Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
StartseiteUmwelt und Verbraucher Wildschweine und Waldpilze können Cäsium enthalten26.04.2011

Wildschweine und Waldpilze können Cäsium enthalten

Tschernobyl-Strahlung wirkt weiter in Süddeutschland

Jedes zweite Wildschwein im süddeutschen Raum weist zu hohe Strahlenwerte auf, einige Waldpilz-Chargen sind weiter belastet. Strahlenbiologe Thomas Jung rät, sich vor dem Pilzverzehr beraten zu lassen - und sagt, wann die Belastung aufhört.

Thomas Jung im Gespräch mit Britta Fecke

Eine Wildschweinfamilie  (AP Archiv)
Eine Wildschweinfamilie (AP Archiv)

Britta Fecke: Als Block Vier der Kernkraftanlage Tschernobyl heute vor 25 Jahren explodierte, kam es zur Kernschmelze. Die dabei freigesetzte Radioaktivität war 400-mal größer als die der Explosion von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Die radioaktive Rauch- und Aschewolke hat der Wind nach Norden getrieben, auch Richtung Deutschland. – Ich sprach kurz vor der Sendung mit Professor Thomas Jung, Strahlenbiologe beim Bundesamt für Strahlenschutz, und wollte von ihm wissen, ob der GAU von Tschernobyl auch heute noch in Deutschland nachgewiesen werden kann.

Thomas Jung: Ja. Insbesondere im süddeutschen Raum, also südlich der Donau, wo wir auch die höchsten Ablagerungen hatten, muss etwa noch jedes zweite Wildschwein, das hier geschossen wird, entsorgt werden, weil die Werte in dem Wildschweinfleisch zu hoch sind, und auch bei den Waldpilzen sind immer wieder Chargen dabei, die zu hoch kontaminiert sind.

Fecke: Der Fallout war ja in Süddeutschland relativ hoch. Warum ist denn der Waldboden stärker betroffen als ein Ackerboden?

Jung: Das hängt einfach mit den Böden zusammen. Der Anteil von Tonmineralien in Ackerböden ist höher als in Waldböden, wo der organische Anteil höher ist, und in den Tonmineralien der Ackerböden wird das Cäsium gebunden und ist dann nicht mehr verfügbar für die Wurzeln und für die Pflanzen und kann damit nicht mehr in die Nahrungskette kommen, während das Cäsium im Waldboden, wo viel organische Substanz ist, frei verfügbar ist für die Wurzeln, geht in die Pflanzen, geht in die Pilze, wird von den Wildschweinen gefressen und kommt damit in die Nahrungskette.

Fecke: Sprechen wir denn, wenn es um erhöhte Strahlenwerte geht, fast nur noch von diesem Cäsium 137, oder geht es noch um andere Elemente?

Jung: Heute, nach 25 Jahren, ist es praktisch eigentlich nur noch das Cäsium 137, das eine physikalische Halbwertszeit von etwa 30 Jahren hat.

Fecke: Dann kann man aber sagen, wenn die Halbwertszeit so lang ist, dass man es genauso wenig raten kann, Pilze zu essen wie kurz nach Tschernobyl?

Jung: Das muss man auch ein bisschen differenzieren. Es gibt Pilze, die verstärkt das Cäsium aufnehmen, und es gibt wieder andere Pilze, wo wir kaum erhöhte Werte finden. Das hängt mit den Pilzarten zusammen. Da muss man sich genau beraten lassen, welche Pilze betroffen sind und welche weniger problematisch sind.

Fecke: Können Sie da dem Verbraucher mal so eine ganz grobe Richtschnur geben, oder wäre das unseriös?

Jung: Am besten lässt man sich lokal beraten bei Pilzberatungsstellen beziehungsweise in den Regionen. In den Regionen werden auch die Messungen an den Pilzen gemacht, von daher ist es besser, sich vor Ort beraten zu lassen.

Fecke: Ist die Anzahl der Krebserkrankungen in den Gebieten, die in Deutschland besonders betroffen waren von diesem Fallout, signifikant gestiegen, beziehungsweise gibt es überhaupt Untersuchungen darüber?

Jung: Ja, es wurden einige Untersuchungen durchgeführt. Und zwar wurden die Erkrankungsraten in den Landkreisen, die besonders betroffen waren, angeschaut, und da wurde nicht festgestellt, dass es zu erhöhten Raten kam. Es wurden auch Untersuchungen gemacht oder Abfragen beim deutschen Kinderkrebsregister, inwieweit dort bei Kindern höhere Raten zu beobachten waren; auch das war nicht der Fall. Allerdings ist das auch kaum zu erwarten, weil nach dem, was wir über Strahlenwirkungen wissen und was wir wissen über die Strahlenmenge, die in Deutschland ankam, wird es nur ganz schwer gelingen, überhaupt einen Nachweis hier in Deutschland zu führen. Das ist grenzwertig. Von daher haben wir keine Beobachtungen, aber wir haben natürlich die Strahlenexpositionen hier gehabt.

Fecke: Der Münchener Strahlenmediziner Professor Edmund Lengfelder fordert, dass die Grenzwerte für Lebensmittel um den Faktor zehn gesenkt werden müssten. Sind die Grenzwerte in Deutschland tatsächlich zu großzügig bemessen?

Jung: Diese Grenzwerte in Deutschland, die wurden ja direkt nach dem Unfall in Tschernobyl aufgestellt und erlassen. Wenn man das heute betrachtet, hören die sich sehr hoch an. Aber dann muss man überlegen: Was hat das denn für eine praktische Auswirkung? Wir haben heute nur noch die Kontamination eigentlich nur in Wildschweinen und Pilzen, etwas weniger in Rehen. Das sind die drei, die betroffen sind. Wenn man das jetzt betrachtet, wir haben auch eine natürliche Strahlenbelastung und wir nehmen auch durch unsere Nahrung natürliche Radionuklide auf, wenn wir etwa den gleichen Level an Cäsium aufnehmen wollten, müssten wir 30 bis 40 Kilogramm Wildschweinfleisch essen. Das wird niemand erreichen. Von daher macht es praktisch wenig Sinn, die Grenzwerte zu senken, obwohl sich die Forderung natürlich erst mal auf den ersten Blick gut anhört.

Fecke: In Weißrussland, da sind die Werte aber im Gegensatz zu den deutschen Werten zum Beispiel für Milch ein Drittel niedriger. Leisten die sich da einfach mehr, weil die betroffener waren von der Kernschmelze in der Ukraine, oder warum sind die vorsichtiger?

Jung: Auch da gilt das, was ich eben schon gesagt habe. Was hat das für eine praktische Auswirkung? – Wir haben heute in Deutschland keine Belastung der Milch mehr, während die in der Ukraine und in Weißrussland sehr wohl noch Belastungen haben, weil dort der Boden höher mit Cäsium kontaminiert ist und die das Cäsium auch noch in den Futterpflanzen finden, während wir das hier bei uns nicht mehr in den Futterpflanzen haben. Also praktisch hätte das bei uns keine Auswirkungen, während dort in Weißrussland und in der Ukraine praktisch immer noch ein relevantes Problem auch durch das Cäsium 137 über Futterpflanzen und dann auch in den Nahrungsmitteln vorhanden ist.

Fecke: Würden Sie bei bestimmten Produkten warnen, wenn die aus der Ukraine oder aus Weißrussland kommen?

Jung: Also da gilt das Gleiche wie auch das, was für Deutschland gilt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Pilze höher belastet sind, und die Wahrscheinlichkeit, dass Wildbret, also das Fleisch von Wildtieren höher belastet ist, ist genauso gegeben, wie das hier in Deutschland der Fall ist.

Fecke: Professor Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz über die heutige Strahlenbelastung in Lebensmitteln.

Touristen reisen in die Sperrzone von Tschernobyl
25. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk