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StartseiteUmwelt und VerbraucherWiederentdeckung der Wildnis22.10.2012

Wiederentdeckung der Wildnis

Rohstoffboom in Nordschweden

Von unberührter Natur und biologischer Vielfalt alleine lässt sich nicht leben – das spüren die Menschen im Norden Schwedens. Teile der Region haben bereits eine Vergangenheit als Bergbaustandorte, die Arbeit und Brot brachten. Städte und Dörfer wünschen sich mehr Wohlstand und haben nichts dagegen, dass sich Rohstoffkonzerne für ihre Bodenschätze interessieren.

Von Alexander Budde

Mehr Wohlstand mithilfe der Bodenschätze erhofft (Stock.XCHNG / Karin Lindstrom)
Mehr Wohlstand mithilfe der Bodenschätze erhofft (Stock.XCHNG / Karin Lindstrom)

In Kaunisvaara, im Norden Schwedens, ist soeben eine große Eisenerzmine eröffnet worden. Überall in der traditionsreichen Bergbauregion werden neue Industrieprojekte vorangetrieben. Gesucht wird nach Nickel, Kupfer, Gold, Uran und Eisenerz. Die verbliebenen Bewohner träumen von einer Zukunft im Wohlstand. Doch Umweltschützer sorgen sich um die noch kaum berührten Naturlandschaften.

Niclas Dahlström steht am Rande eines gewaltigen Erdlochs, rund 100 Kilometer nördlich des Polarkreises in der baumlosen Tundra. Nur wenige Kilometer sind es bis Pajala, einer Kleinstadt im äußersten Norden Schwedens. Streng nach Vorschrift hat der Sprecher des Bergbaukonzerns Northland Resources eine leuchtende Signalweste über seinen Anzug gestreift. Der junge Schwede schaut zu, wie eine Flotte haushoher Muldenkipper über eine Rampe hinab in den Tagebau rollt. Unten warten Bagger darauf, ihre Schaufeln zu leeren. Tonnenschwere Gesteinsbrocken poltern auf die Ladeflächen der Laster. Das kostbare Mineral Magnetid stammt aus dem Erdinneren, sagt Dahlström. Und dass der Erfolg einer Schatzsuche von Faktoren abhänge, auf die moderne Prospektoren wenig Einfluss haben: von der Stimmungslage auf dem Kapitalmarkt zum Beispiel und von der Entwicklung der internationalen Rohstoffpreise.

"Eisenerz wird erst dann zum Produkt, wenn ein Unternehmen in der Lage ist, die Vorkommen auszubeuten, den Rohstoff an die Kunden zu liefern und dabei auch noch Geld zu verdienen."

Hunderte Schaulustige feiern die erste Sprengung. Wo einst Rentiere friedlich an ihren Flechten nagten, wurden in den letzten Monaten täglich bis zu 20.000 Kubikmeter Torf und Mergel aus dem Weg geräumt, um das Flöz zu erreichen. Auf kilometerlangen Transportbändern wird das Erz in die Mühlen des gewaltigen Anreicherungswerks gelangen. Umgerechnet rund 560 Millionen Euro hat die an den Börsen von Toronto und Oslo gelistete Tochter eines kanadischen Bergbaukonzerns in Kaunisvaara investiert. Bei voller Auslastung der Produktion soll das Bergwerk 750 Kumpeln Lohn und Brot geben.

"Wir haben hier aus dem Stand das größte Industrieprojekt des Landes seit Jahren angeschoben. Bereits in der Bauphase konnten wir beobachten, dass viele Menschen hier in Schweden aber auch drüben in Finnland an eine Rückkehr in ihre Heimatorte denken."

Bis zu fünf Millionen Tonnen Konzentrat will Northland vom nächsten Frühjahr an auf speziellen Lastwagen und in den Waggons der Erzbahn bis ins norwegische Narvik und weiter per Schiff an Stahlwerke in aller Welt ausliefern. Und Northland ist nur eines von zahlreichen Unternehmen, die in der traditionsreichen Bergbauregion ihre Claims abstecken. Bereits im Vorjahr wurden mehr als 60 Millionen Tonnen gefördert, so viel wie nie zuvor: Kupfer, Zink, vor allem aber Eisenerz. Sollten die Behörden sämtliche beantragten Konzessionen erteilen, wäre kaum mehr Platz für die traditionelle Rentierzucht der Saami, fürchtet Tom Arnbom. Der Experte der Naturschutzorganisation WWF sorgt sich auch um die sensiblen Lebensräume der Tundra.

"Bei der Förderung aus Bergwerken kommen Chemikalien zum Einsatz, Abwasser und Abraum enthalten Schwermetalle wie Zink, Blei und Quecksilber. Wenn die etwa bei einem Dammbruch in unsere Flüsse gelangen, könnten sie ganze Ökosysteme zerstören. Unsere Sorgen sind vor allem die vielen ausländischen Unternehmen, die jetzt nach Schweden kommen. Wer übernimmt die Verantwortung, wenn es zur Katastrophe kommt?"

Solche Bedenken liegen Bengt Niska fern. Er war Bürgermeister des kleinen Pajala, als die Not am größten war.

"In Pajala begann die Epoche der Stagnation, als Mitte der 50er-Jahre im Rest des Landes die Urbanisierung in Schwung kam. In sechs Jahrzehnten sind uns die Leute aus der Gemeinde davongelaufen. Von 15.000 Bewohnern zu den besten Zeiten sind wir auf 6000 geschrumpft. Wir haben alles heruntergefahren. Das Kulturleben kam völlig zum Erliegen."

Der Sozialdemokrat steht heute einer Gesellschaft vor, die Pajala als naturnahen Standort der Montanindustrie vermarkten soll. Mit den Bergbaukonzernen hofft er, wird neues Leben in die strukturschwache Region zurückkehren.

"Attraktiver Wohnraum in naturschöner Lage muss her. Wenn so viele Fachkräfte mit ihren Familien zuwandern, brauchen wir auch ein Kulturmilieu, das den Bedürfnissen gerecht wird. Wir können nicht darauf warten, dass Vater Staat alles richtet. Wir brauchen den Pakt mit dem Kapital."

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