• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteForschung aktuellWie im BlickLabor Legasthenie wegtrainiert wird07.01.2004

Wie im BlickLabor Legasthenie wegtrainiert wird

Richtig Gucken - richtig Lesen, Teil 1

<strong> Medizin. - Kinder und Jugendliche mit einer ausgeprägten Lese- und Rechtschreibschwäche sind weder faul noch dumm, Wissenschaftler vermuten vielmehr, dass sich bei ihnen die für das Lesen und Schreiben zuständigen Hirnzellen nicht richtig verschalten. Die Gründe dafür sind unbekannt, bekannt sind aber die Funktionen des Gehirns, die Lesen und Schreiben erst möglich machen: Unter anderem zählt die Steuerung der Augen dazu. Nur wer die Striche, Bögen und Punkte von Buchstaben fixieren kann, erkennt die Muster. Neurologen der Universität Freiburg haben darauf aufbauend ein Diagnose- und Trainingskonzept entwickelt, das mit erstaunlichem Erfolg im so genannten BlickLabor der Uni, aber auch vor Ort in Schulen eingesetzt wird. </strong>

Mirko Smiljanic

Schwächen beim Lesen und Schreiben können mit den Augen zusammenhängen. (AP)
Schwächen beim Lesen und Schreiben können mit den Augen zusammenhängen. (AP)

Betzdorf in Rheinland-Pfalz, Christopherus-Grundschule, Klasse 2c. Philipp, sieben Jahre jung, sitzt an seinem Tisch und spielt Gameboy. Das Gerät sieht zumindest aus wie ein Gameboy, tatsächlich ist es aber ein Blicktrainer: Etwas kleiner als eine Zigarrenkiste hat es fünf vergleichsweise große Tasten und im oberen Drittel ein Display.

Ja, sie trainieren hier ihre Blicksteuerung, ihre äußeren Augenmuskeln, sie haben ein Gerät und müssen da genau einen kleinen Pfeil beobachten, wie er sich bewegt und wo er am Schluss die Spitze hinzeigt, nach oben, nach unten, nach rechts oder links, und je nachdem müssen sie auf einen Knopf drücken, damit man am Schluss entscheiden kann, ob sie den Pfeil richtig gesehen haben.

Werner Alebrand ist Lehrer an der Christopherus-Grundschule und zuständig für den Einsatz des Blicktrainers. Bevor Schüler in das Programm aufgenommen werden - zur Zeit betreut er 16 Jungen und Mädchen - durchlaufen sie eine aufwändige Diagnose. Stellt der Klassenlehrer außergewöhnliche Probleme beim Lesen und Schreiben fest, testet Werner Alebrand zunächst einmal vergleichsweise oberflächlich, ob eine Blickstörung vorliegen könnte. Ist dies der Fall, reist ein Team der Universität Freiburg an und untersucht mit optischen Hightech-Geräten, ob die Schüler tatsächlich nicht in der Lage sind, einzelne Buchstaben zu fixieren. Bestätigt sich der Befund, beginnt das Training. Bei jeder Einheit müssen die Schüler 200 Mal entscheiden, in welche Richtung ein Pfeil zeigt und entsprechende der Richtung eine Taste drücken. Der Pfeil selbst ist winzig klein.

Der muss so klein sein, wenn er größer wäre, könnten die Kinder aus dem Augenwinkel erkennen, wo der Pfeil hin zeigt, dann hätte man nicht das Ergebnis, das wir eigentlich wollen. Das Ergebnis muss sein, dass er praktisch aus dem Fokus, aus der Mitte heraus erkennt, was Sache ist.

Später gibt es dann noch das Programm "Sprung", der Pfeil springt dabei nach rechts und links in die Ecken weg, er weiß aber nicht, wo er hin springt, er muss in der Mitte warten, bis er springt, und dann kann er erst entscheiden: gehe ich nach rechts oder links, und er muss dann noch im Millisekundenbereich erkennen, ob der Pfeil nach oben, nach unten, nach rechts oder links geht.

Vier Schwierigkeitsstufen bietet der Blicktrainer, wobei das höchste Level auch manchem Erwachsenen Probleme bereiten würde. Immerhin geht es auch um die Geschwindigkeit, mit der die Augen Richtung und Sprünge der Pfeile erkennen. Trainieren können die Schüler entweder zu Hause oder in der Schule, jede Einheit dauert etwa 15 Minuten - Erfolg hat aber nur, wer konsequent täglich trainiert. Manchmal reichen wenige Wochen, manchmal dauert es mehrere Monate, manchmal ist überhaupt kein Erfolg in Sicht. Aber selbst dann gibt Werner Alebrand nicht auf.

Kinder, die beim Diktat ganz viele Fehler gemacht haben, sind auch mit dem Gerät einfach nicht weiter gekommen. Wir haben uns ganz lange überlegt, wie wir sie motivieren können, was wir methodisch ändern können, haben auch was geändert und nach einem halben Jahr haben wir am Gerät gemerkt, jetzt geht's aufwärts, jetzt fasst das Kind Tritt und es kommt von einer Geschwindigkeitsstufe auf die andere. Daneben habe ich beim Lehrer mal nachgefragt, wie sieht es denn jetzt beim Diktat aus und er konnte mir auf einmal sagen, es klappt, auf einmal sind die Fehler weg, es klappt!

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk