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StartseiteInterview"Wie die kleinen Kinder"13.08.2012

"Wie die kleinen Kinder"

Beachvolleyballer Reckermann über den Moment der Freude nach dem Olympiasieg

Jonas Reckermann ist einer der beiden Sportler, die Deutschland die Goldmedaille im Beachvolleyball bescherten. Vor drei Jahren wurde das Team bereits Weltmeister. Dennoch sei der Sieg bei Olympia "eine ganz andere Nummer", sagt Reckermann. Dort schaue nunmal die ganze Welt auf den Sport und die Spieler.

Jonas Reckermann im Gespräch mit Jasper Barenberg

Freude nach dem Sieg: Jonas Reckermann (l.) und sein Teamkollege Julius Brink (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Freude nach dem Sieg: Jonas Reckermann (l.) und sein Teamkollege Julius Brink (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Einspielung: "Vierter Matchball für das deutsche Team. Vierter Matchball für Julius Brink und Jonas Reckermann. Da ist man so nervös, da kann man kaum die Zahlen aufschreiben. Und jetzt Ellison, dieses Zwei-Meter-Monster aus Rio, setzt sich noch mal seine Mütze auf. Er weiß, jetzt wird es eng, ganz eng. Emanuel auf Ellison, Ellison auf Emanuel. Reckermann vorne – der Ball ist im Aus, ist der Ball im Aus? Der Ball ist im Aus! Der Ball ist im Aus! Gold für die Beachboys aus Deutschland! Gold für Julius Brink und Jonas Reckermann."

Jasper Barenberg: So hat unser Reporter den entscheidenden letzten Ballwechsel zwischen dem deutschen Beachvolleyballerteam und ihrem brasilianischen Gegner in London erlebt. Im Gespräch habe ich Jonas Reckermann gebeten, uns an diesen letzten Sekunden am Ende eines dramatischen und spektakulären Spiels noch einmal teilhaben zu lassen.

Jonas Reckermann: Ja, es waren ein paar ungläubige Momente. Mir kam es vor wie Minuten, bis der Schiedsrichter entschieden hatte. Es waren natürlich nur Bruchteile von Sekunden wahrscheinlich. Ja, ich meine, ich bin ja der Blockspieler, ich habe den Ball nicht genau gesehen. Ich drehe mich dann mit der Landung um und sehe, dass seitlich der Linie der Sand da noch aufspritzt, aber ich sehe den Abdruck nicht genau. Und Julius hat dann aber gerufen, 'aus, aus!'. Das heißt noch nichts, das macht man auch schon mal. Und dann hat der Schiedsrichter dann aber nach etwas Zögern dann auf unsere Seite gedeutet, also uns den Punkt gegeben und, ja, dann sind alle Dämme gebrochen, dann haben wir uns gesagt, bevor der Schiedsrichter auf die Idee kommt, runter zu kommen und den Abdruck zu kontrollieren, was er theoretisch machen könnte, fangen wir schon mal mit dem Feiern an, weil dann kommt er hoffentlich nicht mehr runter und, na ja, so war es dann.

Barenberg: Und Sie haben gefeiert wie die Kinder, war mein Eindruck. Sie sind rumgehüpft im Sand ...

Reckermann: Ja, wir konnten es nicht fassen, also, wir waren ja schon super happy nach dem Gewinn des Halbfinales, das war emotional vielleicht noch ein bisschen stärker, weil wir uns einfach damit einen superlang gehegten Traum erfüllt haben, eine Medaille gewonnen zu haben. Und dann ging es im Finale im Prinzip nur noch darum, jetzt das I-Tüpfelchen und die goldene zu holen. Und das war einfach ein unbeschreiblicher Moment. Ich konnte es in dem Moment gar nicht richtig fassen, ich habe dauernd gedacht, Mist, jetzt wache ich gleich auf und dann, weiß ich nicht, steht das erste Spiel der Olympischen Spiele bevor oder so ähnlich – ja, das trifft das schon ganz gut, wie die kleinen Kinder, ich glauben, in dem Moment konnte man das genauso sehen.

Barenberg: In diesem entscheidenden kurzen dritten Satz, "Decider" genannt, haben Sie und Julius Brink beim Stand von 14 zu 11 drei Matchbälle vergeben. Und genau in dieser Situation waren Sie ja schon mal genau gegen die beiden Brasilianer in einem früheren Turnier und haben danach verloren. Wie müssen wir uns diesen Augenblick in Ihren Köpfen vorstellen? Wie haben Sie sich da versucht, noch einmal zu konzentrieren, dass jetzt nicht das Gleiche abläuft wie bei dem Turnier früher?

Reckermann: Das Gute ist ja in dem Moment, dass bei uns wirklich nur relativ wenig Zeit zwischen den Ballwechseln bleibt. Unsere Auszeit hatten wir schon zu einem vorherigen Zeitpunkt genommen, deswegen konnten wir da auch nicht noch Extrazeit gewinnen. Und dann haben wir noch zwölf Sekunden zwischen den Ballwechseln. Und da bleibt nicht so viel Zeit. Dann ist ... leider auch noch einmal eine ganz blöde Situation passiert, dass der Ball zwischen uns reinfällt, den einfach keiner genommen hat, das war gar kein richtig guter Aufschlag. Und dann muss man sich schon mal ganz kurz sammeln. Und ich hab gemerkt, dass Julius sich schon richtig geärgert hat. Und ich hab mich natürlich auch geärgert, aber ich habe gedacht, okay, gehe ich mal kurz rüber zu Julius und dann klären wir mal eben, dass wir wirklich nur noch einen Ball brauchen, einen Angriff und dann haben wir wieder einen Matchball und dass wir uns nur auf diesen einen Ball konzentrieren und nicht überlegen, was wir jetzt gerade vielleicht schon für einen Vorsprung verspielt haben. Und ja, das hat zum Glück geklappt. Aber es ist auch so, es kommt halt auch vor, dass in unserer Sportart auch mal drei Punkte in Folge an ein Team gehen. Insofern ist das jetzt auch nicht etwas, was nur alle vier Jahre mal passiert. Sondern solche Situationen kennen wir, auch wenn die natürlich aufgrund der Vorgeschichte und dadurch, dass es im olympischen Finale passiert, natürlich doch noch mal eine andere emotionale oder psychologische Dimension bekommt.

Barenberg: Die Fachleute sagen, es kommt auf alles Mögliche bei so einem Spiel an, auf Technik, auf Taktik, auf Präzision, auf individuelle Klasse, auf Nervenstärke. Was, würden Sie sagen, hat bei diesem Spiel gegen diese beiden Gegner, gegen die Sie, glaube ich, zwei Jahre nicht mehr gewonnen hatten, was hat da im Rückblick den Ausschlag gegeben?

Reckermann: Also erst mal, dass es überhaupt so spannend war und wir das Spiel offen gestalten konnten gegen so ein Weltklasse-Team, da ist klar, es muss alles vorhanden sein. Also nur mit psychologischer Stärke gewinnt man nicht gegen so ein Team. Nur mit Athletik auch nicht, und auch Technik alleine reicht nicht aus. Sondern da muss schon alles zusammenkommen. Dass es dann am Ende wirklich gereicht hat, ich glaube, das ist schon so, dass wir da unsere psychologische Stärke eigentlich ausspielen konnten. Wir sind immer ein Team gewesen, was mit Druck sehr gut umgehen kann und was vor allem fighten kann. Also wir haben schon ganz oft Spiele umgebogen, weil wir einfach bis zum letzten Punkt kämpfen, aber auch an uns glauben. Und das hilft einem dann, wenn man dann auch bei einem so wichtigen Spiel in dieselbe Situation kommt, dass man da am Ball bleibt und wirklich positiv weiterdenkt und sich da nicht von diesen negativen Ereignissen überrollen lässt, sondern auch dann wirklich einen kühlen Kopf bewahrt und eben das Spiel noch mal dreht.

Barenberg: Gerade beim Beachvolleyball, wenn man dem ganzen Spektakel zuschaut, mit der Musik drum herum, mit dieser Gute-Laune-Atmosphäre, der Sand, das sieht ja alles so leicht und so spielerisch aus, aber es steckt doch jede Menge Arbeit dahinter, oder, hinter so einem Erfolg?

Reckermann: Auf jeden Fall. Ich glaube, wir haben wirklich eine Sportart, wo diese Mischung sehr gut ist. Für die Zuschauer und überhaupt für die Atmosphäre herrscht eine tolle Stimmung, es wird viel geboten neben dem Sport auch, er hat so ein bisschen Urlaubsflair auch auf den Tribünen oder auch, meinetwegen auch ein bisschen Party, was für uns völlig in Ordnung ist. Also ich brauche jetzt nicht - wie im Tennis -, dass da bei jedem Ballwechsel man einen Münze fallen hören würde. Auf der anderen Seite ist es aber absoluter Profisport. Also die Teams, die dann unten stehen auf dem Feld und spielen, die machen nichts anderes, da sind zumindest mal die ersten 50 bis 100 Teams der Welt sind alles Vollprofis, die auch im Winter keinen anderen Job machen, sondern sich eigentlich nur um ihre sportliche Karriere kümmern. Und da steckt viel harte Arbeit hinter und eben auch ein großes Team. Also wir haben alleine drei Trainer, wir haben einen Sportpsychologen. In Trainingslagern haben wir einen Physiotherapeuten an der Seite. Wir haben ein Management, das tolle Arbeit leistet, und nicht zuletzt auch unsere Frauen, die uns unterstützen. Also es stehen doch eine ganze Menge an Leuten und ein großes Team dahinter, die sicherlich auch einen nicht geringen Anteil daran haben, dass wir jetzt diesen Erfolg einfahren konnten.

Barenberg: Und Erfolg sind sie ja durchaus gewöhnt. Sie haben den WM-Titel vor drei Jahren errungen, Sie haben WM-Bronze 2011 erreicht, Sie sind Europameister in dieser und der vergangenen Saison. Jetzt die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen, ist das trotzdem noch mal was ganz anderes, was ganz Besonderes?

Reckermann: Absolut. Also, rein sportlich gesehen ist ein WM-Titel sicherlich nicht weniger wert, sondern vielleicht ein bisschen mehr, weil dort bis zu vier Teams pro Land teilnehmen dürfen, also vier Brasilianer, vier Amerikaner und auch Deutsche. Aber Olympia ist einfach eine ganz andere Nummer. Also Olympia ist das sportliche Highlight in der Welt, das gibt es nur alle vier Jahre. Und ich zumindest habe immer schon, auch als kleines Kind schon davon geträumt, mal bei Olympischen Spielen teilzunehmen. Auch diese ganze Öffentlichkeitswirkung und das, was man durch solche Erfolge auslöst – das, was auch wir gerade erfahren, das ist doch bei Olympia doch noch mal was ganz anderes. Da schaut die ganze Welt auf den Sport und dann auch auf uns und, ja, auch für die Sportart ist das natürlich sensationell, dass unter anderem das Finale so ein hochklassiges und spannendes Match gewesen ist.

Barenberg: Jonas Reckermann, zusammen mit Julius Brink Olympiasieger im Beachvolleyball. Danke, Herr Reckermann, für das Gespräch!

Reckermann: Vielen Dank, gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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