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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie tot darf ein Organspender sein?19.09.2013

Wie tot darf ein Organspender sein?

Das Kriterium des Hirntods ist ethisch widersprüchlich

Ist ein Mensch bereits tot, wenn nur sein Gehirn abgestorben ist, wenn der Rest des Körpers aber noch lebt und seine Organe sogar transplantiert werden könnten? Das Konzept des Hirntods ist in der Transplantationsmedizin fast ein Dogma, das zusehends in Wanken gerät.

Von Thomas Liesen

Für Kritiker belegen die üblichen Tests auf Hirntod nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)
Für Kritiker belegen die üblichen Tests auf Hirntod nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma (dpa / picture alliance / Sami Belloumi)

Wer sein Ohr auf den Brustkorb eines Toten legt, erwartet kaum, so etwas zu hören. Und doch schlägt in jedem Menschen, der in Deutschland für hirntot erklärt wird, das Herz. Eine Tatsache, die nach Ansicht von Dr. Jürgen in der Schmitten vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Düsseldorf, unweigerlich zu Irritationen führt.

"Wenn ich Angehörigen sage, ihr geliebter Ehemann ist tot, und die steht daneben und der hat sich in keiner Weise gegenüber gestern verändert, denn er wird immer noch beatmet und hat ein schlagendes Herz und hat Fieber und scheidet aus, dann ist es sehr schwierig, das zu verstehen und zu glauben, und das schürt und fördert und hält aufrecht über Jahrzehnte nach meiner Überzeugung ein grundlegendes Misstrauen gegenüber der Transplantationsmedizin, das sie nie ganz abschütteln kann, sie ist ständig in dieser Defensive."

In der Schmitten ist keineswegs Gegner der Organspende, er gehört aber zu jener Gruppe von Medizinern, die das Hirntodkonzept für überholt halten. Es besagt, dass ein Mensch tot ist, wenn sein Gehirn vollständig abgestorben ist. Das müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander feststellen. Die wichtigsten Todesindizien: Die Pupillen müssen starr sein. Der Atemreflex muss ausgefallen sein, der Patient wird daher künstlich beatmet. Und das Elektroenzephalogramm, kurz EEG, darf keine Hirnströme mehr zeigen. Doch für Hirntodkritiker ist all das nicht Nachweis genug. Die Tests belegten nur eines: Der Patient ist in einem tiefen, irreversiblen Koma. Aber mehr nicht. Davon ist Dr. Tanja Krones überzeugt, leitende Ärztin für Klinische Ethik am Universitätsspital Zürich:

"Was wir feststellen, ist sicher so, dass diese Menschen nie wieder erwachen, aber wir können nicht sicher sein, dass alles im Hirn abgestorben ist, das weiß man, das ist so in der medizinischen Fachliteratur diskutiert, das muss man fair diskutieren und wissen."

Tatsächlich gibt es irritierende Berichte über Reaktionen von Hirntoten. So konnten Ärzte bei einigen einen sprunghaften Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz bei der Organentnahme feststellen. Ob ein Schmerzempfinden oder reine Nervenreflexe die Ursache sind, bleibt unklar. In der Schweiz werden die Organspender jedenfalls vor der Explantation konsequent in Vollnarkose versetzt. In Deutschland hält man das für überflüssig, wie man seitens der Transplantationsmedizin überhaupt scheut, so manche Details öffentlich zu diskutieren. Krones:

"Es ist wirklich ein großes Tabu und eine große Sorge, dass, wenn man darüber spricht, dass die Menschen so verängstigt sind, dass sie es nicht machen."

Doch die Debatte ist international entbrannt, zusätzlich befeuert durch Fälle von Hirntod-Fehldiagnosen, wie zum Beispiel der einer 40jährigen Patientin in den USA. Sie hatte sich mit einem Medikament vergiftet. Es enthielt den Wirkstoffs Baclofen, ein Mittel, das Muskelspannungen lösen soll. Die Patientin zeigte keinerlei Reflexe mehr, als sie in die Klinik eingeliefert wurde, die Pupillen waren starr. Die Ärzte führten die weiteren, üblichen Tests durch. Dann erklärten sie sie für Hirntod und bereiteten die Organentnahme vor. Doch am fünften Tag nach Einnahme der Überdosis fing die Patientin plötzlich an, sich zu bewegen. Sie erholte sich an den folgenden Tagen und überlebte ohne bleibende Nervenschäden. Ihre Vergiftungserscheinungen hatten den Hirntod lediglich vorgetäuscht.

Ärzte wie Jürgen in der Schmitten fordern daher Konsequenzen. Und vor allem die Anerkennung: Ein Hirntoter ist höchstens ein Sterbender. Aber eben keine Leiche. Was ihn wirklich tötet, ist die Organentnahme:

"Ja, die Organentnahme führt den Tod herbei, der Tod tritt ein während des Prozesses der Organentnahme, davon bin ich überzeugt und wir müssen uns dann überlegen, ob wir das ethisch und rechtlich auf sichere Füße stellen können oder nicht. "

Der Arzt schlägt daher vor, die Dinge beim Namen zu nennen. Und dies gesetzlich zu verankern:

"Der Vorschlag ist, zu erlauben, dass bei Patienten, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, die aber nicht deshalb für tot erklärt worden sind, Organe entnommen werden, mit der Folge, dass der Tod im Operationssaal eintritt."

In der Schmitten hofft, dass durch den offenen Umgang mit den Tatsachen die Akzeptanz in der Bevölkerung steigt. Auch der Philosoph und Bioethiker Professor Dieter Birnbacher forderte auf der Tagung mehr Transparenz:

"Wir brauchen zweierlei. Erstens eine genauere Information auch über die nicht so angenehmen Seiten der Organtransplantation, also auch die Prozeduren der Organentnahme, da sind nicht immer alle Aspekte so angenehm, auch die Widerstände des Pflegepersonals, sich mit Hirntoten auseinanderzusetzen. Aber auf der anderen Seite brauchen wir auch ein Ethos der Organentnahme, das sicherstellt, dass mit dem Organspender nach dem Hirntod in würdiger Weise umgegangen wird. Das sollte auch in den Verhaltensrichtlinien viel stärker berücksichtigt und normiert werden."

Auch Birnbacher, ehemals Verfechter des Hirntodkonzepts, hat mittlerweile Zweifel daran. In der Schweiz geht man seit zwei Jahren einen eigenen Weg. Dort ziehen Ärzte auch den Herztod zur Bestimmung des Todeszeitpunkts heran. Erst muss der potenzielle Organspender einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleiden. Die Ärzte müssen 10 Minuten warten, ob das Herz wieder anfängt zu schlagen. Geschieht dies nicht, muss zusätzlich der Hirntod festgestellt werden. Für Tanja Krones ein Fortschritt gegenüber der alleinigen Hirntodfeststellung wie in Deutschland.

"Für mein Gefühl ist es so, dass diese Patienten, dieser Mensch toter ist - von der moralischen Intuition - als ein hirntoter Patient, weil er riecht anders, er sieht anders aus, es ist so, dass bei diesen Patienten aufgrund des Stillstands des Blutes die Fäulnis schon beginnt."

Möglicher Nachteil: Die Organqualität leidet teilweise, zumindest bei Lebern. Unbeeindruckt von der internationalen Diskussion zeigt sich unterdessen die deutsche Transplantationsmedizin. Ihre Vertreter wiederholten auf der Tagung ihr Mantra vom "Hirntod gleich Tod". Lebenden würden sie niemals Organe entnehmen. Jürgen in der Schmitten:

"Wir sollten hier prüfen, ob die verwendete Hirntoddefinition wissenschaftlich stichhaltig ist und wenn wir merken, das ist nicht der Fall, dann sollte es eine politische Meinungsbildung geben. Und wenn dann alle Chirurgen das Messer niederlegen - das möchte ich erst mal kommen sehen, also da wäre ich sehr entspannt."

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