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StartseiteMarkt und MedienWikipedia und die Medien24.06.2006

Wikipedia und die Medien

Die deutschen Wikipedianer sind vergleichsweise fleißig. Nur noch die englische Wikipedia-Version verzeichnet mehr Artikel. 400.000 haben die Deutschen inzwischen zusammen getragen, und die freie Enzyklopädie ist längst mehr als nur eine Spielwiese für Besserwisser. Immer mehr Journalisten greifen, weil’s ja so einfach ist, auf Wikipedia zurück, und damit finden die Informationen - wenn auch meist unbemerkt - Eingang in die tägliche Berichterstattung.

Von Gabor Paal

Wikipedia lebt von engagierten Mitarbeitern. (Wikimedia)
Wikipedia lebt von engagierten Mitarbeitern. (Wikimedia)

Was auch problematisch ist, denn wo jeder mitschreiben kann, kann auch jeder Unsinn schreiben. Zwar wird bei umstrittenen Passagen viel diskutiert, doch nicht immer zählen am Ende die besseren Argumente, sondern oft der dickste Schädel, meint Elisabeth Bauer, sie macht – ehrenamtlich – Pressearbeit für Wikipedia.

"Bei Artikeln kann es durchaus vorkommen, dass sich derjenige mit dem längeren Atem durchsetzt. Aber da gibt es auch Mechanismen, dass man so was lösen kann, um Hilfe gerufen wird, und dann kommen die Administratoren herbei und helfen demjenigen mit den besseren Argumenten."

Untersuchungen ergaben jedoch: Es sind in der Regel nicht zu viele Köche, die den Brei verderben, sondern zu wenig. Artikel, die nur von ein bis zwei Autoren geschrieben wurden, sind oft einseitig und inhaltlich unzulänglich. Artikel dagegen, an denen viel mitwirken, die von vielen Nutzern überwacht werden, haben die ungeliebten Gäste wenig Chancen, Unheil anzurichten. Sogenannte Vandalen zum Beispiel, die wüstes Zeug in die Artikel hineintippen, oder Missionare, die ihre Ideologie unters Volk bringen wollen oder auch Politiker und Unternehmer, die ebenfalls zunehmend Wikipedia nutzen, um sich schön zu schreiben.

Solche Fälle gab es bereits mehrfach. Insgesamt kann sich die Qualität der Wikipedia-Artikel inzwischen sehen lassen, wie eine Untersuchung der Wissenschaftszeitschrift Nature im letzten Jahr zeigt. Ein Stichprobenvergleich mit der Enzyklopädia Britannica ergab eine nur geringfügig höhere Fehlerrate bei Wikipedia-Artikeln. Dennoch kommt es auch auf den Inhalt an, meint Jimmy Wales, der Mann, der vor fünf Jahren Wikipedia ins Leben gerufen hat.

"Beim Vergleich mit der Britannica wurden vor allem Artikel aus dem Bereich Naturwissenschaft und Technik getestet, wo Wikipedia insgesamt recht stark ist. Bei den Geisteswissenschaften sind wir noch deutlich schwächer, was sicher auch daran liegt, dass unter den Fachleuten aus diesem Bereich am Computer weniger versiert sind und deshalb auch weniger Inhalt beisteuern. Die Deutschen legen nach meinem Eindruck übrigens vergleichsweise hohe Ansprüche an die Qualität der Artikel."

Auch wenn Jimmy Wales mit der Vision antritt, dass die traditionellen Enzyklopädien eines Tages durch Wikipedia überflüssig werden, sieht es nicht so aus. Der Vorteil von Wikipedia ist klar: Die Inhalte sind jetzt schon häufig ausführlicher und sie können schneller aktualisiert werden. Elmar Mittler, Leiter der Uni-Bibliothek in Göttingen, beobachtet allerdings eher, dass Wikipedia auch das Geschäft mit den klassischen Enzyklopädien belebt. Denn neben der Verlässlichkeit der Artikel hat eine frei zugängliche und lizenzfreie Enzyklopädie wie Wikipedia noch einen weiteren Nachteil, betont Elmar Mittler, Leiter der Universitätsbibliothek Göttingen.

"Wikipedia hat zum Beispiel ein Problem mit Bildern. Verlagsangebote sind – man muss dafür bezahlen – qualitativ besser, das muss man einfach zugeben."

Selbst Brockhaus arbeitet bereits an einer ständig aktualisierbaren Online-Enzyklopädie, natürlich mit dem Anspruch, mehr Qualität zu bieten. Weltweit ist die freie Enzyklopädie unter den Top 20, in Deutschland sogar unter den Top 5 der aufgerufenen Internetseiten, und das wirft natürlich Probleme auf: Immer mehr Nutzer greifen auf eine täglich wachsende Datenmenge zurück, Wikipedia braucht deshalb immer neue teure Server.

Dennoch finanziert sich die Enzyklopädie bislang ausschließlich über Spenden. Werbung soll es auch in Zukunft nicht geben. Weltweit hat die Wikipedia-Stiftung genau einen festangestellten Mitarbeiter, alle anderen unterstützen das Projekt ehrenamtlich. Die Autoren verzichten auf jegliche Ansprüche, und das kuriose ist: So etwas ist im deutschen Urheberrecht gar nicht vorgesehen. Wozu das führen kann, schildert Elmar Mittler,

"Die verrückteste Geschichte in diesem Zusammenhang ist, dass Wikipedia Deutschland von der Verwertungsgesellschaft Wort Geld angeboten bekommen hat, weil Wikipedia von Schulbüchern zitiert worden ist, und diese Zitate dazu geführt haben, dass bei der VG Wort Geld angekommen ist, und man muss jetzt eine gesetzliche Regelung finden, dass man auf dieses Geld verzichten darf."

Knapp tausend regelmäßige gibt es in Deutschland. In der Nähe von Frankfurt soll jetzt auch eine erste echte deutsche Niederlassung entstehen, mit dem Ziel, Spenden zu aquirieren. Denn jeden Tag kommen 400 neue Artikel hinzu.

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