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Wie der Urmensch von Afrika nach Europa kam

Universität Köln untersucht Grundfragen der Menschheitsgeschichte

Von Matthias Hennies

Junger Australopithecus afarensis.
Junger Australopithecus afarensis. (AP)

Offenkundig stand die Wiege des Modernen Menschen in Ostafrika. Allerdings geht die Forschung erst jetzt der Frage nach, warum er nach vielen Jahrtausenden schließlich nach Europa auswanderte.

Über die Grundfragen gibt es keinen Streit: Wie der Mensch zum Menschen wurde - und wann.

"Wir wissen, dass der Moderne Mensch Homo Sapiens vor cirka 200.000 Jahren in Ostafrika entstanden ist, und zwar aus zwei unabhängigen Quellen. Einmal aus der Paläontologie, also aus der Beschäftigung mit den Fossilien selbst. Fossilfunde weisen darauf hin, dass eben die ältesten Beispiele des Modernen Menschen in Äthiopien gefunden worden sind und wir haben eine ganze Reihe nächstjüngerer Fossilien über den Vorderen Orient bis nach Europa, das wäre die eine Basis."

Die andere Grundlage, auf der Jürgen Richters Forschung ruht, ist die Genetik: Aus DNA-Vergleichen weiß man, dass die heutigen Menschen eine gemeinsame Wurzel im östlichen Afrika haben. Wie unsere Vorfahren aber den Weg nach Europa fanden, ist noch völlig unklar. Das will Richter, Professor für prähistorische Archäologie an der Universität Köln, mit einem großen interdisziplinären Team endlich genauer herausfinden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird dieses Grundlagenprojekt jetzt in einem neuen "Sonderforschungsbereich" fördern.

"Wenn Sie sich Ausbreitungsmodelle des Modernen Menschen ansehen, dann sehen Sie eigentlich immer Karten mit Pfeilen drauf. Und das ist 'ne Sache, die ich nicht gerne einseitig sehen möchte, sondern ergänzt durch Flächen, durch Regionen, in denen die Menschen gelebt haben."

Die Pfeile auf den Karten suggerieren, dass Gruppen von Menschen zielstrebig nach Europa hinauf gewandert wären:

"Vielleicht unter Führung eines Häuptlings, der sagt: Da geht's lang!"

Einleuchtender ist aber die Vorstellung, dass sich die frühen Modernen Menschen allmählich von einer Region zur nächsten weiterbewegten. Dass sie immer wieder eine neue Heimat fanden und dort lebten, bis sie eines Tages – nach wie viel Generationen? – wieder aufbrachen und weiterzogen. Diese Lebensräume mit ihren Vor- und Nachteilen will Richter untersuchen.

Am Ausbreitungsweg von Ostafrika in den Vorderen Orient, dann durch die Türkei und den Balkan nach Mitteleuropa zweifelt er nicht. Aber auch eine andere, westliche Route von Afrika nach Europa bietet sich an: Der Weg von Marokko über die Meerenge bei Gibraltar.

"Im Moment sieht es so aus, dass die Westroute nicht genutzt worden ist oder sehr spät erst vom Modernen Menschen genutzt worden ist. Man darf aber nicht vergessen, dass dieser Forschungsstand sehr, sehr fragil ist. Der basiert ja auf ganz wenigen Neanderthaler-Fundstätten in Südspanien. Auf ganz wenigen datierten Objekten – wo allein schon neue Datierungsserien das Bild ändern könnten."

Und warum haben die Menschen Ostafrika überhaupt verlassen? Auch diese Frage muss beantworten, wer die Ausbreitung des Menschen von Grund auf erforschen will. Dabei zeigt sich erneut: Man kennt zwar Fossilien der frühen Menschen selbst, aber man weiß so gut wie nichts über ihre Lebensumstände - über Pflanzen, Tiere und Klima in Ostafrika vor 200.000 bis 100.000 Jahren.

Um dazu Daten zu gewinnen, hat Jürgen Richter Geologen und Mineralogen ins Team geholt, die sich auf Sedimentbohrungen spezialisiert haben.

"Man bringt Bohrungen nieder in sogenannten feinlaminierten Sedimenten. Also zum Beispiel in Süßwasserseen, in denen Sie jahrzeitliche Ablagerungen haben mit ganz feinen jährlichen Schichtungen, teilweise auch saisonale Schichtungen, zum Beispiel Frühjahrs-Herbst-Schichtungen, die sie dann jahrgenau abzählen können, dadurch haben Sie eine ganz genaue Datierung dessen, was in den Schichten eingelagert ist."

Und dieses Material gibt Auskunft über die Lebensbedingungen: Aus bestimmten chemischen Elementen etwa kann man auf das Klima schließen. Oder der Blütenstaub jahrtausendealter Pflanzen hat sich im Boden der Seen erhalten. Und Aschereste geben Hinweise auf Vulkaneruptionen.

Geografen sollen das Bild ergänzen, indem sie die ehemalige Landschaft Ostafrikas rekonstruieren. Archäologen werden nach Siedlungsplätzen, nach Werkzeugen, Waffen und Nahrungsresten des frühen Modernen Menschen suchen. Im Zentrum der Arbeit aber wird die Rekonstruktion des Klimas stehen: Einen Wandel des Klimas sehen Forscher heute meist als Ursache großer Wanderungsbewegungen an – ob in dunkler Vorzeit oder in jüngeren Jahrhunderten, als Geschichtsschreiber schon Namen und Taten festhielten.

Jürgen Richter vermutet, dass das Ende der Warmzeit vor rund 200.000 Jahren die Wanderungen des Modernen Menschen ausgelöst haben könnte: Vielleicht war damit eine Bevölkerungszunahme verbunden, vielleicht mussten die angewachsenen Gruppen von Menschen neue Lebensgrundlagen erschließen. Auch hier ist – in einem ethnologischen Projekt – noch Grundlagenforschung zu leisten, denn bisher wurden nur Einzelfälle untersucht.

"Zum Beispiel bei uns in Mitteleuropa zeichnet sich ab, wenn man in die vorgeschichtliche Zeit zurückguckt, dass Jäger- und Sammler-Populationen gerade dann gewachsen sind, wenn es etwas kühler geworden ist, wenn nämlich die kurzlebigen Steppengräser sich stärker ausgebreitet haben, die wiederum die Lebensgrundlage bilden für die Huftiere, die für den Menschen natürlich dann als Fleischlieferant sehr wichtig geworden sind."

Der Moderne Mensch hat sich vor rund 200.000 Jahren entwickelt – doch sehr viel Zeit verging, bis Dynamik in die Menschheitsgeschichte kam. Erst vor etwa 40.000 bis 30.000 Jahren machte der Mensch große kulturelle Fortschritte: Bessere Jagdwaffen wurden erfunden, die ersten bekannten Kunstwerke entstanden. In dieser Phase verdrängte der Homo Sapiens Sapiens seinen Konkurrenten in Mitteleuropa, den Neanderthaler. Und genau zu dieser Zeit kam es zu starken, schnellen Klimaschwankungen – ein Zufall?

"Wir denken, dass hier der Schlüssel liegen muss für sehr starke Populationsschwankungen, sowohl bei Neanderthalern als auch bei Modernen Menschen und dass aus dieser Situation heraus der Populationsvorteil für den Modernen Menschen erwachsen ist. Wir vermuten einfach ein großes Populationswachstum, das dann zu einer sozialen Verdichtung geführt hat, größeren Gruppengrößen vielleicht, sodass eben technologische Neuerungen besser erhalten geblieben sind und damit die ganze kulturelle Dynamik stärker in Gang gekommen wäre – aber auch das ist im Moment eine Arbeitshypothese."

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