• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heuteJulian Assange und sein selbstgewähltes Exil19.06.2014

Wikileaks-Gründer Julian Assange und sein selbstgewähltes Exil

Seit genau zwei Jahren lebt und arbeitet der Wikileaks-Gründer Julian Assange nun in der ecuadorianischen Botschaft in London. Sollte er das Gebäude auch nur für einen Moment verlassen, würden die Handschellen klicken. Denn in Schweden wird seit Sommer 2010 gegen Assange wegen mutmaßlicher Vergewaltigung und sexueller Nötigung ermittelt – und London möchte den Australier gerne ausliefern.

Von Jochen Spengler

Teilnehmer des 30. Chaos Communication Congress (30C3) des Chaos Computer Clubs (CCC) verfolgen am 29.12.2013 in Hamburg im Congress Center (CCH) auf einer Videoleinwand einen Vortrag von Wikileaks mit Julian Assange. (picture-alliance/ dpa / Angelika Warmuth)
Julian Assange sitzt seit zwei Jahren in einem Hinterzimmer in der Londoner Botschaft Ecuadors. (picture-alliance/ dpa / Angelika Warmuth)
Weiterführende Information

Julian Assanges und der globale Datenklau (Deutschlandfunk, Kultur heute, 07.07.2013)Wikileaks-Gründer Assange "Ein wenig wie ein Gefängnis"

Es ist ruhig geworden um Julian Assange. Nur noch selten versammeln sich Anhänger vor dem Viktorianischen Backsteingebäude in Kensington. Ihr Idol hat sich inzwischen einen grauen Vollbart zugelegt - das einst strohblonde Haar des 42-Jährigen ist schon länger weißgrau.

"Es ist eine schwierige Umgebung, aber andere befinden sich in noch schwierigerer Lage", sagt er gegenüber der BBC.

"Natürlich würde ich diese Botschaft verlassen, es ist schon ein wenig wie ein Gefängnis, auch wenn die Leute hier toll sind. Aber wohin sollte ich gehen?"

Am 19. Juni 2012 flüchtete Assange in die Londoner Botschaft Ecuadors 

Julian Assange sitzt seit zwei Jahren in einem Hinterzimmer in der Londoner Botschaft Ecuadors - in einer Hochparterrewohnung gleich hinter dem Luxuskaufhaus Harrods. Nachdem er, ohne dass je Anklage erhoben worden wäre, seit Dezember 2010 mit elektronischer Fußfessel unter Hausarrest gestanden und sein Auslieferungsverfahren auch in der dritten Instanz verloren hatte, flüchtete der gebürtige Australier am 19. Juni 2012 hierher. Seitdem wagt er nicht, das selbst gewählte Exil zu verlassen. Denn vor dem Gebäude schieben Bobbys rund um die Uhr Wache - ein Einsatz, der den Steuerzahler bislang weit mehr als sieben Millionen Euro gekostet hat. Scotland Yard ist angewiesen, Assange festzunehmen und an Schweden auszuliefern.

"Sobald er schwedischen Boden berührt, wird er verhaftet und in Isolations-U-Haft genommen und kann vier Tage lang nur mit mir und meinem Co-Verteidiger reden."

Bewachung kostete bereits mehr als sieben Millionen Euro 

sagt Rechtsanwalt Per Samuelson, der Assange in Schweden gegen den Vorwurf sexueller Nötigung und Vergewaltigung verteidigt. Assange weist diese Beschuldigungen zurück und spricht von einer Verschwörung, die dazu diene, ihm und der Enthüllungsplattform Wikileaks zu schaden. Er fürchtet, dass er von Schweden an die USA ausgeliefert werden soll, damit ihm dort wegen der Veröffentlichung der geheimen US-Irakkriegsprotokolle der Prozess gemacht werden kann. Eine Furcht, die Rick Falkvinge von der schwedischen Piratenpartei für berechtigt hält.

"Schweden war offen gesagt immer das Schoßhündchen der USA und das ist nichts, worauf wir besonders stolz sind. Wenn die amerikanischen Behörden sagen: spring, fragt die schwedische Regierung: wie hoch?"

Nachdem der Wikileaks-Informant Manning zu 35 Jahren Haft verurteilt worden ist und nach den Enthüllungen Edward Snowdens über das Ausmaß der Überwachung erscheinen manche Behauptungen Julian Assanges nicht länger als paranoide Übertreibung.

Nicht nur seine Fans, sondern auch Parlamentarier fragen sich, warum die schwedischen Strafverfolger nicht längst von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, Assange per Video oder in der Botschaft persönlich zu befragen; auch eine unmissverständliche Nichtauslieferungsgarantie Schwedens wäre ein Weg aus der Sackgasse oder gar die Versicherung der US-Behörden, Assange nicht anzuklagen.

Assange: "Die Besten und Klügsten gehen ins Exil"

Solange davon keine Rede ist, arbeitet Julian Assange weiter von seinem Hinterzimmer aus, liest, twittert, schreibt, hält sich mit Boxen fit, nimmt per Video an Debatten teil und sendet Botschaften in alle Welt:

"Der Westen wird zu einem Ort, wo die Besten und Klügsten, die die Regierungen zur Verantwortung ziehen, im Asyl oder Exil in anderen Ländern enden. Das haben wir früher in lateinamerikanischen Diktaturen gesehen und in der Sowjetunion und es wird Zeit, dass es aufhört."

Jennifer Robinson, seine britische Rechtsberaterin, sagt:

"Ich habe noch nie jemanden kennengelernt, der so gut mit einer solchen Menge Stress fertig wird. Er kümmert sich noch immer sehr um die Arbeit von Wikileaks. Er mag in der Botschaft gefangen sein, aber das stoppt ihn nicht."

Im Herbst will Julian Assange ein neues Buch veröffentlichen, das auf Gesprächen mit dem Google-Manager Eric Schmidt beruht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk