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StartseiteInterview"Wir haben Börsen, die sich losgelöst haben von fundamentalen Fakten"12.08.2011

"Wir haben Börsen, die sich losgelöst haben von fundamentalen Fakten"

Kapitalmarktanalyst kritisiert Richtungslosigkeit der Politik

Nach Ansicht des Chef-Kapitalmarktanalysten der Frankfurter Baader Bank, Robert Halver, führen die Börsen ein Eigenleben, weil die Politik richtungslos agiere und nur halbherzige Lösungen ergreife. In so einem Fall seien die Märkte "völlig verunsichert".

Robert Halver hält auch Leerverkaufsverbote in bestimmten Situationen für durchaus sinnvoll. (AP)
Robert Halver hält auch Leerverkaufsverbote in bestimmten Situationen für durchaus sinnvoll. (AP)

Christoph Heinemann: Claudia Sarre berichtete aus der New Yorker Börse, und mit allen vor- und nachbörslichen Wassern gewaschen ist Robert Halver, der Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank in Frankfurt am Main. Guten Morgen!

Robert Halver: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Halver, das Parkett, das Claudia Sarre gerade beschrieben hat, von dort berichtet hat, ist ja längst nicht mehr der einzige Ort des Geschehens. Wo werden heute sonst noch Aktien gehandelt?

Halver: Sie können ja auch sogenannte außerbörsliche Handelsgeschäfte betreiben; Sie können ja auch vor und nach den offiziellen Börsenzeiten handeln, das machen sehr gerne die Profis; Sie könnten ja zum Beispiel auch deutsche Aktien, die nicht nur in Deutschland notiert sind, sondern in den USA, auch in den USA handeln; es gibt dann diese großen Derivate-Börsen, wo Sie auf Optionen mit Futures eben auch mit Hebeleffekten deutsche Aktien dann kaufen oder verkaufen könnten. Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, und wir nähern uns ja dem Zustand, dass wir quasi sieben Tage die Woche 24 Stunden handeln können.

Heinemann: Dann übers Internet, oder wie funktioniert das technisch?

Halver: Internet, genau, jeder private Anleger kann sich auch vors Internet setzen, dort handeln und gucken, wann da die Börsenzeiten offen sind, das heißt, er hat Zugang zur Börse irgendwann rund um die Uhr.

Heinemann: Herr Halver, in den Fernsehberichten, da sieht man oft Männer mit weißen Hemden, die auf verschiedene Bildschirme starren und den Verlauf der Kurse verfolgen, mindestens in zwei Telefonhörer gleichzeitig sprechen. Wer beauftragt eigentlich Börsenhändler zu kaufen oder zu verkaufen, und wer sind also diese Käufer oder Verkäufer?

Halver: Ja, der Börsenhändler ist ja quasi wie auf einem großen Marktplatz der Makler, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Da möchte jemand verkaufen, Aktien, da möchte jemand kaufen, Aktien, dieselbe Gattung, meinetwegen Siemens, und er bringt beides zusammen, sieht das da auf seinem großen Bildschirm und bringt dann eben genau diese zwei Positionen zusammen. Es passt nicht immer, aber oft genug, und dann ist das seine Aufgabe, eben wirklich den Markt zu bereinigen.

Heinemann: Ist er nur Verkäufer, oder ist er auch Berater, kann er also sagen, Kinder, lasst die Finger von diesen Papieren, die sind zu heiß?

Halver: Nein, nein, Berater ist er nicht, das darf er gar nicht, er ist wirklich nur der ehrliche Makler, hätte ich fast gesagt, wie im bismarckschen Sinne, er bringt also wirklich nur diese Angebot- und Nachfragesysteme zusammen. Er hat keine eigene Aufgabe, zu sagen, jetzt habe ich gerade gehört, Sie wollen das und das kaufen, würde ich nicht machen – das würde er niemals machen. Er hat vielleicht ein eigenes Buch, ein sogenanntes eigenes Buch, das sagt, im Auftrag der Bank soll er auch mal schauen, was denn passiert in solchen windigen Märkte, ob er nicht da auch etwas verdienen kann.

Heinemann: Und er verdient am Umsatz?

Halver: Am Umsatz, genau, das ist ein umsatzgetriebenes Geschäft.

Heinemann: Wie ist, Herr Halver, zu erklären, dass Aktienkurse, was wir jetzt in dieser Woche erlebt haben, vormittags steigen und nachmittags abstürzen oder umgekehrt?

Halver: Ja, wir haben Börsen, die sich losgelöst haben von fundamentalen Fakten, man könnte sagen, der Blick auf die fundamentalen Fakten ist nicht frei. Wir haben eine politische Krise weltweit, auch in den USA, auch in der Eurozone, wir haben eine Politik, die richtungslos agiert, wo eben halbherzige Lösungen ergriffen werden, und wenn das der Fall ist, dann sind die Märkte völlig verunsichert. Man muss sich das so vorstellen: Finanzmärkte sind wie der Drache, die aber das Seil brauchen, der Politik, jemand muss am Boden stehen – und irgendjemand hat dieses verdammte Seil gekappt.

Und wenn das der Fall ist, dann ist dieser Drachen den Unbilden des Wetters, des Windes ausgesetzt, und dann ist man außer Rand und Band, und was am schlimmsten ist, dann ist für Gerüchte natürlich Tür und Tor geöffnet und dann haben wir diese massiven Schwankungen, die wir in den letzten Tagen gesehen haben, die völlig unnormal sind.

Heinemann: Woher kommen Gerüchte und wie verbreiten sie sich, übers Internet, oder kommt da jemand in den Börsensaal gestürmt und sagt, hier, dies und dies klappt nicht?

Halver: Das Internet ist schon eine sehr gute Quelle für Gerüchte, und es gibt sicherlich geneigte Kreise, die sagen, so, jetzt wollen wir doch mal sehen, wie wir richtig Geld verdienen können, dazu wird einfach mal ein Gerücht in die Welt gesetzt. Es stimmt zwar dann nicht und man weiß auch, es wird natürlich wieder dann revidiert und dementiert, aber man kann ja auch an der Bewegung anschließend nach oben wieder verdienen.

Das heißt, man kann richtig "intra-day", wie man das so schön sagt, innerhalb des Tages richtig Geld verdienen, wenn man ein Gerücht platzieren kann in einer sehr unsicheren Börsenverfassung. Und da ist es sehr wichtig, dass die Politik sagt: Wir lassen nicht zu, dass diese Unsicherheit überhaupt aufkommt. Aber leider haben wir hier keine vernünftige Plattform.

Heinemann: Wie könnte die Politik das verbieten?

Halver: Die Politik muss sagen, was will sie denn für die Eurozone, wo sollen wir hin, wo könnte die Eurozone stehen? Wenn wir im Augenblick diesen Wischiwaschi-Kurs fahren und nicht wissen, welche Hilfsmaßnahmen werden von wem und wann ergriffen, wann haben wir das – das ist für die Börsen völlig unbefriedigend. In den USA haben wir dasselbe Problem: Es gibt eine Politik von Republikanern, Demokraten, die nicht richtungsweisend ist.

Da geht es nur um politisches Geplänkel, wer wird nächster US-Präsident, und das ist nicht mehr das Amerika, das die Finanzwelt seit 100 Jahren kennt. Früher hat man da zusammengearbeitet, man wusste ganz genau, ja, mein Ziel, darauf wird jetzt hingearbeitet, nämlich dass Amerika wieder wirtschaftlich flott wird. Im Augenblick ist das so ein Stillstand – ich war selbst drüben jetzt, habe Freunde besucht, ich war regelrecht schockiert, und glauben Sie mir, nach der Lehman-Pleite bin ich lange schon nicht mehr so schockiert worden.

Heinemann: Sie haben eben von dem abgekoppelten Charakter gesprochen. Kann man sagen, dass die Börsen jetzt nicht mehr das Wirtschaftsleben widerspiegeln, sondern ein Stück in gewisser Weise ein Eigenleben führen?

Halver: Die Börsen führen ein Eigenleben, weil sie einfach nicht mehr geführt werden von einem Leitplankensystem der Politik, also die Bodenhaftung ist verloren gegangen. Und dann weiß man vom Hinterkopf, dass die Wirtschaft in Deutschland ja überhaupt nicht schlecht läuft, aber man weiß auch, dass die Märkte natürlich in hohem Maße durch den Schmetterlingsflügelschlag dann zum Ausbruch gebracht werden können, der Vulkan, der Börsenvulkan, und umgekehrt, dass natürlich eine kleine positive Nachricht die Märkte auch wieder massiv beflügelt.

Das ist nie gut, weil diese Unsicherheit natürlich dann am Ende des Tages auch die reale Wirtschaft negativ betreffen kann. Wichtig ist, dass einigermaßen ruhiges Fahrwasser ist. Es darf mal hoch und runter gehen, das gehört dazu, das ist Emotion, aber es darf kein Dauerzustand sein, sonst wird der letzte Wirtschaftsteilnehmer verunsichert.

Heinemann: Herr Halver, Aktien von Großanlegern, etwa Banken oder Fonds, werden inzwischen von ausgeklügelten Softwareprogrammen ausgeführt. Wie funktioniert das genau?

Halver: Das sind diese berühmten Algorithmen, die stellen also dann in einem sehr ausgeklügelten Prozess fest - also da kommen Wirtschaftsdaten, nehmen wir zum Beispiel die Wirtschaftsdaten aus den USA, Arbeitsmarktdaten – da weiß das System, dass meinetwegen ab einem Arbeitsplatzaufbau von 100.000 die Börsen in der Vergangenheit so und so reagiert haben. Das wird dann gemischt mit anderen Indikatoren, Stimmungsindikatoren, Zinsen, wie ist im Augenblick die Marktverfassung, wie viel Volumen ist im Markt, das wird also berechnet, und dann wird zum Beispiel ... das konnte man gestern, vorgestern sehr schön sehen, dass einfach nach einem Gerücht der Markt entsprechend reagieren musste. Und so ein Verkaufsprogramm bekommt dann eine Eigendynamik, es wird automatisch verkauft, man kann es gar nicht mehr aufhalten, und das ist dann ganz gefährlich. So erklären sich dann Abstürze bei einem DAX von minus 7 Prozent. Das ist schon etwas, was sehr selten vorkommt.

Heinemann: Angesichts der Turbulenzen wollen mehrere europäische Staaten die riskanten Leerverkäufe vorläufig verbieten, also Spekulanten wetten dabei ja auf fallende Kurse von Aktienwährungen oder von staatlichen Schuldpapieren, und die stehen im Verdacht, diese Nervosität jetzt noch zu beflügeln. Sind solche vorläufigen Verbote sinnvoll?

Halver: Ja, vorübergehend kann man diese Leerverkaufsverbote durchaus machen, wenn die Märkte in einer Verfassung sind, wo diese Unsicherheitselemente durchaus so störend auf wirtschaftliche Prozesse ausstrahlen können, dass damit viel Schlimmeres verbunden ist. Das sehen wir gerade ja auch in den letzten Wochen, was zum Beispiel Zinsen für Staatsanleihen von peripheren Euroländern angeht. Auch Italien und Spanien, da kann es sein, dass diese verdammte – ich sage es ganz bewusst –, verdammte Unsicherheit diese Länder in eine Bredouille bringt, dass diese Länder ihre Staatsschulden nicht mehr finanzieren können. Das wäre nun wirklich dann der Höhepunkt, wenn Italien über die Börse so große Probleme bekommt, dass die Eurozone insgesamt gefährdet wäre. Von daher ist es sinnvoll, eben auch Leerverkaufsverbote in solchen Zeiten zu machen. Es hat zwar mit Marktwirtschaft dann weniger zu tun, aber es gibt höhere Ziele: Der Erhalt der Eurozone, der Erhalt einer wirtschaftlichen lebendigen Verfassung der deutschen Wirtschaft ist eindeutig höher zu bewerten.

Heinemann: Robert Halver, der Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank in Frankfurt am Main. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Halver: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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