Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteKalenderblattUS-Offiziere schützen deutsche Kunstsammlungen07.11.2015

Wiesbadener Manifest vor 70 Jahren US-Offiziere schützen deutsche Kunstsammlungen

Am 7. November 1945 protestierten US-Offiziere mit dem Wiesbadener Manifest gegen den Abtransport von über 200 bedeutenden Kunstwerken aus deutschen Museen in die Vereinigten Staaten. Dieses Manifest war ein Dokument hoher ethischer und kulturpolitischer Verantwortung der amerikanischen Militärs, wie es sie in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nur selten gab.

Von Rainer Berthold Schossig

Nachbildungen verlorener Kunstschätze aus der Nazizeit am Filmset von "Monuments Men" (imago / Future Image / U. Geißler)
Nachbildungen verlorener Kunstschätze aus der Nazizeit am Filmset von "Monuments Men". (imago / Future Image / U. Geißler)
Mehr zum Thema

US-Kongress ehrt die "Monuments Men" Eine Medaille für unerschrockene Kunstretter

Frage des Tages Wo bleiben die Monuments Men in Palmyra?

Neu im Kino Auf Schatzsuche nach Nazi-Raubkunst

Raubkunst Der wahre Monuments Man

Ende März 1945 verfrachteten die Nazis Hals über Kopf wertvolle Gold- und Kunstschätze aus Berlin in das Thüringer Salzbergwerk Kaiseroda. Wenige Wochen später drangen vorrückende US-Soldaten in den 500 Meter tiefen Kali-Stollen ein. Diese Spezialeinheiten - sogenannte Monuments Men - sollten bedrohte Denkmäler und Kunstobjekte sichern. In Kaiseroda machten sie einen einzigartigen Fund. Propaganda-Chef Goebbels notierte damals ins Tagebuch:

"Unsere gesamten Goldreserven in Höhe von hundert Tonnen sind in die Hände der Amerikaner gefallen. Dazu noch ungeheure Kunstschätze - darunter die Nofretete!"

Die ägyptische Statue der Nofretete - bald darauf schon wieder glanzvoll in Westberlin ausgestellt - landete mit Hunderten anderer Kunstwerke im "Central Collecting Point" in Wiesbaden, wo alles gesammelt und gesichtet wurde. Der texanische Industrielle und Autor Robert M. Edsel schrieb später in dem Buch "Monuments Men - Die Jagd nach Hitlers Raubkunst":

"Allmählich begriffen die Monuments Men, was in den Stollen alles versteckt war: Skulpturen in Kisten, altägyptische Papyrusurkunden in Metallbehältern, griechische und römische Kunstwerke, byzantinische Mosaiken, islamische Tapisserien, Mappen aus Leder. Versteckt in einem unscheinbaren Nebenraum entdeckten sie die Original-Holzschnitte von Albrecht Dürers berühmter Apokalypse-Serie aus dem Jahr 1498."

Ein Abtransport von Kunstwerken in die USA war eigentlich nicht vorgesehen

Auf Edsels Schilderungen basiert auch das Drehbuch zu dem Film "Monuments Men" von und mit George Clooney:

"Die Monuments Men waren meist Freiwillige - junge Familienväter, die für ihre gefährliche Aufgabe keine besonderen Vergünstigungen bekamen. Viele von ihnen hatten europäische Wurzeln, Idealisten, die sich dafür einsetzten, bedrohte Kunstwerke zu erhalten. Wer weiß schon, dass die Monuments Men etwa die Sammlungen des Bonner Beethoven-Hauses oder der Berliner Gemäldegalerie geschützt und zurückgebracht haben?"
In den letzten Kriegsjahren hatten amerikanische Kunsthistoriker, Architekten und Kuratoren Europas bedrohte Kunstschätze katalogisiert und Verhaltensregeln im Umgang mit entdeckten Werken entwickelt. Ein Abtransport in die USA war nicht vorgesehen."

Umso erstaunter war Walter Farmer, Chef der Wiesbadener Sammelstelle, dass er im Herbst 1945 telegrafisch angewiesen wurde, umgehend 200 Gemälde aus seinen Beständen an die National Gallery of Art in Washington zu schicken. Lakonische Begründung: nur dort seien die Bilder - darunter Werke von Tizian und Botticelli, Rembrandt, Rubens und Cranach - sicher verwahrt. Die Wiesbadener Raubkunst-Expertin Tanja Bernsau:

"Das bringt ihn in großes Erstaunen, es widerspricht der Aufgabe, die er sich gestellt hat. Er möchte Kulturgut bewahren, und zwar auch für Deutschland bewahren, also nicht nur per se, sondern er möchte das Kulturgut in dem Land bewahren, dem es gehört, und das waren die Berliner Sammlungen, das war deutsches Kulturgut."

Walter Farmer trommelte seine Kollegen zu einem Meeting in Wiesbaden zusammen; 32 Kunstschutzoffiziere kamen und unterzeichneten am 7. November 1945 das "Wiesbadener Manifest". Es gipfelt in der Feststellung:

"Wir möchten darauf hinweisen, dass unseres Wissens keine historische Kränkung so langlebig ist und soviel gerechtfertigte Verbitterung hervorruft, wie die Wegnahme eines Stücks kulturellen Erbes einer Nation, selbst wenn dieses als Kriegsbeute betrachtet werden könnte."

Das Dokument - verfasst von militärisch unerfahrenen Akademikern - ist beredter Ausdruck von Zivilcourage. Und es zeigt die hohe ethische und demokratische Gesinnung, mit der die Monuments Men ihre Aufgabe angingen. Der Protest konnte den Abtransport der Werke zwar nicht verhindern. Doch die Erklärung gelangte an die amerikanische Öffentlichkeit; es kam zu heftigen Reaktionen:

"Die Monuments Men, die nach Amerika zurück gekehrt sind, also wieder in ihre Zivilberufe zurückgekehrt sind, die haben darüber geschrieben, die haben in Fachzeitschriften veröffentlicht, und im Februar 1946 gab es sogar einen Artikel in der "New York Times" – und spätestens dann war ein ganz großes Medieninteresse da."

Diese Debatte sowie Proteste amerikanischer Museumsleute bei Präsident Truman führten dazu, dass die Gemälde - nach einer Ausstellungstournee durch 13 amerikanische Städte - 1949 nach Deutschland zurückgebracht wurden. Walter Farmer erhielt für seinen Einsatz 1996 das Bundesverdienstkreuz.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk