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StartseiteBüchermarktWie eine Mine, die hochgeht16.09.2007

Wie eine Mine, die hochgeht

Wiedergelesen: Joan Didions epochaler Roman "Demokratie"

Es war Joan Didions Mann, ihr Schriftstellerkollege John Gregory Dunne, der ihr, als dieses widerspenstige Manuskript endlich fertig geworden war, empfahl, den Roman "Demokratie" zu nennen. Und so kam es; Didion und Dunne waren ein Paar, das literarische Arbeit als Lebensgemeinschaft begriff: 1984 erschien "Democracy" in den Vereinigten Staaten. Dreißig Jahre später starb John Dunne plötzlich, Joan Didion hielt die Anstrengung des Überlebens in ihrem Bericht "Das Jahr magischen Denkens" fest. Das Buch machte 2006 ihren Namen auch in Deutschland Lesern bekannt, die sich für Didion, eine der bedeutendsten politischen Publizistinnen der USA, zuvor nicht interessiert hatten.

Von Julia Schröder

"Democracy" ist das Wiederlesen wert. (AP)
"Democracy" ist das Wiederlesen wert. (AP)

Dieser Erfolg dürfte dem Claassen Verlag die Entscheidung erleichtert haben, nun auch "Demokratie" neu herauszubringen. Die Handlung des Romans kulminiert im März und April 1975, als die Vereinigten Staaten Saigon aufgeben, als Inez Victor ihren Mann, den Kongressabgeordneten Harry Victor, verlässt und mit Jack Lovett, einem Fachmann für internationale Graugeschäfte, auf- und davongeht, als ihre Tochter aus der Drogenentzugsklinik verschwindet, um sich in Vietnam "'nen Job zu suchen", ausgerechnet da, wo die amerikanische Überzeugung, Modell für die ganze Welt zu sein, gerade schmerzhaft mit der Realität kollidiert, als Inez' Schwester Janet auf der Terrasse ihres Hauses auf Oahu, Hawaii, samt ihrem japanischstämmigen Liebhaber von ihrem eigenen Vater erschossen wird.

Harry Victor muss vor dem Hintergrund des doppelten Skandals im Verlauf des Sommers 1975 seine Ambitionen auf die Präsidentschaftskandidatur aufgeben. Inez Victor, geborene Christian, tut, was sie Jahrzehnte zuvor hätte tun sollen, damals, Anfang der Fünfziger, als Jack und sie ihre asymmetrische Affäre hatten, das Schulmädchen aus altem weißem hawaiianischen Kolonialadel und der rastlose, undurchsichtige Lebemann in Leinenanzügen, der die Atomwaffentests auf Atollen im Pazifik mit lebhaftem Interesse zu beobachten pflegte. Sie tut es, und es wird zu spät gewesen sein.

Durch diese Ehe-, Familien- und Liebesdramen vor hochpolitischem Hintergrund geistern immerzu die Leichen im Keller der Familie Christian, die Lebenslügen dessen, was man so Upperclass nennt. All die wie hinskizzierten Szenen auf Oahu, in Hongkong oder auf dem St. Regis Roof in New York City, die verbalen Schlagabtausche in Diners, auf Flughäfen, in Krankenhausfluren und Trauerhäusern sind ausgeleuchtet von den gleißenden Scheinwerfern einer Mediengesellschaft, deren Gesetzen sich tunlichst unterwirft, wer in der Demokratie eine Rolle spielen will. Sich all dies vor Augen führend, sollte man annehmen, bei "Democracy" müsse es sich um ein sehr voluminöses Buch handeln. Das Gegenteil ist der Fall.

Joan Didion hatte in der Tat zunächst ein viktorianischer Gesellschaftsroman vorgeschwebt. Gelungen ist ihr eine Geschichte aus lauter Ausschnitten und Andeutungen, die vor Schlankheit vibriert. Dass die Autorin in Gestalt der literaturtheoretisch beschlagenen Erzählerin gelegentlich durchblicken lässt, wie genau sie weiß, was sie da treibt, tut dem keinen Abbruch, sondern fügt dem Lesegenuss eine weitere Geschmacksnuance hinzu. Denn "Demokratie" ist eben dies: ein Genuss, bei aller Verdichtung und Verknappung zuweilen von strotzender Sinnlichkeit, zuweilen von herzzerreißender Lakonie.

Diese kulinarischen Qualitäten lassen den Leser streckenweise fast übersehen oder vergessen, wie scharfsinnig und scharfsichtig Joan Didion die Erfahrungen, die sie als schreibende Beobachterin, aber durchaus auch als Mitglied der politisch tragenden Klasse der USA gemacht hat, in realistische Literatur verwandelt. Mit einer Virtuosität, die nichts Abgeklärtes hat, zeigt sie das Verhalten typischer Vertreter der Eliten ihres Landes in exemplarischen Situationen und lässt beides reagieren wie zwei Komponenten eines Sprengstoffs. Bei einem Empfang 1969 in Djakarta etwa, als der Kongressabgeordnete Victor sich quasi inoffiziell mit der Visite "einer Demokratie im Status Nascendi" schmücken will: Inez erinnert sich später, "dass Harry immer wieder sagte, Amerikaner bekämen in Südostasien wichtige Lektionen erteilt. Sie erinnerte sich, dass Jack Lovett schließlich sagte, ihm falle nur eine Lektion ein, die die Amerikaner in Südostasien erteilt bekämen. Was das für eine sei, sagte jemand (...), und Jack Lovett schnitt eine Zigarrenspitze ab, bevor er antwortete. - ,Dass eine einmal gezündete Claymore-Mine senkrecht hochgeht', sagte Jack Lovett".

Im Licht dieser Explosionen - die von den Augenzeugen freilich als solche nicht recht zur Kenntnis genommen werden - wird etwas sichtbar. Es sind die Umrisse historischer Prozesse, die sich, wie wir in diesen Tagen erfahren müssen, fort- und fortwälzen bis heute, da ein amerikanischer Präsident versucht, jene Tage im Frühjahr 1975, auf die in "Demokratie" alles zuläuft, das Ende einer verfehlten Militärmission, im Geschichtsbewusstsein der Welt umzudeuten.

Joan Didion: Demokratie. Aus dem Amerikanischen von Karin Graf. Mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel. Claassen Verlag, Berlin. 263 Seiten, 19,90 Euro.

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