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StartseiteBüchermarktWieder ein Liebesroman27.06.2005

Wieder ein Liebesroman

Oek de Jong: "In der äußersten Finsternis"

Mit seiner gelassen erzählten Liebesgeschichte "Ein Kreis im Gras" überraschte Oek de Jong hier zu Lande die Kritik. Nun hat der Niederländer nach langer Erzählpause unter dem Titel "Hokwerda’s kind" einen weiteren Roman verfasst, der sich noch konzentrierter, noch ausgereifter dem Thema aller Themen widmet.

Von Dorothea Dieckmann

Das Thema der Themen (AP)
Das Thema der Themen (AP)

Als im Jahr 1999 der Roman "Ein Kreis im Gras" auf deutsch erschien, war sein Autor Oek de Jong hierzulande ein Unbekannter. Der Holländer überraschte die hiesige Kritik mit einer hochpräzise und komplex, aber vollkommen gelassen erzählten Liebesgeschichte. Wie unter einem Vergrößerungsglas betrachtet, entfaltete das Thema einen solchen Reichtum an kleinen Enthüllungen, Erleuchtungen und Verwerfungen, dass man verblüfft feststellte, dass hier jemand die Tradition des psychologischen Romans wieder aufnahm, ohne dabei auf einen konventionellen Realismus zurückzufallen. Nun hat Oek de Jong nach langer Erzählpause, aber nur wenige Jahre nach der deutschen Ausgabe von "Kreis im Gras", unter dem Titel "Hokwerda’s kind" einen weiteren Roman verfasst, der sich noch konzentrierter, noch ausgereifter dem Thema aller Themen widmet.

" In meinem Roman sagt die Hauptfigur Lin an einer Stelle: "Es gibt kein Thema, worüber mehr gelogen wird als über die Liebe." Das ist der Ausgangspunkt all meiner Gedanken zur Liebe in diesem Buch. Ich glaube, Liebe ist das schwierigste, gefährlichste Ding überhaupt, aber die Leute neigen dazu, sie mit jederart Konventionen, einer Menge Illusionen und Erwartungen zu umgeben, sie rosa anzumalen. Mich hat der französische Roman inspiriert, Stendhal, aber auch Proust. Die Franzosen analysieren die Liebe gern, analysieren die Illusionen, um zum Eigentlichen vorzustoßen: Was geschieht wirklich? "

Als Lin, eine junge ansehnliche, wenn auch mit ihrer bäuerlichen Gestalt keineswegs klassisch schöne Frau, sich zum ersten Mal stolz und aufgeregt neben dem zehn Jahre älteren und einen halben Kopf kleineren Henri durch Amsterdam bewegt, wissen wir von ihr nur, dass sie einmal als Kind von ihrem Vater Hokwerda in einer aufreizenden Mutprobe wieder und wieder ins Wasser geworfen wurde.

" Er wollte seine Tochter abhärten. Wasser tropfte von ihrem Badeanzug. Sie war sein magerer Grashüpfer, der einfach nicht größer werden wollte. Warum nur? ... Sie blickte zu ihm auf, verlegen. Um ihre Unsicherheit zu verbergen, wischte sie sich mit schnellen Handbewegungen die Haare aus dem Gesicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Sieben-, achtmal hatte er sie bereits über den Schilfgürtel geschleudert. ... Dem Mädchen war schwindlig. Es roch den starken Geruch seines Vaters. Es wollte bei ihm sein. "Sollen wir aufhören?" Seine Tochter schüttelte den Kopf. "Einmal kann ich noch." "

Vielleicht hätte sich Lin ohne diese Vorgeschichte niemals zu dem bulligen Henri hingezogen gefühlt. Vielleicht hätte sie auch die Rohheiten und Seitensprünge dieses Mannes widerspruchslos ertragen - oder er hätte keine Ambitionen gehabt, die zwischen Trotz und Hingabe Schwankende immer wieder neu zu erobern. Als Lin nach der zweiten Trennung den schlaksigen Akademiker Jelmer kennenlernt, wirft sie all ihre Sinnlichkeit und Anpassungsfähigkeit in die neue, verläßlichere Beziehung, doch der Kampf, der Schmerz scheinen ihr zu fehlen. Nach zwei, drei zufälligen Begegnungen ist es soweit: Lin beginnt, Jelmer mit Henri zu betrügen.

" Nach zweieinhalb Jahren erkannte sie ebenso begierig wie widerspenstig seinen Körper wieder. Es war, ... als wäre die Erinnerung an die Formen seines Gesichts in ihren Lippen, die Erinnerung an seinen Rücken in ihren Händen gespeichert ... Sie bekam Angst, stand auf. Aber sie konnte sich ihm nicht entziehen; wieder unter der Bettdecke, legte sie Arme und Beine um ihn und weinte. Henri fühlte sich von ihren Tränen geschmeichelt. Sie weinte jedoch, weil ihr klar geworden war, dass sie von diesem Mann nicht losgekommen war. "

" Ich würde nicht sagen, dass viel Sex im Buch vorkommt; ich schreibe über Intimität, nicht über Sexualität. ... Ich betrachte erotische Szenen als eine große Möglichkeit für einen Romancier, wenn er sie in der richtigen Weise verwendet ... Sex ist eben grundlegend. Das weiß jeder, warum sollte man ihn auslassen? "

De Jongs Kunst der literarischen Analyse von Intimität hat zu dem Mißverständnis geführt, seine Romane handelten vom Ausnahmezustand des amour fou. Dabei zeugt diese Liebe lediglich – um es mit einem Filmtitel zu sagen – vom "merkwürdigen Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit." Dass sie konsequent in die Katastrophe führt, ist weniger das Ergebnis einer unkontrollierbaren Obsession als das einer kontrollierten literarischen Wahrnehmung. Minutiös registriert de Jong eine fatale Kombination von inneren Motiven und äußeren Zufällen, die immer tiefer in die Hölle führt, die dem letzten Kapitel den Namen gibt, welcher wiederum im Deutschen zum Romantitel gewählt wurde: "In der äußersten Finsternis."

" Für mich war es ein großes Abenteuer, in diese "äußerste Finsternis" zu gehen. Das ist auch mein Bild des Romanciers. In meinem Studio hängt ein kleines Foto; man sieht den Krater des Ätna, und man sieht einen der Führer hineinsteigen, er geht hinunter zum Magma, sehr rot, orange. Das ist mein Bild für das, was ein Romanschreiber tun muss. Man muss zum Tod hinabsteigen, dorthin, wo das Magma ist, die irrationale Welt von Musil. "

Oek de Jong hat nicht nur eine moderne Liebestragödie, sondern auch ein eindrucksvolles Frauenporträt geschaffen. Ohne jede Psychologie begreifen wir im Verlauf dieser spannenden Irrfahrt der Seele, dass diese eigenwillige, heimatlose Frau stets "Hokwerdas Kind" bleibt – unterwerfungsbereit und zugleich tollkühn genug, um der gewalttätigen Liebe ihres Vaters genügen zu wollen, von der wir nur aus der Eingangsszene wissen. Die Genauigkeit, mit der der Erzähler dabei in seine weibliche Figur schlüpft, zeugt von einer geradezu unheimlichen Einfühlungsgabe.


" Sie hatte das Jäckchen locker um die Schultern gelegt, mit einem gewissen Schwung, genauso, wie sie sich das vorgestellt hatte. Aber sie hatte nicht an die Menschenmassen gedacht, die hier abends die Wege und schmalen Uferstreifen entlang der Grachten füllen und sich an den Prostituierten vorbeischieben. Immer wieder stieß sie mit der Schulter an andere Passanten, so dass ihr das Jäckchen hinunterrutschte und sie es mit der freien Hand wieder hochziehen musste. Es war lästig. Aber sie wollte nicht stehenbleiben, um es anzuziehen, weil sie Henri dann loslassen und anschließend allen Mut zusammennehmen müßte, um ihn wieder am Arm zu nehmen. "

" Dies ist das erste Mal, dass die Hauptfigur meines Romans eine Frau ist; ich musste drei Jahre und 450 Seiten lang mit ihr zusammenleben, und das war kein Problem. Ich mag den Umgang mit Frauen, das steckt wohl dahinter. Daher war es für mich nicht schwer, diesen Part zu schreiben, nur am Anfang, das sexuelle Ding: Ich hatte mir vorzustellen, was eine Frau an einem Mann anzieht. Aber nach ein paar Monaten ging es. "

Diese "weibliche Sensibilität" bringt Oek de Jong all seinen Figuren entgegen, Frauen wie Männern, die einander gedankenverloren lieben, fliehen und verletzen. Ohne Zynismus oder Voyeurismus begleitet er ihre disparaten Regungen, kontrastiert ihre Ahnungen, Mißverständnisse und Illusionen. Es ist diese Kombination eines geradezu altmodisch allwissenden Erzählers mit den modernen literarischen Präzisionsinstrumenten, die seine Entwicklung innerhalb der mittleren Generation niederländischer Autoren so ungewöhnlich machen. Das alte, ja simple Thema der Liebe erhält in diesem Roman ein neues Gesicht, schillernd zwischen Tragik und Banalität. Oek de Jong spürt die Seelenregungen direkt unter der Körperhaut auf und verfolgt sie in einer klaren, leichten Sprache, die von Thomas Hauth in ein wunderbar fließendes Deutsch übertragen wurde. Am Ende der Lektüre kennen wir uns selbst ein bisschen besser – eine Leseerfahrung, die erschreckt und zugleich milde stimmt gegenüber den alltäglichen und doch so zerstörerischen Verwirrungen, denen wir als Liebende ausgesetzt sind.

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