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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie sich Trauer und Bestattungskulturen verändern11.02.2010

Wie sich Trauer und Bestattungskulturen verändern

Internationale Tagung "Forsaken and Forlorn" im Einstein-Forum Potsdam

Dass sich vieles im Leben durch Emotionen erreichen lässt, hat sich inzwischen auch in der sonst so vernünftigen Wissenschaft herumgesprochen. Darum werden Gefühle immer mehr zum Forschungsgegenstand - beispielsweise Angst und Trauer bei einer Tagung am Einsteinforum in Potsdam.

Von Bettina Mittelstrass

Traurigkeit. Resignation, Melancholie, Verzweiflung, Kummer, Niedergeschlagenheit. (AP)
Traurigkeit. Resignation, Melancholie, Verzweiflung, Kummer, Niedergeschlagenheit. (AP)

"Man muss sagen, dass die Trauerkulturen im großen Ganzen zerfallen sind. Die Religionen haben Trauermöglichkeiten, Abschiedsrituale, Sterbe- und Bewältigungsrituale entwickelt, die über ganz bestimmte Zeiten den Menschen Halt gaben in der Trauer. Heute haben wir auf der einen Seite eine Aufdeckungskultur, was die Verbrechen der Vergangenheit betraf und betrifft, wir haben eine Erinnerungskultur, und wir haben merkwürdigerweise zugleich, was unser privates Leben betrifft, eine Verdrängungskultur."

Hinderk Emrich ist Direktor am Zentrum Psychologische Medizin der medizinischen Hochschule Hannover. Wenn Psychologen über Trauer forschen, verwundert das nicht. Widmen sich aber auch Soziologen, Philosophen oder Medienwissenschaftler dem Phänomen Traurigkeit, dann scheint insgesamt in der Gesellschaft etwas in Gang zu kommen. Rüdiger Zill, der die interdisziplinäre Tagung zu Trauer und Traurigkeit am Einsteinforum organisierte:

"Sie brauchen sich bloß mal diese großen Zeremonien für Robert Enke angucken oder auch für die Opfer von Winnenden, wie sich der Ton geändert hat, wie sich der Umgang damit verändert hat. Wir sind darauf gekommen, dass wir vielleicht irgendwie falsch umgehen mit unseren Gefühlen, zumindest wird das öffentlich thematisiert. Erinnern Sie sich an selbst so jemanden wie Herr Zwanziger, der sicherlich kein Experte für Emotionen ist, der sagt: ja, haben wir so lange verdrängt, müssen wir jetzt anders drüber nachdenken."

Eine gewisse Hilflosigkeit im Umgang mit Trauer und Traurigkeit ist zumindest im deutschen Kulturraum zu beobachten. Das wird auch sichtbar am Umgang mit unseren Toten, sagt Christiane Voss, Filmemacherin und Medienwissenschaftlerin an der Bauhausuniversität Weimar. Als eine Folge der Individualisierung delegieren wir besonders in Großstädten die Zeit zwischen Tod und Bestattung in die Hände von Todes-Profis. Wir waschen und berühren unsere Toten kaum noch selbst und verlieren so vermutlich eine weitere Möglichkeit, um Verluste zu "begreifen".

"Ich glaube, das Bestattungswesen ist deswegen so professionalisiert und ausdifferenziert, weil dort auch die Kreativität gewissermaßen geparkt wird, die vielleicht der Bedürfnislage nach eigentlich so anspruchsmäßig besteht zwischen den Hinterbliebenen und den Verstorbenen. Aber irgendwie gibt es keine Handlungsidee oder Fantasie oder auch keine kulturelle Praxis, um genau diese Art von Kontakt umzusetzen."

In diesem Vakuum erwarten wir auch von uns und anderen traurigen Menschen, dass sie ihren Kummer möglichst rasch abschütteln, den Verlust bekennen und wieder funktionieren. Klappt das nicht, führt der Weg direkt zum Psychotherapeuten. Das ist, sagt der Psychiater und Neurologe Hinderk Emrich, leider auch eine Folge der gut gemeinten Bemühungen, ein verdrängtes Krankheitsbild zu vermitteln:

"In der Öffentlichkeit haben wir als Psychiater sehr stark jetzt in der letzten Jahren versucht deutlich zu machen, dass der Begriff Depression wichtig ist, die Herabstimmung der Freudigkeit, das Erleben von Trauer. Deswegen, weil das mit sehr schweren Krankheitssymptomen einhergeht, mit sehr großen Einbußen in der Arbeitsfähigkeit, aber eben auch gerade mit der Suizidalität. Nun ist dadurch aber ein Problem entstanden, auf das diese Tagung hinweisen möchte, nämlich dass Depression aber aus ganz, ganz vielen verschiedenen Aspekten besteht!"

Traurigkeit. Resignation, Melancholie, Verzweiflung, Kummer, Niedergeschlagenheit. Nur "schlecht drauf" oder traumatisiert, depressiv sein – wir haben so viele Begriffe für die schwer zu fassende Emotion "Trauer".

Voss: "Die Frage, was Trauer ist, ist ja gar nicht so einfach zu beantworten. Das klingt zwar wie ein Begriff, der sich so ahistorisch irgendwie durchsetzt und wir wissen intuitiv angeblich, was das meint, aber genau hingeguckt ist das ja sehr schwer, das Narrativ zu finden, das dem entspricht!"

Jede Trauer ist anders, denn jede Trauer erzählt eine andere Geschichte! Für Hinderk Emrich ist zum Beispiel entscheidend, in welcher Zeit sich die Geschichte abspielt, die der Trauer oder Resignation zugrunde liegt. Gibt es einen Vergangenheitsbezug? Ein zurückliegendes Trauma etwa? Oder geschieht in der Gegenwart, was Kummer bereitet? Der Verlust der Arbeit, eines geliebten Menschen oder der Heimat? Eine Krebsdiagnose schließlich verschüttet die Zukunft. In allen Fällen reagiert der Mensch mit Resignation, sagt Emrich:

"Hier sprechen die Psychiater oft auch leider nur von Depression, sagen, der ist depressiv, bekommt dann Medikamente, die wirken aber gar nicht! Weil man kann ja durch Medikamente eine schlechte Prognose nicht aus der Welt schaffen! Hier sind also ganz andere Prozesse im Gange."

Jeder individuelle Prozess der Trauer braucht ein entsprechendes Gehäuse, in dem sich diese Gefühle ausdrücken können. Fallen alte Trauerrituale weg, muss man neue Räume finden, in denen sich die Trauer erzählt.

Voss: "Ich denke das ist wiederum eine Chance, vielleicht auch in dieser Krise, dass man tatsächlich auch Narrative im Sinne der humorvolleren Varianten wieder neu entwickeln müsste. Das Beispiel von den schwulen, lustigen Varianten der Beerdigung, die dann plötzlich als vorbildlich da stehen, weil sie mit Phantasie und Witz und Humor und schräg und in dieser Weise individuell plötzlich neue Formen entwickeln. Dass wir vielleicht da hingucken und uns überlegen, ob Trauer nicht vielleicht auch so was sein kann."

Der englische Philosoph Peter Goldie, Professor an der Universität von Manchester, geht noch weiter: Trauer ist im Grunde nichts anderes als eine Geschichte. Wir meinen damit nie ein spontanes Empfinden, sondern immer einen Zustand, der in der Zeit andauert.

"Trauer ist erzählbar. Man kann eine Trauergeschichte erzählen. Das ist vermutlich der entscheidende Punkt, um mit dem Tod eines anderen Menschen fertig zu werden: wir erzählen uns eine autobiografische Geschichte und zwar so, dass sie uns Frieden bringt und für uns stimmt."

Wie Trauer dann genau erzählt wird - ob wir sie als lautes Klagen oder stilles Weinen beschreiben, ob wir die Toten frei geben oder ihren Verlust nur durch Erinnerung ertragen, all das verändert sich durch Zeiten, Kulturen und sogar Bildungsschichten. Diese unterschiedlich erzählten Geschichten, sagt Peter Goldie, sind das Einzige, das wir überhaupt über "Trauer" sagen können. Denn wir beschreiben unsere Gefühle stets in unserer Kultur:

"Ich wehre mich gegen die Idee, dass es unterhalb der Kulturen so etwas wie einen gemeinsamen Kern gibt, den wir alle teilen – eine Trauer an sich, die zum Vorschein kommt, wenn wir die Kulturen drumherum abschälen. Das ist meiner Ansicht nach eine missverständliche Auffassung davon, was es heißt, Mensch zu sein."

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