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StartseiteWissenschaft im BrennpunktIm Strom des Augenblicks01.01.2016

Wie wir Zeit erlebenIm Strom des Augenblicks

Die Zeit fließt nur konstant dahin, solange man sie von Uhren abliest. Sobald wir aber nach innen schauen, zeigt sich ihr unsteter Charakter. Manchmal scheint sie sich ins Unerträgliche zu dehnen und manchmal rast sie. Im Gehirn haben Forscher Prozesse ausgemacht, die den Takt vorgeben. Und sie bestätigen eine alte Vermutung.

Von Martin Hubert

Eine Uhreninstallation am Nordeingang des Volksgartens in Düsseldorf, aufgenommen am 24.10.2013 (picture-alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)
Nur scheinbar eine verlässliche Konstante: die Zeit (picture-alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

 

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Buchtipps zum Thema:

Georg Northoff: "Unlocking the Brain. Volume 2: Consciousness"
Oxford University Press 2014

Marc Wittmann: Gefühlte Zeit. "Kleine Psychologie des Zeitempfindens"
C. H. Beck Verlag 2014

Rüdiger Safranski: "Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen"
Carl Hanser Verlag 2015


Das Manuskript zur Sendung: 

Alles beginnt vor langer Zeit an einem fernen Ort. Dort, wo heute Algerien liegt, fragt sich der Kirchenvater und Philosoph Augustinus, ob es so etwas wie die Zeit überhaupt gebe. Die Vergangenheit sei ja immer schon vorbei, die Zukunft noch nicht da. Und wenn die Gegenwart immer gegenwärtig sei, wäre sie nicht Zeit, sondern Ewigkeit. Damit war das Rätsel formuliert - aber längst nicht gelöst.

"Ich hätte mich nicht mehr zurechtgefunden irgendwie auf der Straße, ich war völlig, völlig orientierungslos, ich hätte nicht mehr irgendwie drei Stationen mit dem Bus fahren können. Es war: völlig fertig einfach."

Ein anderer Ort, zu einer anderen Zeit. Eine Frau erlebt mitten auf der Straße einen psychotischen Anfall.

"Es war alles zuviel."

Die Ordnung der Zeit stürzt in einem unerträglichen Augenblick zusammen, die Seele kollabiert.

"Es war, wie wenn eine Filterung nicht mehr funktioniert, wenn einfach alle Eindrücke, alles kommt nur noch rein und man ist ausgeliefert und man kann keine Prioritäten setzen, was ist wichtig, was ist nicht so wichtig, also einfach ein Zusammenbruch, wie ein Kollaps eben."

Im Strom des Augenblicks. Wie wir Zeit erleben
Von Martin Hubert

Was erleben wir, wenn Zeit vergeht? Die harten Wissenschaften interessierten sich jahrhundertelang überhaupt nicht für diese Frage. Sie waren genug mit anderen Details der messbaren oder der kosmischen Zeit beschäftigt. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts der amerikanische Psychologe William James die berühmte Formulierung vom "Bewusstseinsstrom" prägte:

"Also wir erleben ja einen kontinuierlichen Fluss von Zeit."

Georg Northoff, Philosoph, Neurowissenschaftler und Psychiater an der kanadischen Universität Ottawa.

"Das ist nicht so, dass wir immer nur einen bestimmten Zeitpunkt erleben und dann den nächsten Zeitpunkt und den nächsten Zeitpunkt und die sind nicht verknüpft, sondern wir erleben einen kontinuierlichen Strom. Zum Beispiel, wenn Sie eine Melodie hören, dann hören Sie einen Ton, aber dann hören Sie den Ton in Bezug zu dem vorherigen Ton und dem nächsten Ton, obwohl der nächste Ton und der vorherige Ton überhaupt nicht mehr oder noch nicht präsent sind."

"Und genau diese Relation, das ist der Moment, wenn sie eine Melodie hören. Hätten sie nicht so einen Bewusstseinsstrom, würden sie nur einfach eine Sequenz von Tönen hören, aber keine Melodie, die aus der Verknüpfung der Töne resultiert."

Während wir eine Melodie hören oder einen Satz sprechen, wird immer etwas integriert und dauerhaft festgehalten.Wäre das nicht so, könnten wir das musikalische Zusammenspiel der Töne gar nicht genießen und die Bedeutung des Satzes nicht verstehen, den wir aus aneinandergereihten Worten bilden. Das Zeitbewusstsein, meint daher der Psychologe Marc Wittmann vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, besteht aus zwei Komponenten:

"Das eine ist dieses Gefühl von Präsenz, vom unmittelbaren Hier und vor allem Jetzt, "Jetzt bin ich" und es ist quasi das Gegenwartserleben. Und dann habe ich aber auch gleichzeitig - und das gehört als zweiter Aspekt zum Zeitbewusstsein - dieses Gefühl einer voranschreitenden, fließenden Zeit"

Die Zeit fließt und trotzdem sind wir in ihr präsent und erfahren dauerhaft etwas als gegenwärtig und zusammengehörig. Kulturübergreifende Studien zeigen, dass Menschen Inhalte etwa drei Sekunden lang in ihrem Bewusstsein festhalten können und das als Gegenwart empfinden. Wir leben mit dem Zeitgefühl eines permanent dahin strömenden Augenblicks, der kein ausdehnungsloser Punkt ist, sondern Dauer besitzt. Für Marc Wittmann ist es ein fundamentaler Baustein unseres Geistes.

"Wir haben dieses Gefühl und erst in dem zweiten Schritt dann durch unsere kulturelle Überformung schaffen wird dann so Einheiten wie:"Das waren zehn Sekunden", "Das dauert mir zu lange". Da bewerten wir es, wir tun es quantifizieren, aber zunächst , unterliegend, haben wir ein ganz unmittelbares, oftmals auch Bauchgefühl für die Zeit."

 Ein menschliches Auge (dpa/picture alliance - John Stillwell)Kulturübergreifende Studien zeigen, dass Menschen Inhalte etwa drei Sekunden lang in ihrem Bewusstsein festhalten können und das als Gegenwart empfinden (dpa/picture alliance - John Stillwell)

So weit waren auch die Philosophen Henri Bergson und Edmund Husserl durch reines Nachdenken gekommen. Forscher wie Marc Wittmann und Georg Northoff gehen jetzt aber einen Schritt weiter. Sie befragen Menschen systematisch über ihr Zeiterleben, unterziehen sie Wahrnehmungstests und durchleuchten ihr Gehirn. Sie möchten verstehen, wie das Gefühl für den Fluss der Zeit zustande kommt - und wie es unsere psychische Verfassung beeinflusst.

"Die Befunde im Gehirn weisen stark darauf hin, dass der Zeitstrom etwas ganz Basales ist, quasi das Fundament, das dann alle anderen Wahrnehmungen, Kognitionen, Gedanken, Emotionen strukturiert und überhaupt erst ermöglicht."

Viele Erlebnisse verlangsamen offenbar die rückblickende Zeitwahrnehmung

"Zu viel Eindrücke, zu viel Gefühle, zu viel Chaos, zu viel. Man kann sich das gar nicht vorstellen, weil das ist, wie wenn etwas kippt und dann ist man weg."

"Wenn ich im Zug sitze und aus dem Fenster gucke und nicht unbedingt an den Termin denke, den ich dann wahrscheinlich gleich habe, also ich fahre dann da irgendwohin."

Die Projektmanagerin Beatrice R. muss viel reisen. Auf dem Rückweg genießt sie jeden Augenblick, in dem sie zur Ruhe kommen kann.

"Dann laufen meine Gedanken einfach so vor sich hin. Entweder denke ich über Dinge nach, die passiert sind, die mich bewegt haben, im Büro oder privat oder ich denke an gar nichts, nehme einfach die Landschaft so auf, wenn es schön ist, und eine schöne Landschaft, eine schöne Weite zu sehen ist, ja, das gibt schon eine unheimliche Ruhe."

Entspannt durch Vergangenheit und Zukunft reisen. Oder sich im Augenblick verlieren. Jeder kann eine solche innere Zeitreise antreten, aber nicht immer verläuft sie erfreulich. Die Art, wie wir die Zeit erleben, unsere emotionale Befindlichkeit und unser Selbstgefühl können ganz unterschiedlich miteinander verknüpft sein. Es gibt den erfüllten Augenblick, die bedrohliche Zukunft, die leere Erinnerung. Wenn es um Erinnerung geht, lassen sich klare Muster ausmachen. Ein Urlaub, in dem wenig Interessantes passiert, erscheint Versuchspersonen im Nachhinein als kurz und belanglos, ein spannender Urlaub als lange und schön. Offenbar spielt dabei die Fülle des Gedächtnisspeichers eine wesentliche Rolle.

"Je mehr Inhalte im Gedächtnis - auch emotionale Inhalte - wir aktualisieren können, wenn wir zurückblicken auf den letzten Tag, die letzte Woche, das letzte Jahr, desto länger kommt mir dann auch dieses Zeitintervall vor."

Der Freiburger Psychologe Marc Wittmann hat auch Studien zum Zeiterleben durchgeführt. Wenn wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren, vergessen wir oft die Zeit: sie scheint davon zu laufen. In anderen Fällen streckt sie sich unerträglich lang. Die Mechanismen sind hier deutlich komplizierter als bei der Zeiterinnerung."

"Es gibt zwei Faktoren, die die Zeit dehnen lassen. Das eine ist, dass je mehr Aufmerksamkeit ich auf die Zeit lenke, desto länger kommt mir die Zeit vor. Also das ist typisch "Warte-Situation", ich warte auf was in der Zahnarztpraxis, ich warte darauf, dass ich drankomme, habe vergessen, mein iPhone aufzuladen, es gibt nichts zu lesen, ich sitze da: Zeit vergeht nicht, weil ich auf die Zeit achte, das ist die Aufmerksamkeit."

Marc Wittmann hat noch einen zweiten Faktor ausgemacht: Das innere Erregungsniveau. Wenn der Rhythmus des Körpers, der Atem oder Herzschlag schneller abläuft als der Rhythmus der äußeren Reize, dann dehnt sich die innere Zeit. Die äußere scheint sich im Gegenzug zu verlangsamen.

"Häufig sind es Unfallsituationen oder Fast-Unfallsituationen, auch Situationen, wo man sich vielleicht wehren muss oder weglaufen muss. Da ist dann das körperliche Erregungsniveau so erhöht und auch die Prozesse laufen viel schneller ab als sonst und relativ zur Außenwelt habe ich dann das Gefühl, dass relativ dazu die Außenwelt viel langsamer abläuft. Also ich habe so diesen typischen Zeitlupeneffekt, der häufig berichtet wird., häufig heutzutage bei Autounfällen. Und das hat durchaus auch einen wichtigen funktionalen Grund, nämlich dass ich dann, wenn alles relativ zu mir langsamer abläuft, ich auch die Möglichkeit habe zu reagieren."

Angst und Schrecken dehnen den Augenblick - und umgekehrt führt die gedehnte Schrecksekunde dazu, dass wir unsere Situation, aber auch unseren Körper und unsere Angst massiv erleben. Doch was genau geschieht dabei im Gehirn? Menschen, die psychisch krank sind oder andere außergewöhnliche Bewusstseinserfahrungen machen, sollen Aufschluss geben.

"Ich versuche jeden Morgen und jeden Abend, eine Stunde zu meditieren, um die Effekte der Meditation auch in meinem Alltagsleben aufrechterhalten zu können."

Herbert H. ist Psychologe. Er hat sich in seiner Wohnung einen bestimmten Platz reserviert. Es ist sein Ort der Ruhe, in dem er dem Diktat der Zeit entfliehen möchte.

"Dann versuche ich mich zunächst auf meinen Atem zu konzentrieren. Und wenn ich das realisiere, versuche ich immer zu meinem Atem zurückzukehren, zu der Berührung meines Atems auf der Oberlippe, zu dem Luftstrom an den Nasenlöchern. Und wenn ich bei der Empfindung bin, dann bin ich im gegenwärtigen Moment."

Der ersehnte Augenblick, in dem der Meditierende ganz in sich ruht. Er wird oft als rein geistiges Phänomen verstanden. Dabei hat nicht nur Herbert H. die Erfahrung gemacht, dass er mit körperlichen Empfindungen verbunden ist.

"Der Körper kribbelt, die Energie fließt durch den Körper, ich bin in der Lage das wahrzunehmen und das fühlt sich gut an."

Wie entstehen solche Inseln der Ruhe im Fluss der Zeit? Um diese Frage zu beantworten, analysiert Georg Northoff von der Universität Ottawa vor allem die elektrischen Grundaktivitäten des Gehirns. Reize, die von außen über die Sinnesorgane ins Gehirn gelangen, erzeugen dort kurze Nervenentladungen im 40-50-Hertz-Bereich, das sind 40 bis 50 Schwingungen pro Sekunde. Das Gehirn nimmt diese Stimuli aber nicht passiv und ungefiltert auf. Es erzeugt ein inneres Empfangsgitter für alle neuen Reize: dauerhaft existierende neuronale Wellen.

"Und die haben ganz lange Zyklusdauern, wo ein Zyklus zwei bis drei Sekunden dauert. Und in diesem einen Zyklus besteht die Chance, wenn diese Stimuli genau in diesen Zyklus fallen, dass sie dann integriert werden. Dass sie also zum Beispiel dann, wenn die Melodie sagen wir mal die entsprechenden zeitlichen Abstände hat, die beiden Töne, wenn die genau in diesen Zyklus fallen, dass sie dann in Bezug zum anderen wahrgenommen werden."

Alle Reize der Außenwelt, die in einen zwei-bis-drei-Sekunden-Zyklus der inneren neuronalen Erregung des Gehirns fallen, werden als zusammenhängend empfunden: als Bogen einer Melodie, als Sinneinheit eines Satzes oder als bedeutungsvolle Bewegungssequenz.

"Und je besser das passt, desto besser können diese verschiedenen Stimuli integriert werden und dann quasi eine Einheit erzeugen. Und dadurch entsteht natürlich auch ein kontinuierlicher Fluss, durch Wellen."

"Wahrscheinlich ist unser Gehirn eine Balance zwischen Kontinuität und Diskontinuität"

Die zwei-bis-drei-Sekunden-Wellen des Gehirns, die einzelne Reize zusammenbinden, folgen dicht hintereinander. Erzeugen sie das Gefühl kontinuierlich dahin strömender Zeit? Georg Northoff jedenfalls glaubt, dass er damit das alte philosophische Rätsel des inneren Zeiterlebens gelöst hat. Jetzt will er erklären, warum es so oft mit ungewöhnlichen Bewusstseinszuständen gekoppelt ist. Das Zeitgerüst, sagt Northoff, sei labil und angreifbar.

"Wahrscheinlich ist unser Gehirn eine Balance zwischen Kontinuität und Diskontinuität. Also es ist klar, dass eine stärkere Diskontinuität durch schnelle kurze Wellen entsteht, hingegen die langsamen, die extrem langsamen Wellen, die haben natürlich einen höheren Grad an Kontinuität. Und dann sind auch diese Wellen, die extrem langsamen und extrem schnellen miteinander gekoppelt. Das ist immer ein Mischungsverhältnis, das ist nicht hundertprozentig Kontinuität, aber es ist auch nicht hundertprozentig Diskontinuität."

Demnach nehmen wir Wechsel und Bewegung in der Zeit wahr, weil Außenreize permanent schnelle Nervenentladungen erzeugen. Und wir erfahren die Dauer eines Moments und einen kontinuierlichen Fluss, weil permanent langsame Wellen durch das Gehirn driften. Ein Meditierender, der sich von den schnellen äußeren Reizen abwendet, kommt zur Ruhe, weil er in den Bannkreis der langsamen neuronalen Fluktuationen gerät.

Noch ist all dies Theorie. Immerhin baut es auf empirischen Daten auf: Studien zeigen etwa, dass sich die langsamen Hirnwellen zurückziehen, wenn Menschen ihr Bewusstsein verlieren. Das ist immer noch kein voll gültiger Beweis. Doch Marc Wittmann hält Georg Northoffs Überlegungen für hochinteressant. Auch wenn er selbst auf anderem Weg untersucht, welche Hirn-Mechanismen dem Zeitgefühl zugrunde liegen.

"Die Personen, die lagen im Scanner, im fMRT-Scanner und sollten zunächst einmal verschiedene Zeitdauern "er-hören" und diese reproduzieren. Also die Dauer des Tones sollte reproduziert werden. Also zum Beispiel hören sie einen kurzen Ton für ein paar Sekunden, Pause, dann kommt ein zweiter Ton und dieser zweite Ton soll ausgestellt werden durch einen Knopfdruck, wenn die Person glaubt, jetzt ist der zweite Ton genauso lang wie der erste. Also man muss gar keine Sekunden einschätzen - also so richtig das "Gefühl" von Zeitdauer."

Während die Versuchspersonen den ersten Ton konzentriert wahrnahmen, wurde bei ihnen ein Teil der sogenannten Insula aktiv, der vorderen Inselrinde, einer tief im Gehirn versteckten Region.

"Und dann kam der zweite Ton, der ja den ersten reproduzieren sollte durch einen Knopfdruck und da passierte genau dasselbe wieder: eine Zunahme an Aktivität, aber diesmal in der vorderen Inselrinde."

Offenbar, schloss Marc Wittmann, ist die Inselrinde beteiligt, wenn es darum geht, Zeitdauern einzuschätzen.


Computergrafik des menschlichen Gehirns von hinten. (imago/Science Photo Library)Computergrafik des menschlichen Gehirns von hinten. (imago/Science Photo Library)

Über den Neurologen Bud Craig von der Universität Phoenix erfuhr er, dass die Insula auch entscheidend für das Körpergefühl ist. Craigs Experimente zeigen, dass die Inselrinde wesentlich daran beteiligt ist, alle Empfindungen des Körpers und alle Emotionen wie Wut, Trauer oder Freude permanent zu einem Gesamtzustand zusammenzuführen. Bud Craig spricht von, "global emotional moments", von globalen Gefühlsmomenten. Für Craig bilden sie die elementaren Bausteine, aus denen sich eine Persönlichkeit über die Zeit hinweg zusammensetzt.

"Alles, was in Ihnen und um Sie herum geschieht, ist in einem Augenblick zusammengeführt. Wenn Sie diese Augenblicke dann hintereinander setzen, entsteht ein Film. Ich bin fest überzeugt, dass das Gehirn genau das macht: Es erzeugt einen zusammenhängenden Film individueller Momente über die Zeit."

Wenn das Zeitgefühl verloren geht

Wir erfahren uns als Einheit, weil und solange der kohärente Strom aneinandergereihter Gefühlsmomente nicht abreißt. Auch Bud Craigs Forschungen zum Körpergefühl liefern ein Modell, in dem Dauer und Fluss der Zeit zentral für das Bewusstsein sind. Das führte Marc Wittmann zu folgender Frage: könnte das Zeitgefühl die Voraussetzung sein, seinen eigenen Körperzustand wahrzunehmen? Gemeinsam mit der Münchner Psychologin Karin Meissner begann Marc Wittman ein Herzschlag-Experiment:

"Also die dürfen auch nicht ihren Puls nehmen, sondern einfach nur ruhig sitzen und einfach in den Herzschlag hinein hören - : diejenigen, die genauer ihren Herzschlag wahrnehmen konnten, weil sie ihn genauer zählen konnten, die waren später in einer anderen Aufgabe, nämlich einer Zeitwahrnehmung-Aufgabe auch genauer. Also Leute, die auch genauer in sich hineinhören können, körperlich, waren genauer bei der Zeit, in der Zeitwahrnehmung."

Der Herzschlag scheint ein körperlicher Maßstab zu sein, mit dessen Hilfe wir einschätzen, wie lange ein Zeitabschnitt für uns dauert. Das passt gut zu der Tatsache, dass das innere körperliche Erregungsniveau unser Zeiterleben beeinflusst. Wie Bud Craig ist Marc Wittmann inzwischen davon überzeugt, dass Körperwahrnehmung und Zeitwahrnehmung eng verknüpft sind. Ort dieser inneren Rhythmusschmiede: Die Insula, hinter unserer Stirn, tief im Gehirn.

"Nein, das war eigentlich nicht mehr da."

Martin S. ist 49 Jahre alt und kann auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken. Er litt jahrelang unter einer schweren Schizophrenie und kann sich gut daran erinnern, wie er damals das Gefühl für den Fluss der Zeit verlor.

"Also ich war ganz in meiner eigenen Gegenwart und die Zukunft oder die Vergangenheit spielte keine große Rolle. Es war nur noch das Jetzt, und was ich auch noch erinnere war, dass ich sehr, sehr schnell war. Also ich habe mich als schneller empfunden als die Zeit eigentlich läuft, das hat man in manchen Fantasyfilmen manchmal gesehen, wenn da ein Bruce Lee plötzlich alle in einer Sekunde umhaut und die gar nicht so schnell reagieren können, und so hatte ich mich halt auch gefühlt und glaubte halt, dass ich eigentlich über die Zeit auch bestimmen kann und ich das zu regeln habe."

Martin S. saß in der Gegenwart fest, er empfand das aber als großen Gewinn. Denn er hatte das Gefühl, die Zeit zu beherrschen. Alles lief unheimlich langsam ab.

"Ich kann mich an eine Sache erinnern, wir waren Billard spielen und ich merkte, die Kugel, die ich gestoßen habe, die hat schon 30 Sekunden in meiner Wahrnehmung gebraucht, um über den Tisch zu rollen und dann aber auch genau einzutauchen."

"Ich habe selber auch geglaubt, dass ich ein mythisches Wesen bin"

Auch hinter diesen Erfahrungen müssen Hirnprozesse stecken. Auf der Suche nach dem Ursprung stieß der Psychiater Georg Northoff auf Gebiete, in denen die langsamen Schwingungen vorherrschen, diejenigen, die für das Gefühl von Dauer zuständig sind. Etwa in den sogenannten Mittellinienregionen, die auch mit dem Selbstbezug des Menschen zu tun haben.

"Normalerweise kommunizieren die Regionen in diesen Mittelhirnregionen sehr stark mit zum Beispiel sensorischen Regionen. Nun ist es aber bei Schizophrenen offenbar so, dass diese Mittelhirnregionen ganz stark untereinander verknüpft sind und sehr viel mehr miteinander kommunizieren als mit dem sensorischen Kortex. Und dann steht natürlich diese starke Dominanz von eben diesen extrem langsamen Zeitfluktuationen im Vordergrund und das ganze zeitliche Gitter, zeitliche Raster, das geht dann in Richtung der extrem langsamen Fluktuationen und das spiegelt sich dann zum Beispiel in diesen Erlebnissen wieder, wie es der Patient auch geschildert hat."

"Das war immer so, ich war einfach gut, nur das hat so unglaublich lange gedauert für mich, weil ich halt viel schneller war als alles andere."

Georg Northoff geht davon aus: Die innere Balance zwischen langsamen und schnellen Schwingungen ist bei Patienten wie S. verloren gegangen. Die innere Zeitstruktur des Gehirns dominiert die Zeitstruktur der Außenwelt. Deshalb glaubte S. , er sei so viel schneller und könne in jedem Augenblick so viel mehr als andere aufnehmen. Die innere Zeit kann sich so stark von der äußeren Zeit abkoppeln, dass der Zeitfluss insgesamt unterbrochen wird.

"Bei den Schizophrenen sind offenbar die verschiedenen Zeitfluktuationen nicht mehr miteinander verknüpft und dadurch haben sie dann eine extreme Fragmentierung."

Schizophrene vergessen oft, was sie vorher gedacht haben oder gleich sagen wollen. Ihre Gedanken reißen ab. Das macht sie nicht nur für andere Menschen unverständlich. Sie werden sich auch selbst fremd. Häufig glauben Schizophrene daher, von fremden Gedanken heimgesucht und gesteuert zu werden. Sie füllen die Lücken ihres fragmentierten Bewusstseins mit eigenartigen Gedanken, einer wahnhaften Welt.

"Also ich habe geglaubt, ich wäre ein ganz anderer und ich habe auch in anderen Menschen etwas anderes gesehen, zum Beispiel Engel oder irgendwelche Propheten oder so und ich habe selber auch geglaubt, dass ich ein mythisches Wesen bin. Und ich habe auch, wenn man mir dann irgendetwas gesagt hat oder sogar vorgeworfen hat, dass man so ist, wie ich eben war, dann habe ich das sofort in mein System eingebaut und dann auch mit sehr sinnigen Gegenargumenten entkräften können. Also meiner Meinung nach waren die sehr sinnig."

Kann man über das Erleben von Zeit Schizophrenie verstehen? Georg Northoff, Marx Wittmann und auch der Heidelberger Psychiater Thomas Fuchs halten es für möglich. Wenn die Grundstrukturen des inneren Zeitbewusstseins gestört sind, fehlt ein wesentliches Fundament. Weil Betroffene aus der Zeit fallen, verlieren sie ihren inneren Halt und entfremden sich von der Welt. Die fragmentierte Wirklichkeit gibt Raum für den Wahn. Auch bei Manikern und Depressiven ist das Zeiterleben verändert. Bei ihnen ist der innere Zeitfluss nicht gerissen, stattdessen gerät die Beziehung zur Umwelt aus dem Takt. Thomas Fuchs beobachtet das vor allem bei Depressiven.

"Da kommt es zu einem Zurückbleiben, zu Erfahrungen von "Etwas nicht bewältigen"," Nicht mehr können", "Herausfallen", Prozesse der Beschleunigung, mit denen ich nicht mithalten kann und das führt nun wiederum zu einer gesamtorganismischen Reaktion, in der dann auch die basale Ebene der Zeit wieder betroffen ist. Ich bin wirklich so gehemmt in meiner Vitalität, in meinem vitalen Antrieb so beeinträchtigt, dass ich eigentlich aus den gemeinsamen Zeiten vollständig herausfalle. Da gibt es also eine Wechselwirkung zwischen den intersubjektiven Prozessen auf der einen Seite und den biologischen Prozessen, die dann in einer Depression mich erst recht hemmen und lahm legen auf der anderen Seite."

Depressive sind in ihren Gedanken und Gefühlen an eine negativ erlebte Vergangenheit gefesselt und kaum mehr fähig, die Zukunft hoffnungsvoll anzugehen. Bei Manikern ist es umgekehrt. Sie leben und wirken nur noch in einem irrwitzigen Tempo auf die Zukunft hin, so als ob es Vergangenheit oder Gegenwart gar nicht gäbe.

Die Fähigkeit, in sich zu ruhen und die Balance des inneren Zeitbewusstseins sind eng miteinander verbunden. Thomas Fuchs plädiert inzwischen dafür, die Zeit bei der Therapie psychisch Kranker deutlich ernster als bisher zu nehmen. Man müsse akzeptieren, dass sie in einer eigenen Welt leben. In Therapie- und Diagnosegesprächen sollte man ihnen genug Zeit lassen, um sich selbst wahrzunehmen und auszudrücken. Gleichzeitig bräuchten sie so viel Kontakt wie möglich, um ihr außer Takt geratenes Zeiterleben wieder auf den Rhythmus der Außenwelt einzustimmen.

"Dass man etwa in körperorientierten Gruppentherapien einfache Bewegung und Handlungsmöglichkeiten mit Dingen, Objekten, aber auch mit anderen wieder gemeinsam übt und erlernt. Also diesen Bogen gewissermaßen zu schlagen, der in der Schizophrenie oft beeinträchtigt oder fragmentiert ist. Das kann man üben."

Hinrnentladungen beginnen unter der letzten Passage kurz frei , dann unterlegen. Der Mensch besitzt ein inneres Uhrwerk. Langsame Wellen im Gehirn geben den Takt vor, über den wir Dauer und Kontinuität erfahren. Der Herzschlag beeinflusst gemeinsam mit den Hirnwellen, wie wir den Lauf der Zeit erleben.

Die Wellen des Gehirns reagieren auf die Reize der Außenwelt und ordnen sie. - Im besten Fall. Eine andere Geschichte. Sie beginnt vor nicht ganz so langer Zeit, irgendwo in Europa. Was ist das Ich? Worin besteht Identität? Was bringt sie ins Schwanken, wann zerbricht sie? Die Forschung zum Zeiterleben ist noch jung. Aber sie erlaubt, auch solche Fragen neu zu stellen. 

 

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