder

Die anthroposophische Entwicklungslehre nach Rudolf Steiner halten manche Pädagogen heute für widerlegt. (picture alliance / dpa)
Die anthroposophische Entwicklungslehre nach Rudolf Steiner halten manche Pädagogen heute für widerlegt. (picture alliance / dpa)

André Sebastiani versteht die Welt nicht mehr. Der Lehrer aus Bremen gehört der GWUP an, der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften". Und zu diesen Parawissenschaften zählt in seinen Augen auch die Anthroposophie, die Lehren von Rudolf Steiner. Und nun soll, für Sebastiani und seine Mitstreiter völlig unverständlich, im benachbarten Hamburg eine staatliche Schule nach den Steiner-Regeln aufgebaut werden:

"Man darf heute sagen, dass alle grundlegenden Konzepte wissenschaftlich völlig überholt, wen nicht sogar widerlegt sind. Dazu zählt zum Beispiel die anthroposophische Entwicklungslehre, die davon ausgeht, dass sich die Kinder in Sieben-Jahres-Schritten entwickeln. Da gibt es dann so Stufen wie physischer Leib, Astrallieb, Ätherleib."

Und dazu käme dann noch der Eurythmie-Unterricht, in dem die Kinder lernten, ihren Namen zu tanzen, um Kontakt zu kosmischen Kräften herzustellen, so Sebastiani. Sein Untersuchungen hätten ergeben, dass der Anthroposophie ein esoterisches Weltbild zugrunde liege. Und derart geschulte Waldorf-Schullehrer dürfe man nicht auf Schülerinnen und Schüler loslassen. Für besonders verquer hält er die vermeintlich anthroposophische Regel, Kindern erst das Lesen und Schreiben beizubringen, wenn sie die Milchzähne verloren haben.

Sebastiani: "Weil erst dann die 'Bildekräfte' – so heißt das dann -– anfangen zu wirken. Und es eigentlich keinen vernünftigen Grund, Kindern, die zum Teil schon lesen und schrieben können, auf lange Zeit noch davon abzuhalten."

Und das Ganze solle ab dem Sommer 2014 – dann ist die Eröffnung der neuen Schule geplant – auch noch mit staatlichen Mitteln finanziert werden, ärgert sich Sebastiani. Für die GWUP hat er eine Online-Petition initiiert. Darin heißt es - Zitat: Wir sehen in der Waldorfpädagogik eine gefährliche Ideologie, die anti-aufklärerisches, anti-wissenschaftliches und im schlimmsten Fall sogar rassistisches Gedankengut vermittelt. Der Schaden, den eine solche Erziehung bei Kindern und Jugendliche anrichten kann, ist kaum abzuschätzen. Zitat Ende. Bisher unterstützen über 1.600 Menschen die Petition.

Aber nicht nur Sebastiani und seine Mitstreiter von der GWUP regen sich auf, sondern – natürlich - auch die Anhänger Rudolf Steiners. Zum Beispiel der Kommunikationschef des Bundes der Freien Waldorfschulen Henning Kullak-Ublick:

"Was der Herr Sebastiani da verbreitet – entschuldigen Sie! – das ist eine Karikatur der Waldorf-Pädagogik. Genauso, wie es eine Karikatur der Anthroposophie ist. Das sind irgendwelche aus dem Kontext herausgegriffenen Einzelsachen, die er zusammenmixt, dass daraus ein völlig krudes Gebräu entsteht. Das hat mit der eigentlichen Realität an Waldorf-Schulen überhaupt nichts zu tun. Es ist so, dass wir mit dem Schreibenlernen langsamer vorgehen als das an anderen Schulen der Fall ist. Aber das langsame Vorgehen beinhaltet, dass die eine ganze Fülle von Dingen eben gleichzeitig erarbeiten."

Und natürlich könne man, so Kullak-Ublick einzelne Ansichten Rudolf Steiners hinterfragen. Nicht alles, was der Vater der Anthroposophie erdacht hat, würde er für richtig halten, so der Sprecher der Freien Waldorf-Schulen.

Die beiderseitige Aufregung kann Norbert Rosenboom zwar verstehen. Nur teilen will er sie nicht. Der Hamburger Landesschulrat Rosenboom – auch er war früher einmal Lehrer, und zwar nicht an Waldorf-Schulen - hatte die Idee für den Wilhelmsburger Schulversuch:

"Wir haben gewusst, dass es in Wilhelmsburg eine Initiative von Waldorf-orientierten Eltern geben wird. Aus Künstlerkreisen und ähnlichem. Im Grunde genomen ein Bevölkerungsteil von Wilhelmsburg, den wir in dieser Region dringend brauchen. Und dann sind wir auf die zugegangen und haben gesagt: "Bevor ihr eine Privatschule gründet und uns unsere Schülerschaft zerreißt – in Künstler und Übriggebliebene, in Anführungsstrichen - lasst uns doch mal lieber darüber sprechen, ob wir nicht gemeinsam was machen können."

Und dann, so Landesschulrat Rosenboom, wurde miteinander gesprochen. Die Schulbehörde traf sich mit der Initiative "Interkulturelle Waldorf-Schule Wilhelmsburg", die Initiative mit dem Lehrerinnenkollegium der Schule Fährstraße. Zwei professionelle Coachs wurden mit einbezogen und organisierten den am Anfang noch sehr schwierigen Prozess:

"Wir mussten ständig Begriffe wegwerfen. Auf beiden Seiten. Weil wir damit jeweils nichts anfangen konnten. Und dann haben wir eine Pädagogik gefunden, die nenne ich jetzt mal – es ist immer noch ein Versuchsballon: ein Anteil von Waldorf an der pragmatischer Stelle – wo er sinnlich ist, wo er haptisch ist, direkt auf die Natur gerichtet, direkt auf den Menschen gerichtet, auf die Praxis. Verbunden mit einem Leistungs- und Bildungsanspruch des staatlichen Regelschulwesens. Diese Anteile zu verschmelzen, darum ging es uns."

Norbert Rosenboom, das Lehrerkollegium in der Fährstraße und die Initiative "Interkulturelle Waldorf-Schule Wilhelmsburg" sehen bisher keine Hindernisse für ihren Schulversuch. Zumal es in Hamburg mit der Albert-Schweitzer-Schule schon seit den 1960er-Jahren ein ganz Ähnliches Modell gibt. Am Ende müssen sich beide Seiten bewegen. Waldorf-Schulen-Sprecher Kullak-Ublick hält sie auf jeden Fall für möglich: die "Waldorf-Schule light".

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