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Wieder eine verpasste Chance

Keine Schutzzone in der Antarktis

Von Britta Fecke, Deutschlandfunk

Am Anfang war der Krill. Am Ende der Russe! Und dazwischen liegt die gescheiterte Verhandlung zum Schutz des Südpolarmeeres in dieser Woche, aber der Reihe nach: Am Anfang der Nahrungskette, oder zumindest ziemlich weit vorn, steht der Krill, kleinste Krebse, die in riesigen Schwärmen vor allem durch die Meere rund um den antarktischen Kontinent ziehen.

So klein sie auch sind, bilden sie in ihrer Menge noch die Grundlage für viele Meerestiere, auch so große wie die Bartenwale. Was passiert, wenn die breite Basis der Nahrungspyramide wegfällt, ist aus den zerstörten Ökosystemen dieser Welt hinlänglich bekannt: Sie geraten aus den Fugen, die Artenvielfalt geht verloren, am Ende bleibt nur noch die totale Ödnis: tote Gewässer - erodierte Böden.

Für das ungeübte Auge mag der Lebensraum der Antarktis ja schon jetzt öde und tot wirken: Der Kontinent liegt unter einer 4000 Meter dicken Eisdecke, die ihn umgebenden Meere sind größtenteils zugefroren; das Klima am südlichen Ende der Welt ist auch das kälteste der Erde, mit Tiefsttemperaturen von minus 90 Grad Celsius im Winter. Unwirtliche Bedingungen für Warmblüter ohne Fell und Fett - wie den Menschen - in der Tat, aber tot ist die Antarktis nicht.

Im Gegenteil - zwischen Gletscherwasser und Eisschollen tobt das Leben: Das eisige Meer ist extrem nährstoffreich und liefert so die Grundlage für viele Tier- und Pflanzenarten: für Pelzrobben, Pinguine, Seehunde, Minkwale, unzählige Vogel- und Fischarten - die Antarktis ist der intakteste Lebensraum der Welt. Eben weil Warmblüter ohne Fell und Fett - also Menschen - dort fast nie anzutreffen sind.

Da es aber auch für die anderen Ökosysteme der Erde wichtig ist, wenn wenigstens ein Lebensraum noch relativ artenreich und unbeschädigt existiert, gewissermaßen als produktive Basis, bemüht sich die "Internationale Kommission zum Schutz lebender Ressourcen in der Antarktis”, ein großes Meeresschutzgebiet im Südpolarmeer auszuweisen. Es sollte das größte Naturschutzgebiet der Welt werden, fast so groß wie Europa und fast hätte es geklappt, wenn nicht Russland überraschend und in letzter Minute dagegen gestimmt hätte, wegen juristischer Bedenken. Ausgerechnet! Russland sorgt sich um die Rechtmäßigkeit des Schutzvorhabens.

Wahrscheinlicher ist doch, dass die russischen Forscher noch ein bisschen Zeit brauchen, um an dem Nachweis zu basteln, dass auch die Antarktis irgendwie mit dem eigenen Festlandsockel verbunden ist. Woraufhin grundsätzliche Hoheitsrechte abgeleitet werden könnten und die Region deshalb unter den Schutz des Kremls gestellt würde. Dann wird das nächste Fähnchen gezückt und russische Taucher werden es am Sockel des antarktischen Kontinents feststecken, so wie vor Kurzem am anderen Ende der Welt, in Grönland, geschehen.

Die beiden Gebiete haben ohnehin viel gemein, Bodenschätze zum Beispiel, auch in der Antarktis liegen Erdöl, Gold und Uran unter der dicken Eisdecke. Doch wie ewig ist das ewige Eis in Zeiten des Klimawandels? Selbst wenn das Abschmelzen der Polkappen länger dauert als Putins Amtszeit, sollte man die verborgenen Ressourcen im Blick behalten, mit Permafrost kennt man sich in Russland schließlich aus. Und bevor die fossilen und mineralischen Ressourcen ausgebeutet werden können, gilt das Interesse vieler Piraten und vielleicht auch des Kremls den lebenden Ressourcen der antarktischen Meere: dem Krill zum Beispiel.

Die Krebschen sind zwar für den Menschen ungenießbar, werden aber inzwischen in großen Mengen für die Aquakulturen der Industrienationen gefangen. Den Fischfang in diesem extremen Lebensraum auszuweiten, würde das Ökosystem allerdings massiv gefährden. Nicht nur, dass den größeren und geschützten Arten ihre Nahrungsgrundlage weggefischt würde. Die Trawler stellen auch schon ohne Netze eine große Gefahr für das eisige Meer dar. 500 Tonnen Treibstoff hat so ein Schiff an Bord. Wenn es sinkt, wie in diesem April ein chinesischer Trawler vor der antarktischen Küste, dann überzieht nicht nur ein schwarzer Ölteppich das reine Weiß des ewigen Eises. Nein! Dann verpestet das Öl einen hochempfindlichen Lebensraum, in dessen Kälte Schadstoffe unendlich langsam abgebaut werden, die Tierarten dagegen extrem schnell dezimiert werden.

Die 24 Staaten und die EU hatten einmal Großes vor: Einen Lebensraum unter Schutz zu stellen, der noch nicht zerstört ist. Vielleicht gelingt es beim dritten Anlauf im Oktober. Am Anfang war der Krill, hoffentlich bleibt am Ende nicht nur der Russe.

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