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StartseiteBüchermarktWie auf einer Insel20.11.2006

Wie auf einer Insel

Arnon Grünberg beschreibt das seltsame Leben der Diplomaten

Die Frage stellt sich stets aufs Neue. Wie kommt ein Schriftsteller zu seinem Thema? Wie fangen Romane an? Oftmals ganz banal:

Im Gespräch mit dem Autor vorgestellt von Johannes Kaiser

" Also das war eigentlich ein schöner Zufall. Ich war eingeladen 2003 in Bogota Kolumbien. Da gibt's auch eine Buchmesse und damals war Holland Schwerpunkt und da gab es auch so ein Mittagsessen bei der Botschafter, so langweilig wie diese Mittagsessen da meistens sind, aber an einem gewissen Zeitpunkt hat er angefangen zu reden und da hat er gesagt, ja vorher war ich in Lima beschäftigt. Das war dann zur Zeit der Geiselnahme der japanischen Botschafter und es war eigentlich ganz komisch, denn es waren keine holländischen Diplomaten auf diese Weihnachtsfeier von der japanischen Botschaft und das gehört sich eigentlich nicht. Es soll immer jemand von der Vertretung hingehen und nun gab es Fragen aus Den Haag und dann gab es Gerüchte, dass eine von unseren Mitarbeitern enge Beziehung gehabt hat zu einem Mitglied von Tupac Amaro, also die Rebellenorganisation."

Eine kleine Anekdote, kaum der Rede wert und doch gab sie Arnon Grünbergs Phantasie genügend Stoff für einen ganzen Roman. 'Gnadenfrist' beginnt sehr ruhig und bedächtig, so wie auch sein Held Jean Baptist Warnke ein sehr ruhiger und bedächtiger Mensch ist. Immerhin ist er die rechte Hand des holländischen Botschafters in Lima. Sein Leben verläuft ohne große Aufregungen, wie es sich für einen Diplomaten gehört. Er pflegt keine Extravaganzen, hält sich im Hintergrund, löst alle Aufgaben effizient und ruhig, lächelt an den richtigen Stellen widerspricht seinem Chef nicht, hat keine eigene Meinung, passt sich an. Er ist zufrieden und glücklich, hat zwei Töchter, liebt seine Frau auch nach 8 Jahren Ehe immer noch. Sie wohnen in einer kleinen Villa in einem ruhigen, gutbürgerlichen Viertel Limas, weitab der Slums und der Armut. Eine Haushälterin kümmert sich um die Kinder, kocht, putzt, hält Ordnung. Seine Frau füllt ihre überreiche Freizeit, indem sie Mode entwirft. Damit ist Warnke eine Idealbesetzung für einen Diplomaten. Seiner weiteren Karriere steht nichts im Wege. Kein Wunder, dass er das Gefühl hat, dass das Leben ihn reich beschenkt hat. Er ist der Prototyp eines Diplomaten, wie ihn Arnon Grünberg immer wieder getroffen hat:

" Ich hab eigentlich schon von Anfang meiner Zeit, das ich tätig bin als Schriftsteller immer wieder ins Ausland Diplomaten kennen gelernt. Das gehört einfach dazu, wenn man Schriftsteller ins Ausland geht und dann will die Botschaft, der Konsul etwas machen und dann hat sich doch herausgestellt für mich, das ist vielleicht eine nicht sehr überraschende Entdeckung, aber das doch eine gewisse Menschentyp gibt sehr oft, der Diplomat ist, und etwas hat mich fasziniert an dieser Welt, vor allem wenn man einfach Deutschland oder Holland oder Frankreich vertritt in Lima oder einem Land wie Bolivien oder auf den Philippinen, dann lebt man wirklich, habe ich beobachtet wie auf einer Insel, alles ist da, Personal, aber irgendwie gibt es kaum oder manchmal sogar keinen Kontakt mit den Leuten, die da leben und das hat auch einer von diesen Menschen mir erzählt, dass er wirklich das Gefühl hat, dass man nicht verrückt, aber irgendwie man verliert ein gewisses Gefühl für Realität, ohne zu merken, vereinsamt man. Die Welt wird so klein und das hat mich auch fasziniert, und diese Menschen sind ja trainiert, höflich zu sein und nie eine wirkliche Emotion zu zeigen, aber ich hab dann gedacht, das kann ja nicht immer gut gehen und man hört hin und wieder mal diese Geschichte, dass es nicht immer gut geht und das fand ich schon faszinierend."

Es kommt, wie es kommen muss. Warnke, der Mann ohne Eigenschaften und Meinungen, entdeckt in sich sehr ungewöhnliche, geradezu bedrohliche Gefühle. Nicht weit von der Botschaft und seinem Haus entfernt gibt es ein kleines Cafe, das er regelmäßig aufsucht, um Zeitung zu lesen und sich die Schuhe putzen zu lassen. Dort trifft er eines Tages auf Malena, eine junge peruanische Studentin. Die weitere Entwicklung ist vorhersehbar. Der Diplomat verliebt sich unversehens und ganz gegen all seine übliche Reserviertheit über beide Ohren in die kleine, dunkelhäutige Peruanerin, die von den Indios abstammt. Er macht sich regelrecht zum Narren, fängt sogar an, für sie Gedichte zu schreiben. Malena lächelt darüber.

" Ich glaube, es ist auch eine Befreiung. Ich würde sagen, er entdeckt, dass sein ganzes Leben war ein großes Schauspiel und er hat selber daran geglaubt an seine Ehe, seine Verliebtheit für seine eigene Frau, an seine Ambitionen, die eher die Ambitionen von seiner Ehefrau gewesen waren. Also er entdeckt, dass das alles eigentlich nicht stimmt, dass er sich was vorgemacht hat."

Dass die Liebe den Menschen blind macht, ist keine neue Erkenntnis und in zahlreichen Romanen bereits durchdekliniert. Arnon Grünbergs Variante ist ziemlich düster und bedrohlich. Auch wenn Malena mit Jean Baptist Warnke ins Bett geht, so bleibt sie doch zurückhaltend und reserviert, während er sie als unverhofftes Wunder ansieht, gar nicht recht weiß, wie ihm geschieht. So begreift er denn auch erst, als es zu spät ist, dass ihn seine Geliebte ausgenutzt, benutzt hat. In all seiner verliebten Naivität hat er nicht mitbekommen, dass Malena politisch aktiv ist und zwar in einer marxistischen Organisation namens Tupac Amaro. Auch ihre Andeutung, dass es besser sei, den Weihnachtsempfang der japanischen Botschaft dieses Jahr zu meiden, hat ihn nicht zum Nachdenken gebracht. Erst als eine Gruppe Terroristen die Botschaft während der Weichnachtsfeier stürmt und die Diplomaten als Geisel nimmt, beginnt er aufzumerken. Malena ist plötzlich verschwunden. Und Den Haag fragt nach, wieso kein holländischer Vertreter beim dem Empfang anwesend war. Warnke gerät in Erklärungsnot. Der Ausgang der Geiselnahme ist bekannt. Der damalige peruanische Präsident Fujimori lässt die Botschaft stürmen, alle Geiselnehmer erschießen. Warnke sieht ihn auf dem Bildschirm zufrieden über die Leichen steigen. Eine von ihnen ist Malena. Als ihm kurz darauf der Botschafter Fotos von ihm zusammen mit Malena präsentiert und seine stillschweigende Demission verlangt, stürzt seine Welt zusammen. Seine Reaktion ist heftig, dramatisch, brachial. Sie verstört. So endet der Roman mit einer völlig unerwarteten Tat.

Arnon Grünberg liebt solche Überraschungsmomente. Seine Romane verweigern prinzipiell ein Happy End. Eine Erklärung findet sich zum Schluss der achtseitigen Reiseimpressionen aus Lima, die dem Roman nachfolgen. Dort schreibt er:

" Wenn man jung ist, glaubt man noch, dass es normale Leute gibt und man nur das Pech hat, sie nicht zu kennen. Später erkennt man, dass das Unsinn ist, dass es keine normalen Menschen gibt. Es gibt nur Patienten. Manche Patienten können sich auf Kosten anderer über Wasser halten, und dann nennen wir sie nicht Patienten. Dann nennen wir sie erfolgreich."

Es ist genau dieser lakonische Witz, der viel Wahrheit enthält, die Gradwanderung zwischen Tragödie und Komödie, bei der es nie zum Absturz kommt, das Einfühlungsvermögen in und die Sympathie für seinen Helden, die den Roman auszeichnen.

Arnon Grünberg: Gnadenfrist
Diogenes Verlag, Zürich

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