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StartseiteInterview"Wir haben eine Familienbeziehung zwischen den USA und Deutschland"29.10.2013

"Wir haben eine Familienbeziehung zwischen den USA und Deutschland"

Ehrenpräsident der US-Handelskammer in Deutschland kritisiert Forderungen nach NSA-Ausschuss

Deutschland und die USA führen eine Beziehung wie in einer Familie - mit Höhen und Tiefen, aber immer sehr eng, sagt Fred Irwin, Ehrenpräsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland. Die NSA-Affäre bilde einen Tiefpunkt dieser Beziehung, aber nun müsse man in die Zukunft blicken.

Fred Irwin im Gespräch mit Friedbert Meurer

Irwin: "Wenn sich natürlich jemand Zeit nimmt, in der Vergangenheit zu gucken, vielleicht fühlt man sich ein bisschen besser mit dem Ergebnis." (dpa / Karlheinz Schindler)
Irwin: "Wenn sich natürlich jemand Zeit nimmt, in der Vergangenheit zu gucken, vielleicht fühlt man sich ein bisschen besser mit dem Ergebnis." (dpa / Karlheinz Schindler)

Friedbert Meurer: Das geht gar nicht, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachdem sie erfahren hat, die USA haben ihr Handy abgehört. Das geht natürlich! Die Amerikaner haben es ja einfach gemacht. Einzig für die Zukunft hat US-Präsident Barack Obama Anweisung erteilt, dass die NSA die SMS der Kanzlerin bitte schön nicht mehr mitlesen soll. Was geschehen ist, kann aber nicht mehr rückgängig gemacht werden. Einige Kritiker wenden auch ein, warum hat Angela Merkel erst jetzt mit der Faust auf den Tisch geschlagen, Millionen andere Deutsche sollen ja ebenfalls abgehört und angezapft worden sein, das habe sie weniger aufgeregt.

Der US-Botschafter ist ins Auswärtige Amt einbestellt worden, die Kanzlerin rüffelt öffentlich die USA – wer geglaubt hat, mit Barack Obama werde in den deutsch-amerikanischen Beziehungen ein neues Kapitel eingeläutet, an alte Zeiten angeknüpft vor George W. Bush, der kann sich erheblich getäuscht haben. – Fred Erwin ist Ehrenpräsident der US-Handelskammer in Deutschland, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland mit vielen Kontakten zu den Spitzen von Politik und Verbänden hier. Guten Morgen, Herr Irwin.

Fred Irwin: Schönen guten Morgen!

Meurer: Ist es im Moment zwischen Deutschen und Amerikanern wieder so schlimm wie unter George W. Bush?

Irwin: Ich würde nicht sagen, es ist so schlimm, aber sicherlich: Viele Deutsche sind überrascht. Aber wir haben eine Familienbeziehung zwischen den USA und Deutschland und in jeder Familie gibt es immer Höhepunkte und Tiefpunkte und wir sind im Moment bei einem Tiefpunkt gelandet. Aber meine Hoffnung ist, wir kommen sehr schnell raus aus diesem Tiefpunkt.

Meurer: In jeder Familie gibt es auch jemanden, der das Sagen hat. Sind die USA sozusagen der Vater, der das Sagen hat, und wir die unmündigen Kinder?

Irwin: Nein! Wir wissen, in Deutschland haben wir Vater Staat und in den USA Uncle Sam. Ich würde sagen, wir haben mehr ein Vetterverhältnis anstatt ein Vater-Kinder-Verhältnis.

Meurer: Ist das ein Verhältnis auf Augenhöhe?

Irwin: Ja natürlich, selbstverständlich, und ich meine, Deutschland ist ein ganz hervorragendes Land, wirtschaftlich, kulturell, genauso wie die USA. Beide Länder haben Stärken, beide Länder haben Schwächen, aber die Kernstärke beider Länder sind ihre Bürger und deshalb sind beide auf Augenhöhe.

Meurer: Herr Irwin, was sagen Sie dazu, dass die NSA unsere Kanzlerin ausspäht?

Irwin: Ich habe natürlich nur meine Informationen von den Medien bekommen, und so gibt es für mich persönlich keinen Beweis dafür. Aber ich wohne seit 45 Jahren hier in Deutschland, ich bin natürlich sehr überrascht. Wenn mir jemand sagt, ein anderes Land tut das, dann könnte ich das glauben, aber das hat mich ein bisschen überrascht, dass die USA das macht.

Meurer: Auch empört?

Irwin: Oh ja, natürlich, wie viele Deutsche selbstverständlich. Aber eine Kommission im Bundestag anzurufen, um die Vergangenheit anzuschauen und so weiter, das bringt für mich überhaupt nichts. Man muss tatsächlich Regeln finden. Im Moment gibt es keine Regeln unter Verbündeten, und das ist so notwendig. Mein Plädoyer ist, nach vorne zu gucken, nicht in der Vergangenheit zu gucken.

Meurer: Es gibt keine Regeln? Es gibt doch diplomatische Regeln, was eine Botschaft darf und nicht darf, und ich vermute mal, aus der vierten Etage der US-Botschaft die Richtantenne auf Merkels Smartphone zu richten, ist nicht von den Regeln gedeckt.

Irwin: Nun, schon wieder: Wir wissen nicht, ob das tatsächlich von der US-Botschaft in Berlin ausgegangen ist. Das haben wir von den Medien gehört. Ich meine, die Quellen all dieser Informationen scheint Edward Snowden zu sein, und ich muss sagen, ich habe persönlich keine Ahnung, wie viele Leute an Snowdens Papiere herangegangen sind. Ich als Privatperson möchte mich eigentlich überhaupt nicht äußern, was tatsächlich geschehen ist, weil ich weiß es nicht.

Meurer: Sie gehen doch vermutlich ein und aus in der US-Botschaft in Berlin. Waren Sie da schon mal in der vierten Etage?

Irwin: Ich war nicht auf dem Dach, aber ich war auf der höchsten Etage. Ich weiß es nicht, ob das die vierte ist, aber ich war auf der höchsten mehrmals.

Meurer: Was ist da?

Irwin: Das Botschafterbüro ist da, sein Stellvertreter ist da, mehrere Assistenten sind da.

Meurer: Und die Jungs von der NSA?

Irwin: Keine Ahnung, muss ich ehrlich sagen. Keine Ahnung!

Meurer: Haben Sie irgendwelche Maschinen, Apparaturen gesehen?

Irwin: Nein. – Oh ja, natürlich Computer auf jedem Schreibtisch. Frau Merkel hat auch einen Computer, einen DELL-Computer auf ihrem Schreibtisch.

Meurer: Sie sagen, Herr Irwin, lasst uns nicht über die Vergangenheit reden, aber genau das wird jetzt getan werden. Es wird einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss geben. Da wird exakt über alles geredet, was in der Vergangenheit passiert ist, und dann wird es Anträge geben, wer alles von US-Seite "antanzen" soll. Was bedeutet das für das Verhältnis Deutschland-USA?

Irwin: Wie ich sagte, ich glaube, das bringt überhaupt nichts. Aber okay, gut. Das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland ist unheimlich tief. Das Thema, was wir jetzt diskutieren, ist nur ein einziges Thema. Es gibt viele andere Themen, wo die USA und Deutschland eine sehr, sehr gute Zusammenarbeit haben. Wenn sich natürlich jemand Zeit nimmt, in der Vergangenheit zu gucken, vielleicht fühlt man sich ein bisschen besser mit dem Ergebnis. Aber wie ich sagte: Man muss vorwärts gucken, man muss Regeln finden. Es gibt im Moment keine Regeln. Es gibt diplomatische Regeln, Gentlemen’s Agreement und so weiter, aber es gibt keine Regeln mit unserer neuen Technologie. Diese Technologie ist eigentlich nur fünf bis zehn Jahre alt und das hat die Situation längst geändert.

Meurer: Sollte Barack Obama sich entschuldigen bei der Kanzlerin?

Irwin: Sie müssen Barack Obama fragen.

Meurer: Ich frage Sie. Was ist Ihre Meinung?

Irwin: Ich habe die beiden mehrmals zusammen gesehen. Die haben ein positives Verhältnis miteinander. Ich habe das letzte Telefongespräch zwischen Präsident Obama und Bundeskanzlerin Merkel nicht gehört. Vielleicht hat er das gesagt, ich weiß es nicht.

Meurer: Glauben Sie, die Kanzlerin macht jetzt ein bisschen publikumswirksamen Theaterdonner?

Irwin: Nein. Die Wahl ist vorbei. – Die Wahl ist vorbei. Natürlich: Sie ist überrascht. Aber wir haben eine tolle Bundeskanzlerin und sie weiß, was sie tun sollte. Was ich an Frau Merkel schätze ist: In Brüssel hat sie deutlich gesagt, wir sollten eigentlich nicht die transatlantische Handels- und Partnership-Vereinbarung …

Meurer: Das Freihandelsabkommen.

Irwin: Ja richtig. Das sollte nicht stoppen. Das Thema, was wir jetzt diskutieren, über die Abhöraffäre, sollte ein Thema sein und das Freihandelsabkommen sollte vorwärts gehen, und das finde ich ganz toll.

Meurer: Fred Irwin ist Ehrenpräsident der US-Handelskammer in Deutschland, plädiert dafür, das deutsch-amerikanische Verhältnis nicht dadurch zu belasten, dass es diese Spähaffäre gibt. Herr Irwin, danke schön und auf Wiederhören!

Irwin: Ich danke Ihnen. Tschüß!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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