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StartseiteInterview"Wir gehen nicht von einer Pleite von Hypo Real Estate aus"05.02.2009

"Wir gehen nicht von einer Pleite von Hypo Real Estate aus"

Versicherungsbranche spricht sich für Rettung des Hypothekenfinanzierers aus

Die deutschen Versicherer befürworten eine Rettung des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE). Eine Insolvenz der HRE-Gruppe würde das Vertrauen in das Bankensystem weiter beeinträchtigen, sagte der Hauptgeschäftsführer beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth. Die Versicherungswirtschaft ist nach von Fürstenwerths Angaben nur mit unter zwei Prozent der Kapitalanlagen an HRE beteiligt.

Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth im Gespräch mit Silvia Engels

Firmenschild der Hypo-Real-Estate-Bank (AP)
Firmenschild der Hypo-Real-Estate-Bank (AP)

Silvia Engels: Gestern einigte sich eine hochkarätige Runde im Bundeskanzleramt noch nicht darauf, wie man mit dem angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, kurz HRE, weiter verfahren soll. Schießt der Staat noch einmal Geld in das Institut? Wird die Bank verstaatlicht und was wird dabei aus dem Investor J.C. Flowers, der knapp 25 Prozent an HRE hält? Wird er enteignet? - Das sind die zurzeit noch offenen Fragen. Eine Branche, die ein besonderes Interesse an der Stabilisierung der Münchener Bank hat, ist die Versicherungsbranche. - Am Telefon ist der Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth. Guten Morgen!

Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth: Guten Morgen, Frau Engels!

Engels: Wie wichtig ist die Hypo Real Estate für den Versicherungsmarkt?

von Fürstenwerth: In erster Linie ist es für den Versicherungsmarkt von außerordentlicher Wichtigkeit, dass wir ein stabiles Bankensystem haben, weil wir zu den größten Refinanzierern des Bankensektors [gehören]. Von daher: Die HRE-Gruppe ist das, was man eine systematisch wichtige Bank nennt, und eine Stabilisierung der HRE-Gruppe ist eine der Schlüsselaufgaben, das gesamte System stabil zu halten.

Engels: Gehen wir etwas konkreter hinein. Es ist ja eine zentrale Pfandbriefbank. Das ist also eine Bank, die nicht nur von der Bonität des Papiers lebt, sondern wo zum Beispiel in Form von Immobilien eine so genannte Deckungsmasse zur Verfügung steht. Heißt: die Papiere gelten eigentlich als doppelt gesichert und werden deshalb auch von Versicherungen zur Refinanzierung genutzt. Nun ist der gesamte deutsche Pfandbriefmarkt durch HRE gefährdet - Umfang: 900 Milliarden Euro. Das muss sich doch jetzt schon auf die Versicherungsbranche auswirken oder nicht?

von Fürstenwerth: Zunächst einmal haben Sie sicherlich Recht. Etwa 44 Prozent aller unserer Kapitalanlagen sind in Pfandbriefen investiert, und sie sind gerade deshalb in Pfandbriefen investiert, weil sie in sehr hohem Maße Sicherheit gewähren, weil gerade im Fall einer Insolvenz die Sicherungsmittel - das nennt man Deckungssumme - dieser Pfandbriefe auch völlig außerhalb einer solchen Abwicklung liegen würden. Der Pfandbriefmarkt ist zurzeit geschwächt. Deshalb ist es gerade so wichtig, dass das Vertrauen in den Bankensektor wieder hergestellt wird und wir wieder in ruhiges Fahrwasser kommen.

Engels: Was bedeutet dann eine mögliche Pleite von Hypo Real Estate? Müssen dann die Versicherer diese 900 Milliarden Euro in irgendeiner Form versuchen zu bekommen, was ihnen ja kaum gelingen dürfte?

von Fürstenwerth: Von einer Pleite von Hypo Real Estate gehen wir gerade nicht aus, weil es ja erklärter Wille aller Beteiligten ist, eine solche Insolvenz des Instituts zu vermeiden.

Engels: Aber was wäre wenn?

von Fürstenwerth: Was wäre wenn? Das sind so schreckliche Fragen. Was wäre, wenn die Sonne auf die Erde fällt? - Aber was wäre wenn? - Das Engagement der Versicherungswirtschaft insgesamt in dieses Institut liegt deutlich unter zwei Prozent unserer Kapitalanlagen. Wenn also das Undenkbare eintreten würde, würde das die Versicherungswirtschaft nicht umwerfen.

Engels: Aber mittelfristig wäre dann doch auch in Ihren Büchern der Versicherungswirtschaft das eine oder andere Milliardenloch zu finden oder?

von Fürstenwerth: Gut, bei 1200 Milliarden Kapitalanlagen muss man das alles im rechten Verhältnis sehen. Das eigentlich Schlimme an der Insolvenz der HRE-Gruppe wäre nicht so sehr der Ausfall der Mittel im Einzelfall, sondern die Wirkung auf das System insgesamt, das Vertrauen in das Bankensystem.

Engels: Herr von Fürstenwerth, Sie haben gerade gesagt, wenn die Sonne auf die Erde fällt, das wäre ungefähr der Wahrscheinlichkeitsgrat für eine Pleite von Hypo Real Estate. Muss also umgekehrt für die Rettung der Bank jedes Mittel recht sein, auch Verstaatlichung?

von Fürstenwerth: Jedes Mittel recht kann es natürlich nicht sein. Ich verstehe alle Überlegungen, die dahin führen, die Stabilität des Instituts und damit des Systems wieder herzustellen. Dabei ist eine Verstaatlichung sicherlich auch eines der Mittel, wenn auch sicherlich das allerletzte Mittel, was man nach Prüfung aller anderen Optionen wählen würde.

Engels: Wie wäre es mit Enteignung? Da ist ja das Gespräch davon, dass der Investor J.C. Flowers, der 25 Prozent hält, möglicherweise diese Anteile nicht halten kann.

von Fürstenwerth: Ich kenne die Details nicht, die Beziehungen der Aktionäre zueinander und untereinander. Eine Enteignung wäre sicherlich das allerletzte Mittel, was man andenken würde.

Engels: Herr von Fürstenwerth, schauen wir allgemein auf Ihre Branche. Sie haben gesagt, so stark sind wir nicht betroffen. Sie weisen auf die Banken. Aber wo drohen möglicherweise doch den Versicherern Gefahren?

von Fürstenwerth: Wir sind sehr daran interessiert, ein stabiles Bankensystem zu haben, weil wir ein großer Player auf diesem Markt sind. Die Abschlüsse des Jahres 2008, wie sie uns bislang bekannt sind, sind stabil, sind positiv, wir machen Gewinn. Wir rechnen mit einem moderaten Wachstum im Jahre 2009. Es ist keine gute Nachricht, weil es keine schlechte Nachricht ist, aber die Versicherungswirtschaft ist nach wie vor ein stabiler Teil der Finanzwirtschaft, gerade in dieser Krise.

Engels: Wir haben ja die Tatsache, dass durch den Domino-Effekt der Finanzkrise mittlerweile auch Wertpapiere an Wert verlieren, die eigentlich nichts mit den Hypotheken-Ramschpapieren zu tun haben. Was folgt daraus für die Versicherungen?

von Fürstenwerth: Zunächst einmal: Unser Aktienanteil liegt lediglich bei fünf bis sieben Prozent. Wir haben nach der Krise des Jahres 2001, 2002 sehr effiziente Verbesserungen unseres Risikomanagements einführen können. Sicherlich: Der Verfall der Aktienmärkte trifft uns auch. Überschussbeteiligungen werden sich langfristig sicherlich dieser Entwicklung anpassen müssen. Aber wie gesagt, unsere Auswirkung zurzeit ist eine rein mittelbare.

Engels: Das heißt, Überschussbeteiligungen sinken. Womit müssen die Versicherten rechnen, mit höheren Prämien, mit geringeren Auszahlungen für ihre Lebensversicherungen mittelfristig?

von Fürstenwerth: Zunächst einmal sind alle Garantien, die wir gegeben haben, nach wie vor absolut stabil und werden eingehalten und auch die Überschussbeteiligung im laufenden Jahr 2009 ist mit, wenn man den Schlussgewinnanteil bei Lebensversicherungen hinzuzieht, bei fünf Prozent nahezu unverändert wie im letzten Jahr. Bei einem langfristigen Zinsverfall, bei einem langfristigen Verfall der Aktienkurse wird natürlich die Überschussbeteiligung dann anzupassen sein.

Engels: Zum Teil melden ja die Versicherer wenn auch noch keine Verluste, dann zumindest drastische Gewinnrückgänge. Sind Sie wirklich so optimistisch, dass die Lebensversicherungen nicht ins Wanken geraten?

von Fürstenwerth: Absolut!

Engels: Das ist eine klare Aussage. - Sie sagen, mittelfristig müssen vielleicht die Versicherten damit rechnen, dass die Überschussbeteiligung sinkt. In welchem Ausmaß?

von Fürstenwerth: Also zunächst einmal: Im laufenden Jahr werden sie nicht sinken. Wir können die Kugel nicht lesen, wie die weitere Entwicklung sein wird. Aber schauen Sie, wenn wir die Entwicklung der Aktienmärkte haben, wie wir sie so haben, wenn die Zinsen weiter sinken - wir investieren unser Geld ja nun auch auf diesen Märkten - und wenn dort die Renditemöglichkeiten abnehmen, wird auch die Überschussbeteiligung entsprechend abnehmen.

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