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StartseiteInterview"Wir brauchen mehr Bildung"01.04.2009

"Wir brauchen mehr Bildung"

Blogger: Umgang mit Internet schon in der Schule lernen

Mit Blick auf die Blogger-Konferenz re:publica in Berlin hat der Blogger Markus Beckedahl gefordert, jungen Menschen schon in der Schule Medienkompetenz zu vermitteln. Schüler begännen immer früher damit, das Internet zu nutzen und seien dabei "komplett auf sich selbst gestellt".

Markus Beckedahl im Gespräch mit Christian Schütte

Bloggenlernen in der Schule? "Wir sind leider nicht so weit", sagt Markus Beckedahl. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
Bloggenlernen in der Schule? "Wir sind leider nicht so weit", sagt Markus Beckedahl. (Stock.XCHNG / Steve Woods)
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Externe Links:

netzpolitik.org
re:publica - Social-Media-Konferenz in Berlin

Christian Schütte: Die deutsche Blogger-Szene, zumindest ein Teil davon, trifft sich ab heute in Berlin auf der Blogger-Konferenz re:publica'09. Den Mitorganisator Markus Beckedahl erreichen wir jetzt nicht übers Internet, sondern ganz klassisch am Telefon. Guten Morgen, Herr Beckedahl.

Markus Beckedahl: Guten Morgen!

Schütte: Herr Beckedahl, jeder kann sich im Internet öffentlich mitteilen. Worüber haben Sie zuletzt gebloggt?

Beckedahl: Oh, da muss ich noch mal kurz nachdenken. Ich habe gestern darüber gebloggt, dass die Bundesregierung einen Gesetzentwurf gegen Kinderpornographie im Internet veröffentlicht hat, beziehungsweise sie hat ihn nicht selbst veröffentlicht, sondern ein anderes Blog hat diesen Gesetzentwurf veröffentlicht und ich habe ihn verlinkt und darauf hingewiesen, dass sich jeder eine Meinung bilden soll, ob das jetzt ein guter Gesetzentwurf ist oder nicht.

Schütte: Welchen Stellenwert hat das Bloggen, das Verschicken, das Verlinken für Sie? Könnten Sie nicht einfach eine E-Mail versenden oder irgendjemanden anrufen?

Beckedahl: Das könnte ich natürlich auch machen, aber in der Regel bekomme ich auf diesem Weg immer nur eine andere Person oder mit einer anderen Person in Kontakt. Wenn ich in meinen Blog etwas reinschreibe, lesen das am Tag bis zu 20.000 Menschen. Das ist natürlich viel effektiver, um zu kommunizieren.

Schütte: Es gibt schätzungsweise in Deutschland eine halbe Million öffentliche Web-Blogs. Sie haben schon Ihren politischen Hintergrund Ihres Blogs angesprochen. Aber bei einer halben Million, da hat nicht jeder etwas Wichtiges zu sagen, oder?

Beckedahl: Nein. Viele bloggen über das, was sie persönlich am meisten interessiert. Da gibt es halt diejenigen, die Sport als Hobby haben und dann in ihrem Web-Blog über ihre Sportaktivitäten berichten und sich mit anderen vernetzen, die ähnliche Interessen haben. Andere lieben Bücher und schreiben in ihrem eigenen Blog Buchkritiken, was man früher vielleicht nur in der Zeitung machen konnte. Wiederum andere beschreiben in einer Art Tagebuch ihren Alltag und teilen das dann teilweise nur ihrer Familie mit oder jedem, den das interessiert.

Schütte: Sie haben eingangs von Ihrem letzten Blog-Eintrag, wo es um den Gesetzentwurf der Bundesregierung gegen Kinderpornographie ging, gesprochen. Erreichen Sie damit auch Politiker, oder bleiben sie als Blogger da eher unter sich?

Beckedahl: Ich erreiche einerseits sehr viele Journalisten, die Multiplikatoren sind; andererseits erreiche ich auch sehr viele Politiker, zwar nicht jeden Politiker - wer sich mit Tourismuspolitik beschäftigt, wird auf meinem Blog wahrscheinlich nicht die Themen finden, die ihn interessieren -, aber jeder, der sich halt mit Technologie, Internet und Politik beschäftigt, wird in meinem Blog Interessantes finden.

Schütte: Ein Kennzeichen dieser neuen Medien im Internet, Web 2.0, wie man es nennt, ist Schnelligkeit. Da gibt es eine besondere Form des Bloggens, das Twittern. Das geht besonders fix. Herr Beckedahl, worin besteht der Unterschied?

Beckedahl: Der Unterschied bei Twitter ist, dass man in 140 Zeichen bloggt. 140 Zeichen ist die Begrenzung einer SMS und ich kann sowohl über SMS als auch über meinen Internet-Browser als auch über spezielle Werkzeuge, also Programme, ganz schnell kurze Nachrichten schicken. Das können halt Befindlichkeiten sein, was mache ich gerade, das können aber auch Link-Hinweise sein, also Verweise auf interessante Web-Seiten, die ich gerade gefunden habe, und man kann sich das so vorstellen: Man sendet selbst 140 Zeichen Nachrichten und ich kann mir dann aussuchen, bei welchen anderen Sendern ich quasi Empfänger bin. Das ist so ein sehr vernetztes Kommunikationsnetzwerk, was daraus entsteht. Aber im Endeffekt sitzen da auch nur Menschen dahinter, die halt in 140 Zeichen kommunizieren.

Schütte: Und sie können nicht nur Zeichen versenden, sondern auch Bilder. Als vor einigen Wochen zum Beispiel ein amerikanisches Passagierflugzeug auf dem New Yorker Hudson River notwassern musste, da war das erste Bild davon bei Twitter zu sehen. Inwiefern - das wird ja auch Thema auf Ihrer Blogger-Konferenz sein - haben diese neuen, schnellen Internet-Dienste Einfluss auf die traditionellen Medien wie Radio, Fernsehen, Zeitung?

Beckedahl: Sie verändern die traditionellen Medien rasant. Traditionelle Medien müssen die Medienevolution mitmachen, sie müssen sich darauf einstellen, dass ihre klassische Gate-Keeper-Funktion, also so eine Filterfunktion, mittlerweile ein bisschen egalitär wird. Jeder Mensch kann heutzutage sein eigenes Medium sein und kann senden und nicht nur empfangen oder nicht nur konsumieren. Diese neuen Technologien müssen adoptiert werden, um den Medienwandel auch als traditionelles Medium zu schaffen.

Schütte: Jeder Bürger kann das tun. Die sind aber nicht unbedingt in Journalismus ausgebildet. Welche Gefahren sehen Sie denn auf uns zukommen?

Beckedahl: Ich sehe da eher weniger Gefahren. Die meisten Gefahren sehen Journalisten, die bisher immer dachten, dass sie halt gut ausgebildet sind und das ganze quasi journalistisch, ethisch, korrekt vorfiltern können. Aber da muss man sich als bestes Beispiel nur mal die "Bild"-Zeitung anschauen und da wird ein Großteil der Bevölkerung sagen, da funktioniert das eigentlich auch nicht so wirklich. Ich glaube, der Journalismus muss sich ändern. Der Journalismus wird nicht abgeschafft durch diese neuen Medien, aber die Aufgabe des Journalismus bleibt nämlich, in dieser ganzen Informationsvielfalt ein Wegweiser für Menschen zu sein, Sachen weiterhin vorzufiltern, auf eine Glaubwürdigkeit zu überprüfen, also zu recherchieren und das Ganze neu aufzubereiten und Lesern oder Zuschauern oder Zuhörern wiederum bereitzustellen.

Schütte: Wenn ein Vorteil dieser Web-2.0-Dienste ist, dass alles schneller geht, dann muss das doch aber auch auf Kosten der Informationsqualität gehen?

Beckedahl: Das kommt ganz darauf an, was jeder einzelne Mensch als Informationsqualität definiert. Die einen sind zufrieden mit der "Bildzeitung" und den Informationen, die ihnen vermittelt werden; andere schwören auf die "FAZ". Also es gab schon immer große Unterschiede in unserem auch traditionellen Mediensystem, was Qualität ist und was nicht.

Schütte: Noch mal, um das konkreter zu fassen. Was sagen Sie, was müssten die klassischen traditionellen Medien lernen von den neuen?

Beckedahl: Die traditionellen Medien können von den neuen lernen, dass es erst mal eine Vielzahl von neuen interessanten Technologien gibt, dass es aber auch eine ganz neue Einstellung gibt, nämlich die Einstellung, Leser oder Zuhörer zum Beispiel in Produktionsprozesse einzubinden, mehr dialogorientiert zu arbeiten. Das kann man ja zum Beispiel sehen auf den Web-Seiten vieler Medien. Dort gibt es mittlerweile Kommentarfunktionen, die quasi die klassischen Leserbriefe ablösen. Aber ich glaube auch, dass ein Teil der Zukunft des Journalismus sein kann, tatsächlich Leser einzubinden in Recherchetätigkeiten und eigentlich nur noch als Regisseur oder als Community-Manager, wie man das so in der Internetsprache nennt, quasi mit diesen vielen Menschen zusammenzuarbeiten und gemeinsam Projekte zu realisieren.

Schütte: Nun kreuzen sich Twitter und Journalismus bereits, siehe den jüngsten Amoklauf in Baden-Württemberg. Dort haben Journalisten getwittert, haben ihre eigenen Befindlichkeiten verbreitet. Was hat das noch mit Journalismus zu tun?

Beckedahl: Das ist eine Frage, die muss der Journalismus klären. Da sind dann auch die Journalisten, die dann quasi als Live-Reporter vor Ort waren und ihre Befindlichkeit twitterten, sehr schnell und zu Recht in die Kritik gekommen. Im Endeffekt ist das auch erst mal eine Sache: Man muss ausprobieren, man muss schauen, wo die Grenzen sind, es müssen soziale Normen entwickelt werden, wie wir diese neuen Kommunikationsmittel in unsere Gesellschaft integrieren und wie wir damit umgehen, und das macht vor dem Journalismus natürlich nicht halt.

Schütte: In Großbritannien überlegt die Regierung gerade, ob Bloggen, Twittern etc. als Schulfach eingeführt werden sollten. Sind wir in Deutschland auch schon so weit?

Beckedahl: Wir sind leider nicht so weit, und da haben wir ein großes Problem. Wir hätten das eigentlich schon vor Jahren machen müssen. Wir müssen jungen Menschen Medienkompetenz beibringen, den Umgang mit diesen neuen Kommunikationsformen. Da sind junge Menschen komplett auf sich selbst gestellt. Und wir müssen nicht nur jungen Menschen diese Medienkompetenz vermitteln; manchmal hat man das Gefühl, dass ältere Menschen, die noch nicht im Internet sind, das viel mehr nötig haben. Die haben massive Ängste und da gibt es einen massiven Kulturpessimismus gegen das Neue, gegen das Internet, und das scheint tatsächlich an der Unerfahrenheit im Umgang mit diesen neuen Medien zu liegen. Wir brauchen mehr Bildung, das muss schon ganz früh im Schulalltag vermittelt werden, weil die Schüler nutzen das auch immer früher.

Schütte: Markus Beckedahl, Mitveranstalter der Blogger-Konferenz re-publica, die heute in Berlin beginnt. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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