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StartseiteBüchermarktWie durch ein Vergrößerungsglas14.05.2013

Wie durch ein Vergrößerungsglas

Susanne Schedel: "Wer soll das denn anziehen, bitteschön", Rowohlt

Susanne Schedels Erzählungen sind vielmehr Romanminiaturen. In ihrem erst zweiten Buch schafft sie es, die Bewegungen der Welt und ihre feinsten Verwerfungen und Brüche sichtbar zu machen. Ihre Sprache bleibt dabei frei von abgegriffenen Vokabeln.

Von Hartmut Kasper

Susanne Schledens Erzählungen sind unbemüht, schnörkellos und ohne lexikalisches Getue (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)
Susanne Schledens Erzählungen sind unbemüht, schnörkellos und ohne lexikalisches Getue (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

"Wer soll denn das anziehen, bitteschön?",

fragt die Mutter, als sie vor einer Vitrine steht, in der Fotos einer Modenschau zu sehen sind. Ihre Tochter, die Ich-Erzählerin, hat ihr Medizinstudium aufgegeben und lebt nun als Studentin einer Kunstakademie in Amsterdam. Dort arbeitet sie an einer ersten eigenen Kollektion. Schon die Mutter hat viel genäht, aber auf die Idee, aus Textilien Kunst zu machen, wäre sie nie gekommen.

Eine Verwandte der Familie, Karolina, lebt als Ordensschwester in einem Kloster. Die Ich-Erzählerin besucht sie seit Kindertagen immer wieder.

Am Ende der Geschichte ist diese Karolina hochbetagt gestorben, und die Ich-Erzählerin erinnert sich an jenen fernen Tag, an dem sie, ein vierjähriges Kind, ihr zum ersten Mal begegnet war und ihren schwarzen Schleier getragen hatte, an den Tag, an dem sie – wenn man so will – Tuchfühlung aufnahm mit dieser Verwandten und zugleich ihre Liebe entdeckte zum Stoff.

Zugegeben, diese Geschichte klingt nicht so, als müsste sie demnächst dringend von Quentin Tarantino verfilmt werden, mit Til Schweiger in einer tragenden Nebenrolle, in den Kulissen eines malerischen deutschen Klosters, voller funkelnder 3-D-Effekte und finanziert vom Deutschen Filmförderfonds.

Alles Spektakuläre der Art geht der Geschichte ab.

Tatsächlich aber ist diese Erzählung so spektakulär, wie Literatur überhaupt nur sein kann, und sie ist nicht die einzige spektakuläre Geschichte dieser Sammlung in diesem erst zweiten Buch von Susanne Schedel.

Dabei bieten die Plots der Autorin nun wirklich keinen Wettstreit olympischer Götter und Helden:

Eine Studentin wechselt die Fachrichtung; eine ältere Dame gewinnt beim Roulette in der Spielbank von Bad Kissingen 4000 Euro; eine wissenschaftliche Hilfskraft macht sich an eine literaturgeschichtliche Doktorarbeit und vernachlässigt darüber seine Freundin; eine Frau kommt weder mit ihrer "Dreiundvierzigjährigkeit" zurecht noch damit, dass die Töchter ihrer Halbschwester erwachsen werden; eine stellungslose Werbegrafikerin wird von ihrem Cousin zu einem Kurzurlaub nach Italien eingeladen.

Die Autorin erzählt Geschichten wie diese, Geschichten, die noch die niedrige Aufmerksamkeitsschwelle der örtlichen Anzeigeblättchen unterlaufen würden, geschweige denn, dass sie von überregionalem Interesse wären.

Das Spektakel spielt sich ganz und gar auf der sprachlichen Ebene ab, aber auch dort unbemüht, schnörkellos und ohne lexikalisches Getue.

Als die Ich-Erzählerin der Titelgeschichte einmal einen Silvesterabend im Kloster ihrer Tante verbringt, liest sich das so:

"In der Ferne quietschten verfrühte Raketen. Wir kamen an vielen dunklen Holztüren vorbei in diesem Gang. (…) Es war, als ginge man durch ein schlafendes Dorf. (…) Der Schnee auf den Feldern schien zu phosphoreszieren, sein Widerschein färbte den Himmel violett. (…) Um Mitternacht hob sich das Feuerwerk aus dem Dorf. Leuchtkugeln schossen hoch und zerstoben in einen Schirm aus Licht, andere zerfielen in bunte Tropfen und verglühten. Ich trank die Sektflasche aus, und für Sekunden glaubte ich zu wissen, wie hoch der Himmel wirklich war." (S. 47ff)

Immer wieder lässt die Autorin ihre Figuren flüchtige Momente erleben, die doch zu Wendepunkten werden, und öffnet ihnen die Augen für das Maßlose und Erschütternde des Alltags, für …

"…die Kartoffeln, die ich vor ein paar Tagen bei Aldi gekauft hatte (…). Ich dachte außerdem noch, dass der Mangel auch Vorteile haben konnte, wenn man es so sehen wollte oder sich daran gewöhnen musste. Es hatte Augenblicke gegeben, in denen mich der Mangel sicher gemacht hatte und ruhig, weil er, wie eine Primzahl, nicht mehr teilbar war außer durch eine eins und sich selbst." (S. 194)

Schedels Figuren handeln nicht im leeren Raum. Die Autorin spürt bevorzugt den familiären Verzweigungen und Verästelungen nach. Hier, in diesem gegen die Außenwelt abgeschlossenen Reservat Familie, das gezeichnet ist von gemeinsamer Geschichte, bewegen sich Eltern und Töchter, Brüder und Schwestern, Tanten und Nichten, Cousins und Cousinen, aber nicht wie auf sicherem Terrain, sondern eher wie in einem magischen Bannkreis oder – um keinen Hauch von Dämonologie aufkommen zu lassen – wie in einer Vitrine.

"Dann beschrieb die Straße einen Bogen. (…) Schon seit ein paar Kilometern hatte Maya das Gefühl, dass die Luft hier dünn war, doch jetzt war sie beinahe sicher, dass sie nur deshalb noch atmen konnte, weil sie in ihrem Auto wie in einem Raumschiff durch das Vakuum draußen glitt, von künstlich produziertem Sauerstoff am Leben gehalten." (S. 20)

Ein Leben wie hinter Glas gefangen, wie unter eine Zeitlupe gelegt:

"Das Kurhaus hat eine Fassade aus hohen Säulen, und auf dem Platz davor gibt es ein Café. (…) Die Besucher bewegen sich kaum, nur ihre Gesichter folgen der Sonne, langsam wie Blumen." (S. 93)

Wenn man diesen Erzählungen überhaupt etwas vorwerfen wollte, wäre es ihre Metaphernseligkeit, ihre merkbare Lust an Bildern, am Aufspüren von geheimen Verbindungen zwischen dem Leben der Figuren und der Welt der entsprechenden Dinge.

Aber ein echter Vorwurf ist das natürlich nicht. Denn in diesen Vergleichen verlieren die Lebensgeschichten alles Definitive, alles Festgeschraubte und Funktionale, das Figuren in literarischen Texten sonst oft an sich haben, wenn es gilt, eine Story voran und auf eine Pointe zu zu treiben. Schedels Figuren dienen keinem Witz, sie lösen keinen Fall. Sie triumphieren auch nicht über eine heillose Welt, sie halten ihr nicht einmal heroisch Stand.

Das Buch versammelt acht Erzählungen, die weniger Short Story als Romanminiaturen sind, hoch komplexe, vielfach schattierte Lebensgeschichten, die nicht weltbewegend sein mögen, aber die Bewegungen der Welt, ihre feinsten Verwerfungen und Brüche sichtbar machen wie durch ein Vergrößerungsglas – Erzählungen in einer Sprache zudem, die wie frisch geprägte Münzen ist, frei von abgegriffenen Vokabeln, witzig, vielversprechend, und bei aller gelegentlichen Melancholie frei von Larmoyanz.

Susanne Schedel: Wer soll das denn anziehen, bitteschön? Erzählungen.
Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg 2013, 217 Seiten, 18,95 EUR

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