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Wir alle sind zu Voyeuren geworden

Der Breivik-Prozess und die Öffentlichkeit

Von Brigitte Baetz

Anders Behring Breivik vor Gericht in Oslo
Anders Behring Breivik vor Gericht in Oslo (picture alliance / dpa / Hakon Mosvold Larsen)

Unterhaltung auf dem Niveau eines TV-Krimis: Gebannt verfolgt die ganze Welt die Selbstdarstellung des Möchtegernhelden Anders Behring Breivik im Gerichtssaal. Die Opfer geraten darüber in Vergessenheit, kommentiert Brigitte Baetz.

1500 Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus 224 Redaktionen - Vergleichbares hat Oslo zuletzt beim Eurovision Song Contest erlebt. Damals wählten die Europäer ihren Superstar für eine Nacht. Und heute? Verfolgt die ganze Welt die Selbstdarstellung eines Möchtegernhelden, der, auch wenn noch nicht verurteilt, nichts weiter als ein Mörder ist.

Mögen sich die Angehörigen der Opfer noch so vehement dagegen verwahren, mag sich die überwiegende Mehrheit der norwegischen Gesellschaft noch so angeekelt abwenden: Wir alle sind – gewollt oder ungewollt - zu Voyeuren geworden. Wir verfolgen ein Spektakel, dessen Hintergründe wir schon bestens kennen, denn schon bei den Anschlägen waren wir fast zeitgleich zugeschaltet. Wir konnten über Stunden und Tage das Leid der Opfer sehen, über Computeranimationen den Gang der Ereignisse rekapitulieren. Wir konnten alles über den Täter, seine Gedanken und seine Vorgehensweise erfahren.

Der Prozess gegen ihn fügt dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit, oder soll man besser sagen: des Publikums?, nur noch eine einzige weitere Facette hinzu: die Auskunft darüber nämlich, wie sich der selbsternannte Retter des Abendlandes vor Gericht schlagen wird. Einmal mehr erweist sich die Warnung des Medienwissenschaftlers Neil Postman als Prophezeiung: "Wir amüsieren uns zu Tode."

Damit meinte Postman nicht, wie landläufig angenommen, dass Menschen durch den Konsum von zu viel Unterhaltungssendungen verdummen würden. Neil Postman argumentierte viel mehr, dass durch die Gesetzmäßigkeiten der modernen Medien Alles zum Unterhaltungsbrei wird. Und was wäre unterhaltsamer - fast jeder Krimiabend im deutschen Fernsehen scheint es jedenfalls zu beweisen - als einem Serientäter bei seinem möglichst blutrünstigen Handwerk zuzusehen?

Die Opfer geraten darüber meist in Vergessenheit, sind eher Staffage, Mittel zum Zweck, gesichtslose Statisten in einem Mordsspektakel. Natürlich: die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information. Aber wann wird auch die Information zum reinen Selbstzweck, eben zur Unterhaltung auf dem Niveau eines Fernsehkrimis?

Die rechtliche Aufarbeitung der Morde des Anders Breivik muss vollzogen werden, und - so will es unsere Rechtskultur "im Namen des Volkes" - das muss in einem öffentlichen Prozess geschehen. Wie gut man in Deutschland allerdings daran tut, in Prozessen die Kameras außen vor zu lassen, zeigt die Osloer Verhandlung beispielhaft. Mit dem enormen Druck, den ein aufsehenerregender Prozess auf Richter, Zeugen und die Angeklagten ausübt, zumal unter der Beobachtung von Fernsehkameras, können nur überzeugte Täter wie der mutmaßliche Narzisst Anders Breivik einigermaßen umgehen.

Gerichtsverhandlungen ähneln Theateraufführungen: Es gibt eine Einheit von Handlung, Ort und Zeit. Recht steht gegen Unrecht, im Extremfall Gut gegen Böse. Das ist reizvoll. Doch, so sagte der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier: "Prozesse finden in der Öffentlichkeit, aber nicht für die Öffentlichkeit statt."

Das sollten unsere spektakelverliebten Medien bedenken, aber auch wir, die Zuschauer und Quotenbringer, mit deren Interesse die Berichterstattung gerechtfertigt wird.

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