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StartseiteBüchermarktWie halblaut hingesprochen31.03.2009

Wie halblaut hingesprochen

"Dieses Leben". Gesammelte Gedichte des russisch-schweizerischen Schriftstellers Anatol von Steiger.

Er war ein rastloser Wanderer nach seiner Flucht vor den Bolschewisten, zeitlebens ein Einzelgänger, der Freundschaften geradezu scheute. Anatol von Steiger bildete seine ihm eigene Gedankenwelt lyrisch ab - einfach, klar, ein Beitrag zur lyrischen Moderne.

Vorgestellt von Matthias Kußmann

Auch in Paris dichtet Anatol von Steiger (AP)
Auch in Paris dichtet Anatol von Steiger (AP)

"Wir gehn aus dem Haus – niemand merkt es,
und kehren wir heim – wer empfängt uns?
Wer reicht uns zum Gruß seine Hände?
Kein Blick wird uns zugewendet,
ob Abschied, ob Ankunft – kein Zeichen ...

Der Mond schwimmt durch Himmelreiche.
Die Blumen verwelken und sterben.
Die Blätter am Boden verderben,

der Herbst kniet sich jählings nieder,
zerschlägt seinen Kopf und bleibt liegen."

Über sein Leben weiß man wenig. Anatol von Steiger war ein Russisch schreibender Lyriker und Erzähler, der aus der Schweiz stammte, fast das ganze Leben im Exil verbrachte und rastlos durch Europa zog. Er war ein literarischer Einzelgänger, ein Vertriebener und Getriebener, der nirgends dazugehörte und nach seinem frühen Tod vergessen wurde. Erst jetzt, 65 Jahre später, wird an ihn erinnert, in der schönen zweisprachigen Ausgabe "Dieses Leben / Éta Schísnji" – die auch russischen Lesern erstmals sein lyrisches Gesamtwerk vorstellt. Der Slawist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold hat die Gedichte gesammelt, ins Deutsche übersetzt und kommentiert. Dazu porträtiert er Steigers Leben und Werk auf rund 100 Seiten und zeigt viele Fotos und Faksimiles. Steiger selbst hat nur drei schmale Lyrik-Bände publiziert, ein vierter erschien posthum. Zudem schrieb er Prosa und arbeitete an Romanen, die Fragment blieben. Im Zentrum seines Werkes steht die Lyrik, die Einflüsse der russischen "Akmeisten" und "Klaristen" zeigt. Beide Gruppen wandten sich gegen Symbolismus und Mystizismus, waren für Einfachheit und Wirklichkeitsnähe der Lyrik. Steigers lakonische Gedichte lesen sich wie eine Zuspitzung dieser Gedanken. Sie sind kurz – meist nur ein bis drei Strophen –, kaum rhythmisiert, doch fast immer mit Kreuz- oder Paar-Reimen versehen. Bei aller Schwermut und Düsternis ist ihre Aussage klar, ohne Metaphern-Seligkeit; oft wirken sie wie halblaut hingesprochen. Es geht um die klassischen Themen der Lyrik: Liebe, Einsamkeit, Tod und Natur, aber auch um Alltägliches. Kommt ein Bild in den Blick, das einen "hohen Ton" provozieren könnte, wird es sofort relativiert:

" Tränen ... Doch lange gereift und ätzend vergossen.
Rosen ... Was gibt's denn so reichlich wie Rosen –
Nicht bloß in Nizza, auch überall sonst.

Tränen und Rosen ... Doch bloß keine Posen,
alles ganz nüchtern, ganz ernsthaft, gekonnt."

Anatol von Steiger, der zeitlebens einen Schweizer Pass hat, wird 1907 in der Ukraine geboren; seine Schweizer Vorfahren waren nach Rußland ausgewandert. Sein Vater ist Offizier, später Duma-Abgeordneter in Petersburg. Der Junge wächst in behüteten Verhältnissen auf, umgeben von Frauen. Eine Kindheit ein wenig wie bei Proust, und wie dieser ist auch Steiger homosexuell. Nach Ausbruch der russischen Revolution flieht die Familie vor den Bolschewiken über Istanbul in die Tschechoslowakei. Mit 20 geht Steiger nach Paris, den geistig-künstlerischen Ort der russischen Emigranten. Er inszeniert sich als Dandy, wird auch als Lyriker bekannt, doch wie die andern Emigranten bleibt er in Frankreich isoliert. Statt sich mit der neuen Zeit und Kultur zu arrangieren, verliert er sich in Erinnerungen an Petersburg und eine bessere Zeit:

"Hoch drängt sich Wand an Wand hier in den Straßen.
So kalt und grau ist der befremdliche Asphalt.
Auf seinem Sockel reißt Voltaire Grimassen,
unweit der Seine steht er als spöttische Gestalt.

Gewohnter Lärm. Die Autos rauschen laut vorüber.
Septemberbläue wirft ihr kühles Licht.
O könnten wir vergessen, wie viel lieber
uns die erhabene Newà gewesen ist!"

Steiger leidet an Tuberkulose, muss immer wieder in Sanatorien, was ihn weiter isoliert. Doch wenn die Krankheit nachlässt, stürzt er sich ins Leben, hat Affären, reist wie manisch durch Europa, nach Berlin, auf den Balkan, an die Cote-d´Azur. Überall kennt er Leute – oft Aristokraten –, die ihn wochen-, ja monatelang aufnehmen. Nach Paris kommt er immer seltener. Er trifft Autoren wie Vladimir Nabokow und Marina Zwetajewa – und bleibt allein.

"Ein Wunschtraum bleibt – der Wunsch nach Ruhe.
Ich brauche Freundschaft nicht – ein leeres Wort,
das leerste überhaupt – nichts als Getue.

(Für jede Freundschaft braucht es zwei im Bunde.
Ich war der eine, du der andere: wie Luft – gingst fort.)"

Als die Nazis in Frankreich einmarschieren, flieht er in die Schweiz, nach Bern, den Ort seiner Vorfahren. Dort, wo er sich nicht zuhause fühlt, verbringt er seine letzten Jahre – da die Tuberkulose immer schlimmer wird, meist in Sanatorien. Manchmal schreibt er für die Tagespresse, nüchterne Berichte über den Fortgang des Kriegs in Rußland. Woher er die Informationen hat, weiß man nicht, wie es überhaupt viele dunkle Stellen gibt in seiner Biografie. Drei Jahre vor seinem Tod verstummt er als Dichter: in Kriegszeiten Lyrik zu schreiben, sei absurd. 1941 publiziert er sein letztes Gedicht, eine "Hommage an England". Die erste und die letzte Strophe lauten:

"Was soll mir die Welt und ihr Geblödel,
doch die Bücher ... ja, sie tun mir leid.
Da – ein Band von Shakespeare, schwer und edel.
Eine Bombe kracht zu gleicher Zeit.
(...)
Schlaf ... Entschlafen. Und fort für immer,
nichts mehr mitzunehmen auf die Flucht.
Alles schlägt der Mensch zu Schutt, in Trümmer.
So zu leben ist unehrenhaft, ein Fluch."

Im Herbst 1944 stirbt Steiger, 37-jährig. Sein Werk, sicher kein ganz großes, aber doch ein Beitrag zur lyrischen Moderne, wird vergessen. Doch jetzt ist er in die Literatur zurückgekehrt – mit dem Band "Dieses Leben", seinen gesammelten Gedichten.

Anatol von Steiger: Dieses Leben. Gesammelte Gedichte, russisch und deutsch. Übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Felix Philipp Ingold. Ammann Verlag, Zürich, 456 Seiten, 29,90 Euro

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