Interview / Archiv /

 

"Wir brauchen sicherlich eine gute Vergleichbarkeit"

Ahnen zieht Bildungsstandards dem Zentralabitur vor

Moderation: Stefan Heinlein

Doris Ahnen (SPD) , Präsidentin der Kultusministerkonferenz
Doris Ahnen (SPD) , Präsidentin der Kultusministerkonferenz (AP)

Die rheinland-pfälzische Bildungs- und Wissenschaftsministerin Doris Ahnen (SPD) hat sich erneut gegen ein Zentralabitur ausgesprochen. Es gehe vielmehr darum, anspruchsvolle Bildungsstandards für alle Abiturienten zu definieren. Es sei nicht sinnvoll, dass alle Schüler im Abitur den gleichen Text interpretieren, nur, dass sie es "auf dem gleichen Anspruchsniveau tun".

Stefan Heinlein: Deutschland ist ein bildungspolitischer Flickenteppich. Zwischen Flensburg und Garmisch gibt es Hunderte Lehrpläne und - siehe Pisa - das Leistungsgefälle ist gewaltig. Bundesbildungsministerin Schavan wirbt deshalb seit geraumer Zeit für die Einführung eines Zentralabiturs. Doch nur wenige CDU-geführte Bundesländer unterstützen vorbehaltlos diesen Vorschlag. Die Diskussion um die Einführung des Zentralabiturs steht heute auf dem Stundenplan der Kultusministerkonferenz. Mit dabei die Bildungs- und Wissenschaftsministerin von Rheinland-Pfalz Doris Ahnen (SPD). Guten Morgen!

Doris Ahnen: Guten Morgen!

Heinlein: Wann machen die Minister ihre Hausaufgaben und einigen sich auf die Einführung eines Zentralabiturs?

Ahnen: Wir haben uns nach Pisa darauf verständigt, dass wir mit Bildungsstandards arbeiten wollen. Wir haben Bildungsstandards auf den Weg gebracht für die Grundschule, aber auch für die Sekundarstufe I. Bildungsstandards beschreiben, was Schülerinnen und Schüler am Ende eines bestimmten schulischen Abschnitts sozusagen mit auf den Weg bekommen haben sollen, und ich glaube diese Bildungsstandards haben sich sehr bewährt. Sie sorgen auch für mehr Vergleichbarkeit. Ich glaube die Weiterentwicklung der einheitlichen Prüfungsanforderungen für das Abitur zum Bildungsstandard sind ein vernünftiger Weg und darüber werden wir heute diskutieren.

Heinlein: Bildungsstandards sollen eingeführt werden in den Kernfächern Deutsche, Mathe und erste Fremdsprache. Wie sollen denn diese Standards etwa in Deutsch aussehen? Muss da jeder Abiturient dann die Klassiker drauf haben oder einen Lyriktext verschiedener Epochen umfassend interpretieren können? Wer legt dies fest?

Ahnen: Standards beschreiben Kompetenzen. Standards erarbeiten wir zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Das sind nicht primär politische Setzungen, sondern mit Pädagoginnen und Pädagogen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erarbeitete Kompetenzen. Das heißt Dinge, die Schülerinnen und Schüler können sollen. Dazu gehört zum Beispiel natürlich auch die Interpretation von Texten. Aber sie müssen dann am Ende nicht alle den gleichen Text interpretieren, sondern sie müssen die Fähigkeit erworben haben, dies zu können.

Heinlein: Wie groß ist die Gefahr, dass diese einheitlichen Bildungsstandards das Niveau an deutschen Gymnasien insgesamt nach unten schrauben?

Ahnen: Es geht natürlich darum, anspruchsvolle Bildungsstandards zu definieren. Aber genau das, was Sie ansprechen, ist natürlich auch ein Grund gegen das Zentralabitur. Ich glaube nicht, dass es wirklich ein Qualitätsfortschritt wäre, wenn alle Schülerinnen und Schüler den gleichen Text interpretieren. Aber ich glaube es ist notwendig, dass sie es auf dem gleichen Anspruchsniveau tun.

Heinlein: Aber auf Länderebene ist dieses Zentralabitur ja bereits gang und gäbe. Nur in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein gibt es dieses Zentralabitur bisher nicht. Warum?

Ahnen: Wir haben in Rheinland-Pfalz ein spezifisches System, das ein zentrales Qualitätssicherungsinstrumentarium vorsieht, und darum geht es ja. Bei uns reichen die Schulen Aufgaben ein, aber diese Aufgaben werden von zentralen Kommissionen gerade auch im Hinblick auf ihr Anspruchsniveau überprüft. Damit gibt es ein zentrales Qualitätssicherungsinstrument und das ist aus meiner Sicht das entscheidende.

Heinlein: Ich verstehe das nicht ganz. Einheitliche Bildungsstandards ja, sagen Sie, aber ein Zentralabitur nein. Warum?

Ahnen: Auf die Frage des Zentralabiturs gibt es ja im Prinzip auch keine vernünftigen Antworten. Das wäre ein riesiger Aufwand, viele organisatorische Probleme, unterschiedliche Prüfungstermine, unterschiedliche Ferientermine. Ich sage noch mal: Ich halte es nicht für notwendig, dass alle die gleichen Aufgaben bearbeiten. Ich halte es aber für wichtig, dass sie es auf dem gleichen Anspruchsniveau tun. Das kann man über Bildungsstandards erreichen, ohne damit auch den pädagogischen Freiraum über die Maßen einzuschränken.

Heinlein: Aber diese technisch-organisatorischen Fragen, Ferien- und Prüfungstermine, wie Sie sagen, lassen sich doch mit ein bisschen organisatorischem Aufwand, mit ein bisschen gutem Willen sicherlich regeln?

Ahnen: Aber die Messlatte kann doch nur sein, bringt das etwas für die Qualität des Abiturs. Und ich glaube die Weiterentwicklung zu Bildungsstandards, die bringt etwas für die Qualität des Abiturs, weil sie Kompetenzen und damit auch Anspruchsniveaus beschreibt. Ich verspreche mir keinen wirklichen Fortschritt davon, dass wir ein Zentralabitur bundesweit einführen.

Heinlein: Wäre es denn ein denkbarer Weg, Frau Ahnen, dass drei oder vier Bundesländer gemeinsam das Zentralabitur schrittweise einführen und andere Bundesländer dann nach einer Testphase quasi später hinzukommen?

Ahnen: Ich glaube wir werden heute auf der Kultusministerkonferenz primär über die Erarbeitung von Bildungsstandards diskutieren. Das ist auch konsequent in dem, was wir bisher nach Pisa gemacht haben. Ich glaube wenn die Bildungspolitik eines braucht, dann ist das auch Kontinuität und ein Gesamtkonzept, was aufeinander aufbaut. Das wäre bei den Bildungsstandards so und das scheint mir ein sinnvoller Weg zu sein.

Heinlein: Ihr Ressortkollege Steffen Flath aus Sachsen sieht dies anders. Er nennt das Jahr 2012, 2013 als Zielmarke für die Einführung eines Zentralabiturs. Wie realistisch ist dieses Datum, oder wird es gar nicht kommen, wenn es nach den SPD-Ländern geht?

Ahnen: Ich glaube, dass wir heute primär über die Erarbeitung von Bildungsstandards diskutieren, und ich glaube auch, dass wir da eine große Einigkeit erreichen werden.

Heinlein: Dennoch die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, wirbt auch für dieses Zentralabitur.

Ahnen: Ich habe eben beschrieben, was ich für einen vernünftigen Weg halte. Die Kultusministerkonferenz beginnt heute und wir werden über diesen Weg diskutieren.

Heinlein: Bedeutet ein Zentralabitur aber nicht auch mehr Chancengerechtigkeit für die Schüler? Das ist ja ein Ziel, das Sie als SPD-Politikerin ja auch unterstützen müssten.

Ahnen: Wir brauchen sicherlich eine gute Vergleichbarkeit. Wir brauchen auch eine Weiterentwicklung der Unterrichtskultur. Das alles ist dann ein Beitrag dazu, auch ein qualitativ hoch stehendes Abitur zu haben. Ich meine der vernünftige und richtige Weg dazu sind Bildungsstandards.

Heinlein: Ein Argument noch. Die deutsche Kleinstaaterei im Bildungswesen ist für viele ein Anachronismus, der den Anforderungen in Zeiten der Globalisierung nicht mehr Stand hält. Was sagen Sie dazu?

Ahnen: Ich glaube wir haben weder einen Flickenteppich, noch Kleinstaaterei. Ganz im Gegenteil. Nach Pisa haben wir als Ländergemeinschaft Konsequenzen gezogen, die uns auch von der Wissenschaft nahegelegte Konsequenz waren die Bildungsstandards. Die haben wir seit einigen Jahren eingeführt für den Bereich der Primarstufe, also der Grundschule, für die Sekundarstufe I, und ich fände es sinnvoll, dieses jetzt auch für die gymnasiale Oberstufe zu tun.

Heinlein: Aber wer von Bremen nach Augsburg zieht oder umgekehrt, von Ost nach West, der wird diese Kleinstaaterei durchaus feststellen?

Ahnen: Es gibt immer Unterschiede, wenn man von Schule zu Schule wechselt und auch wenn man von Land zu Land wechselt. Unser Ziel muss es sein, eine Vergleichbarkeit und damit auch eine hohe Mobilität herzustellen. Das ist völlig unstrittig. Aber ich glaube nicht, dass man da von Kleinstaaterei reden kann.

Heinlein: Aber den mobilen Schülern und Eltern wollen Sie das Leben nicht einfacher machen?

Ahnen: Natürlich! Die Bildungsstandards zielen genau darauf ab, dass wir das tun.

Heinlein: Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz Doris Ahnen heute Morgen im Deutschlandfunk. Ich danke für das Gespräch und auf Wiederhören.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Juncker-Kommission"Das wird eine spannende Sache"

Jean-Claude Juncker bei der Vorstellung der neuen EU-Kommission

Mit der Wahl von Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident sei die europäische Integration auf einem guten Weg, sagte der Politikwissenschaftler Wichard Woyke im DLF. Auch die umstrittenen Kandidaten der Kommission hätten einen Vertrauensvorschuss verdient.

Georgiens Aussenministerin"Russland will wieder Sowjetunion herstellen"

Die georgische Außenministerin Maia Panjikidze

Mit Sorge beobachtet Georgiens Außenministerin die Ereignisse in der Ukraine. Russland verfolge den Plan, "möglichst viele Länder unter seinen Einfluss zu bringen", sagte Maia Panjikidze im DLF. Ihr Land arbeite daran, fit für EU und Nato zu werden.

Ebola-Edpidemie"Helfer nicht stigmatisieren"

Der wiedergewählte Präsident des Deutschen Roten Kreuzes DRK, Rudolf Seiters.

Deutschland will helfen, aber schafft es kaum? Geeignete Kandidaten für den Kampf gegen die Ebola-Epidemie zu finden, sei schwierig, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, im DLF. Die Helfer, die in die betroffenen Regionen reisten, dürften bei ihrer Rückkehr nicht unter Generalverdacht gestellt werden.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.