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StartseiteBüchermarktWiederbelebung der Hörbühne14.12.2005

Wiederbelebung der Hörbühne

Der Zürcher Verlag Sprechtheater

Der Zürcher Verlag Sprechtheater ist eine Neugründungen infolge des Hörbuchbooms. Doch sein ambitioniertes Programm hebt ihn von dem anderer Verlage ab: inszenierte Hörstücke sind anstelle der schlichten Lesung im Programm. Das aufwändige akustische Kunstwerk ist hier zuhause, mit Vortragenden und eigens komponierter elektronischer Musik.

von Tobias Lehmkuhl

Mikrofon im Hörbuchstudio: überzeugendes Sounddesign mit Sprech-Schauspielern. (Deutschlandradio)
Mikrofon im Hörbuchstudio: überzeugendes Sounddesign mit Sprech-Schauspielern. (Deutschlandradio)

"Du, du, du, du, duda, du, ja du, was bildest du dir eigentlich ein verdammt, einfach so weggehen? Ja, ja ich rede mit dir verstehst du nicht? Ich rede mit dir, ja tu ich, mit wem denn sonst? Verdammt ich rede mit dir, aber du was machst du? Ja du, ja du, du gehst einfach so weiter, verdammt, als würde ich nicht mir dir reden, aber das tue ich, das hörst du doch. Oder ist hier sonst noch wer? Vielleicht denkst du das, dass hier noch wer ist, ja dass ich … Verstehst du oder verstehst du nicht. Verstehst du nichts oder nichts?"

Irgendwann versteht er dann doch, der Mann in "Winter", dem Zwei-Personen-Stück des Norwegers Jon Fosse. Er bleibt stehen und antwortet, in nicht minder rudimentären Sätzen. Stockend geht die Rede der beiden, als sei die Begegnung von Mann und Frau etwas, mit dem man erst einmal fertig werden müsse. Nicht, weil die Liebe sie geblendet und aus der Bahn geworfen hätte, sondern weil es überhaupt ein Wunder ist, dass Zwei miteinander sprechen.

"Ich…ja komm her – Ich? – Ja, hierher, setz dich ein bisschen neben mich – Ja. – Ja, komm schon. – Aber ich. – Nein, komm schon. – Aber ich muss zum nächsten Termin, oder so. – Du warst zu spät – Ja, oder ich, ich bin nicht hin, ja, oder, ja ich war zu spät, und dann, ja. – Komm jetzt, komm zu deiner Frau, du Schlaufuchs. Was? Komm schon. Was?"

Jon Fosses "Winter" ist das knochenharte Skelett einer Liebesgeschichte. Keine schönen Worte werden hier gewechselt. Die Zärtlichkeit liegt in der Bereitschaft von Mann und Frau, immer wieder einen winzigen Schritt aufeinander zuzugehen. Dass man nicht abgewiesen wird, gilt schon als Sieg. Sylvana Krappatsch und André Jung gelingt es, diese Annäherungsbewegung, die sich in Kreisen vollzieht und immer nur millimeterweise vorankommt, eindringlich darzustellen. Fast hat man Mitleid mit den Figuren, die der Liebe und dem Leben so hilflos ausgeliefert scheinen. Doch irgendwann erkennt man, dass diese von Anziehung und Abstoßung bestimmte Struktur fast jeder Liebesbeziehung zugrunde liegt. Jon Fosse legt sie bloß.

Zu hören ist dieses 48minütige Stück auf einer CD, die soeben im Sprechtheater erschienen ist. Der Zürcher Verlag gehört zu den zahlreichen Neugründungen, die es im Zuge des Hörbuchbooms der letzten Jahre gegeben hat. Doch er unterscheidet sich durch sein ambitioniertes Programm deutlich von den meisten anderen Verlagen. Nicht die schlichte Lesung kommt hier zum Zuge, sondern das inszenierte Hörstück, der Hörmonolog, die Leseperformance. Die Sprechtheater-Produktionen sind aufwändige akustische Kunstwerke, mit Sprechern, die mehr Darsteller als Vortragende sind, und meist mit eigens komponierter elektronischer Musik. Dabei zielen die Produzenten nicht auf das große Hörspiel, sondern erkunden die Möglichkeiten der kleinen Form, des Solos und des Duos.

Auch auf einer weiteren gerade im Sprechtheater erschienenen CD treffen Frau und Mann aufeinander. Diesmal allerdings sind die von vornherein ein Paar. Mit den Problemen eines Paars:

"Sie: Ich will ein Kind von dir, das mein ich ganz ehrlich.
Er: Ja, ganz ehrlich, schönes Wort, was heißt das nochmal gleich?
Sie: Küss mich.
Er: Schschsch, ruhe jetzt."

Falk Richter und Bibiana Beglau sind hier zu hören, als Er und Sie in einer Adaption der Lesefassung von Richters Erfolgsstück "Gott ist ein DJ". Es geht um ein Paar, das seinen häuslichen Alltag hin und wieder auf Video aufzeichnet; die Bänder werden dann in einer Kunsthalle abgespielt. Eine in Zeiten der Webcams, der unzensierten Videotagebücher, und nicht zuletzt in Zeiten von "Big Brother" durchaus altertümlich wirkende Idee. Das war noch anders, als das Stück, vor gerade einmal sechs Jahren, uraufgeführt wurde.

Doch spielen die beiden nur Alltag. Für ihre Videos denken sie sich Geschichten aus, erzählen Erfundenes. Natürlich wirkt auch dieses Spiel einigermaßen altbacken. Der postmoderne Eiertanz um die Frage nach Realität und Fiktion scheint schon lange ausgetanzt. In der Hörfassung gewinnt er noch einmal eine spezifische Qualität. Da Gestik und Mimik fehlen, fehlen auch wichtige Anhaltspunkte, anhand derer sich der Zuhörer darüber klar werden könnte, ob es Wahrheit oder Lüge ist, was ihm da erzählt wird. Denn die bloßen Stimmen sind, im wörtlichen Sinn, undurchschaubar. Bis ins Absurde hinein reizt Richter diesen Umstand aus.

"Er: Meine Mutter hat mir ’nen Brief geschrieben. Sie haben jetzt die Dosis erhöht.
Sie: Jaja.
Er: Weil sie sonst gar nicht mehr aufhören würde zu reden, sie redet ununterbrochen unzusammenhängende Sätze, alles Therapievokabular. Meine Mutter war Seelsorgerin für manisch-depressive Supervisoren von psychotherapeutischen Gemeinschaftspraxen in der Nähe von Bonn. Dann hatte sie ’nen Skiunfall, ist mit dem Kopf gegen ’nen Lift geknallt seitdem redet ihr Gehirn ohne sie weiter.
Sie: Ich denke deine Mutter war Gruppentherapeutin für an Alzheimer erkrankte Waldorfpädagogen in der Rudolf-Steiner-Klinik in Worpswede?
Er: Meine Mutter ist jetzt selbst schwer an Alzheimer erkrankt, die gibt nur noch Laute von sich: Biep Biep. Meine ältere Schwester stirbt gerade an Aids, die ist völlig übersät mit Geschwüren. Und mein Bruder hat sich gerade gestern das leben genommen. Der war erst dreizehn. Das ist alles sehr schwer für mich. Mein Vater hat Krebs, Endstadium, kann nicht mehr allein auf Toilette, überall Schläuche, muss im Rollstuhl sitzen. Meine andere Schwester musste schon von frühester Kindheit an im Rollstuhl sitzen, die ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen.
Sie: Und ohne Augen.
Er: Und ohne Nase.
Sie: Und ohne Mund auch.
Er: Und ohne Ohren.
Sie: Jaaa, scheint mir, die ist vielleicht gar nicht zur Welt gekommen."

Vor drei Jahren startete der Sprechtheater Verlag mit seinem ersten Programm. Eine der drei ersten CDs, Herman Melvilles "Bartleby", gewann in der inszenierten Hörfassung mit Ueli Jäggi sogleich den "Deutschen Hörbuchpreis". Seitdem sind sechs weitere CDs erschienen, darunter ebenfalls mit dem großartigen Ueli Jäggi eine Aufnahme von Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen". Auch der vergnügliche "Weihnachtsabend" von Charles Dickens mit Graham Valentine ist erwähnenswert, und nicht zuletzt Theresias Walsers Kabinettstückchen "Kleine Zweifel" mit Paula Dombrowski.

Waren die ersten beiden Programme vor allem durch die Nähe des Sprechtheaters zum Schauspiel Zürich um Christoph Marthaler geprägt, so findet sich im aktuellen Programm nun erstmals eine Übernahme von einer anderen deutschsprachigen Bühne.

Im Schauspielhaus Hamburg lief in der Spielzeit 2004 "Der Weg zum Glück" von Ingrid Lausund. Ein Solo-Abend um einen todtraurigen Mann, der sich ein für alle Mal am eigenen Schopf aus dem Unglückssumpf ziehen möchte.

"Also für mich ist wichtig, wenn ich mich auseinandersetze, dann aber gründlich. Das ist dann nicht mal nur so nachgefragt, das ist dann aber so ganz grundsätzlich. Wenn ich mich auseinandersetze, dann ist das keine halbe Sache, da kenn ich aber gar nichts."

Bernd Moss spricht diesen zwischen haltloser Verzweiflung und zynischem Witz pendelnden Menschen. Dieser Namenlose möchte, verfolgt von einer unbestimmten Panik und ohne eigentlich Pech zu haben, ganz im Gegenteil, er kommt ganz gut zurecht im Leben, er möchte also dem Glück in die Arme laufen. Doch wo findet man das? Die Glückssuche entpuppt sich schnell als Sinnsuche. Sein Leben fühlt sich leer an. Darum hadert er mit sich selbst, versucht zu verstehen, wo Verstehen unmöglich scheint. Er erinnert sich an missglückte Geburtstagsfeiern, fantasiert sich Julia Roberts in seine Küche und beschließt schließlich, ein anderer zu werden. Es wird ihm nicht bekommen.

"An diesem Abend beschließe ich, dass ich morgen aufwache und ein andrer bin. Einer der sich nicht immer selbst hinterfragt, einer der in seiner Mitte ist. Einfach, weil ich die Nase voll hab. Das ganze Wer bin ich und was will ich, damit ist ab morgen Schluss. Und der kleine Apparat in meinem Kopf, der fürs Reflektieren zuständig ist, der wird heut Nacht endgültig abgeschaltet. Ab morgen bin ich ein anderer, ab morgen leb ich hundert Prozent, ab morgen bin ich ein glückliches Vitalviech. Einfach, weil ich das jetzt entschieden habe. Ich überlege, ob es sinnvoll ist, ab morgen auch an Gott zu glauben, aber ich entscheide mich dann doch dagegen. In dem ganzen Religionszeug ist auch schon wieder soviel Auseinandersetzungspotential – und genau damit ist jetzt Schluss. Ich will unbegründet, ohne Sinnversprechen, kontextlos glücklich sein."

Es ist eine hervorragende Idee des Sprechtheater Verlags, das Hörbuch als Bühne zu begreifen und im Ohr des Hörers Theater zu spielen – auch wenn die Idee nicht ganz neu ist. Die erste Sprechplatte, erschienen 1954, basierte auf der Bühnenfassung von Gustav Gründgens berühmter "Faust"-Inszenierung. Doch danach geriet die Idee, Hörfassungen von Theaterstücken herzustellen, danach schnell in Vergessenheit. Auch wenn heute hin und wieder einmal ein dem Radio entsprungenes Hörspiel den Weg auf den Hörbuchmarkt findet, in der Regel verstopfen stundenlange und nicht selten äußerst langweilige Lesungen Buchhandelsregale und heimische CD-Spieler.

Eine Wiederbelebung der Hörbühne oder des Gehörtheaters kommt darum gerade recht. Natürlich bedarf die akustische Form adäquater Bearbeitungen, eines überzeugenden Sounddesigns und nicht zuletzt hervorragender Sprech-Schauspieler. Angesichts der Tatsache, dass dem Sprechtheater Verlag all diese Mittel zur Verfügung stehen, man sie dort einzusetzen weiß, und auch weil das Projekt im deutschsprachigen Raum konkurrenzlos dasteht, könnte man meinen, es wäre kein besonders wagemutiges. Allerdings scheint es schwieriger zu sein, den Platz in Buchhandelsregalen und CD-Spielern zu erkämpfen, als exquisite Hörstücke zu produzieren.

Jon Fosse: Winter. Sprecher: André Jung, Sylvana Krappatsch. 1 CD, 48 Minuten.
Ingrid Lausung: Der Weg zum Glück. Sprecher: Bernd Moss. 1 CD, 66 Minuten.
Falk Richter: Gott ist ein DJ. Sprecher: Bibiana Beglau, Falk Richter. 1 CD, 69 Minuten.
Alle erschienen im Verlag Sprechtheater, Zürich 2005, jeweils 16,80.

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