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StartseiteKalenderblattMeilenstein der Medizingeschichte16.08.2014

Wiener KrankenhausMeilenstein der Medizingeschichte

Das Allgemeine Krankenhaus in Wien gehört zu den größten Kliniken Europas. Vor 230 Jahren wurde es vom österreichischen Kaiser Joseph II. gegründet. Zu seiner Zeit gab es Krankenhäuser im heutigen Sinne allerdings noch gar nicht. Das Wiener Krankenhaus stellt somit einen Meilenstein der Medizingeschichte dar.

Von Andrea Westhoff

Der Narrenturm im Allgemeinen Krankenhaus in Wien (picture-alliance/ dpa)
Der Narrenturm im Allgemeinen Krankenhaus in Wien (picture-alliance/ dpa)
Weiterführende Information

Blut - Manuskript: Vom richtigen Maß bei Transfusionen (Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 25.05.2014)
Sterbehilfe - Ars moriendi - Recht auf einen gelingenden Tod (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 14.05.2014)

Wien im 18. Jahrhundert: eine lebendige Großstadt, Hort der Kunst und Kultur - aber auch des Elends. Nach zahlreichen Kriegen und zwei türkischen Belagerungen leben hier besonders viele Kriegsversehrte, Waisen, Arme und Kranke. Manche werden in die Pest- oder Siechenhäuser außerhalb der Stadtmauern verbannt, viele sammeln sich in den zahlreichen Hospitälern. Das sind im ursprünglichen Wortsinn Gasthäuser, Herbergen für Bedürftige, unterhalten von den Kirchen oder reichen Stiftern. Aber die Versorgung ist mehr schlecht als recht. So müssen sich mehrere Menschen ein Bett teilen, wie zeitgenössische Quellen berichten:

"Daher kömmt es gemeiniglich, das, wenn drey oder vier beysammen liegen, in der Folge alle an Faulungsfieber sterben."

Joseph II. schuf das modernste Gesundheitssystem der Zeit

Das Elend rührte auch Joseph II.. Der österreichische Kaiser sah sich als aufgeklärter Herrscher und Reformer und begann gleich nach seinem Regierungsantritt 1780, in Wien das modernste Gesundheitssystem der damaligen Zeit zu schaffen. Ausgangspunkt sollte die riesige Anlage des "Großarmen- und Invalidenhauses" sein, das Kaiser Leopold I. fast 100 Jahre zuvor auf den gestifteten Grundstücken von Johann Franckh hatte errichten lassen.

Durch Vetternwirtschaft und fehlende Kontrolle wohnten dort längst nicht mehr nur Kriegsversehrte und Bedürftige, also ordnete Joseph II. kurzerhand an, das ganze Gelände quasi räumen und neu einrichten zu lassen. Wer arm, aber gesund war, kam in anderen Spitälern unter, und bereits am 16. August 1784 wurde das neue "Allgemeine Krankenhaus" eröffnet.

"Es enthält sieben Höfe und hat für 2.000 Kranke Raum, von denen jeder sein besonderes Bett hatte, die zweieinhalb Schuh voneinander entfernt sind."

...schrieben die Chronisten. Es galt zwar ein Vier-Klassen-System, aber jeder Patient erhielt Kost und Pflege. Stolz ließ der Kaiser in einer "Nachricht an das Publikum" verkünden:

"Den zum Beistande, zur Besorgung und Bedienung der Kranken angestellten Ärzten, Chirurgen, Geburtshelfern, Wehmüttern, Beamten und Wärtern ist eine anständige, liebevolle Begegnung aufs Schärfste eingebunden."

Revolutionäre Heileinrichtungen

Zum Krankenhaus gehörten damals neben dem allgemeinen Krankenspital auch das "Tollhaus", die Siechenhäuser für Infektiöse, sowie ein Gebär- und ein Findelhaus - mit geradezu revolutionärem Konzept:

"Jede Unglückliche, die in diesem Haus Hülfe sucht, kann sich in einer Maske vorm Gesichte dahin begeben. Hier wird sie Mutter und verlässt das Haus, ohne erkannt zu werden. Seit dieser wohltätigen Einrichtung hört man nichts mehr vom Kindsmorde."

Bemerkenswert war zudem der fünfstöckige "Narrenturm", von den Wienern "Kaiser Josephs Gugelhupf" genannt - ein medizingeschichtliches Denkmal:

"Das hinter dem allgemeinen Krankenhause liegende runde Gebäude ist für die unglücklichen Opfer des Wahnwitzes bestimmt. Die Aufnahme und Pflege ist hier dieselbe wie im großen Spitale."

Man begann, "Wahnsinnige" nicht mehr wie Tiere anzuketten und vor sich hin vegetieren zu lassen, sondern als Kranke zu behandeln, wenn auch noch lange mit zum Teil brachialen Zwangsmaßnahmen.

Wien entwickelte sich zur Hochburg des medizinischen Fortschritts

Aber nach wenigen Jahren stand das große Reformprojekt Josephs II. schon wieder fast vor dem Aus: Gleich nach dem Tod des Kaisers 1790 monierten die Kritiker bauliche und hygienische Mängel sowie Misswirtschaft bei der Krankenhausleitung und forderten, zu den kleinen einzelnen Spitälern zurückzukehren. Doch dazu kam es nicht. Im Gegenteil.

Das Allgemeine Krankenhaus bekam immer mehr Zubauten und weil hier die Mediziner-Ausbildung in der Theorie und am Krankenbett intensiv gefördert wurde, war Wien im 19. Jahrhundert eine Hochburg des medizinischen Fortschritts: An der Geburtsklinik erkannte Ignaz Phillip Semmelweis 1847 die Bedeutung der Hygiene im Kampf gegen das Kindbettfieber. Der Chirurg Theodor Billroth entwickelte hier zahlreiche neue Operationsmethoden. Karl Landsteiner entdeckte 1901 die unterschiedlichen menschlichen Blutgruppen; und auch Sigmund Freud arbeitete als Assistenzarzt am Allgemeinen Krankenhaus Wien.

Heute ist es das Wiener Universitätsklinikum und eines der größten Krankenhäuser Europas. Und über dem Eingang des Neubaus steht, wie schon zu Zeiten Kaiser Josephs II., der Leitspruch:

"Saluti et solatio aegrorum - Zum Heil und zum Trost der Kranken."

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