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StartseiteZeitzeugen im Gespräch"Wir haben eine Parteienoligarchie und keine Parteiendemokratie"27.01.2011

"Wir haben eine Parteienoligarchie und keine Parteiendemokratie"

Hildegard Hamm-Brücher genießt noch immer große Anerkennung im In- und Ausland

Die gebürtige Essenerin gilt als dienstälteste Politikerin Deutschlands. Hildegard Hamm-Brücher wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Nach über 50 Jahren verließ sie ihre Partei, die FDP. Noch immer genießt sie große Anerkennung im In- und Ausland.

Hildegard Hamm-Brücher im Gespräch mit Rainer Burchardt

Hildegard Hamm-Brücher (AP Archiv)
Hildegard Hamm-Brücher (AP Archiv)

Dr. Hildegard Hamm-Brücher, geboren am 11. Mai 1921 in Essen, deutsche Politikerin und Publizistin. Sie wuchs in Berlin-Dahlem auf und zog nach dem frühen Tod ihrer Eltern mit ihren Geschwistern zur Großmutter nach Dresden. Das renommierte Internat Salem, das sie nur ein Jahr lang besuchte, musste sie deswegen verlassen, weil ihre Großmutter Jüdin war. 1939 Abitur in Konstanz, unter schwierigsten Umständen Studium der Chemie in München, 1945 dort Abschluss zum Dr. rer. nat. Nach 45 Wissenschaftsredakteurin bei der "Neuen Zeitung". 1948 Eintritt in die Freie Demokratische Partei FDP, die sie nach 54 Jahren verließ. Als Begründung gab sie eine, Zitat, "Annäherung der FDP an anti-israelischen und einseitig pro-palästinensischen Positionen des Herrn Möllemann" an. Von 1948 bis 1954 gehörte sie dem Münchner Stadtrat an, und war von 1950 bis 1966 sowie von 1970 bis 1976 Mitglied des Bayrischen Landtags. In den Jahren 1976 bis 1990 war Frau Hamm-Brücher Mitglied des Deutschen Bundestages. In öffentliche Ämter wurde sie mehrfach berufen, so wurde sie 1967 Staatssekretärin im von Ernst Schütte geleiteten Kultusministerium des Landes Hessen. 1969 wechselte sie dann als Staatssekretärin in das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, aus dem sie 1972 wieder ausschied. Ende 1976 wurde Hildegard Hamm-Brücher in das von Hans-Dietrich Genscher geleitete Auswärtige Amt berufen. Nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition schied sie im September 1982 aus der Bundesregierung aus. 1994 kandidierte Frau Hamm-Brücher für das Amt des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Sie ist seit 1993 Trägerin des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband, hat eine Vielzahl von politischen und zeitgeschichtlichen Schriften veröffentlicht und gilt als engagierte, unabhängige Politikerin. Wegen ihrer jahrzehntelangen öffentlichen Auftritte zur Verwirklichung von Demokratie und Menschenrechten in der Bundesrepublik Deutschland genießt Frau Hamm-Brücher große Anerkennung im In- und Ausland. Hildegard Hamm-Brücher ist Witwe und hat zwei Kinder aus ihrer Ehe mit dem CSU-Kommunalpolitiker und Juristen Erwin Hamm.

Hildegard Hamm-Brücher: Wir haben eine Parteienoligarchie und keine Parteiendemokratie.

Sprecherin: Das Kredo: Demokratie, das sind wir alle.

Rainer Burchardt: Frau Hamm-Brücher, Sie haben vor ein paar Jahren ein Buch herausgegeben, das hieß: "Demokratie, das sind wir alle". Sind Sie heute noch so sicher?

Hamm-Brücher: Ich hoffe es, dass wir uns darauf besinnen, dass wir nicht nur eine Parteiendemokratie sind, sondern eine Bürgerdemokratie, und diese zweite Dimension der Demokratie ist für mich immer ein großes Anliegen gewesen, durch alle Stationen meines langen politischen Lebens. Das habe ich von unserem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss mitgekriegt, der ja so etwas wie mein politischer Ziehvater war und der die Lebensform Demokratie fast immer wichtiger vertreten hat als die Staatsform - natürlich muss die sein und ist eine repräsentative Sache, aber die Frage nach der Lebensform Demokratie hat sich für mich viel stärker, viel nachdrücklicher gestellt, nachdem wir hier ein Obrigkeitsstaat waren nach 45 nach wie vor in der Prägung der Menschen. Und diese Formel, "Demokratie, das sind wir alle", sollte eigentlich der Versuch sein, zu irgendeinem Jubiläum der Bundesrepublik auch die Bürgerinnen und Bürger mit einzubeziehen in diese Entwicklung.

Burchardt: Wenn Sie aber jetzt, und deshalb auch diese Eingangsfrage, die aktuelle Entwicklung sehen - etwa ein 37-Prozent-Beteiligungsreferendum in Hamburg über die Schulreform, die wurde mal eben vom Tisch gewischt, dann Stuttgart 21, wo der Begriff Wutbürger ja jetzt, das Wort des Jahres, entstanden ist -, ist das noch demokratisch, oder ist das nicht doch in dem Sinne eine Abweichung dessen, was Sie mit Berufung aus Heuss jetzt genannt haben, die organisierte, repräsentative Demokratie, ist das nicht eine Klienteldemokratie, die dort von der Straße weg organisiert werden konnte?

Hamm-Brücher: Ja, natürlich wird ... All diese großen Protestaktionen fallen ja nicht vom Himmel, die werden ja organisiert. Aber ich denke, es ist ein Symptom, dass nicht nur der Bahnhof ärgert, sondern die Entfremdung der Profipolitik von den Bürgern. Das Bedürfnis danach, doch mehr beteiligt zu werden an großen Entscheidungen, nimmt zu, und ich begrüße das. Ich finde nur, wir müssen es auf eine rechtliche Basis stellen, und da wir im Grundgesetz im Artikel 20 ja haben, dass die Staatsgewalt vom Volke ausgeht und durch Wahlen und Abstimmungen ausgeübt wird. Und dieses Abstimmungen hat man stillschweigend begrenzt, nur wenn Bundesländer verändert werden, und das ist ja wohl zwei Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen. Also von daher brauchen wir nur das Wörtchen "und Abstimmungen" ein bisschen zu aktivieren, ein vernünftiges Gesetz zu machen, nach dem und wie unter welchen Bedingungen ein Bürgerprotest also ganz legalisiert werden kann. Das wäre mein Vorschlag. Und dann gäbe es noch eine zweite Möglichkeit: Wir haben ja das Petitionsrecht, dass jeder Bürger sich mit Eingaben und Beschwerden an das Parlament wenden kann, das ist Artikel 17. Wenn man dieses Petitionsrecht ausbauen würde zu echten Möglichkeiten, Petitionen mit ein paar tausend oder mehreren tausend Eingaben wirklich vom Parlament dann auch behandelt und abgestimmt werden müssen, das wäre auch schon mehr Bindung wieder zwischen Bürger und seinem Parlament. Also es gibt Möglichkeiten, das jetzt aufzufangen, und ich plädiere sehr dafür, dass sich die Parteien darüber klar werden, wie sehr sie aus dem ganzen System der Bürger, im Interesse der Zustimmung und so weiter mehr und mehr entfremdet werden.

Burchardt: Vielleicht hat ja auch dazu beigetragen, dass die Parteien zu mächtig geworden sind, ich meine, wenn man auch jetzt das Grundgesetz noch mal heranzieht, da steht drin: Die Parteien wirken an der politischen Willensbildung mit. Aber ist es nicht so, dass die Parteien eigentlich im Laufe der letzten Jahrzehnte einen Monopolanspruch auf die politische Willensbildung entwickelt haben?

Hamm-Brücher: Ich bin da genau Ihrer Meinung. Ich finde, dass wir den Anspruch der Parteien, bei allem und jedem die Entscheidung zu treffen, nicht mehr möglich ist. Also erstens: Die Mitgliedschaft in den Parteien insgesamt beträgt gerade mal drei Prozent der Wahlbevölkerung. Drei Prozent der Wahlbevölkerung, ungefähr ein Mehrfaches, ein Vielfaches mehr engagieren sich irgendwo in der Gesellschaft und sind da Mitglied. Also irgendwas stimmt doch nicht in der Relation, und ich wage manchmal die provozierende Formulierung: Wir haben eine Parteienoligarchie und keine Parteiendemokratie. Und das ist eine ganz gefährliche Geschichte, denn in den Parteien mit ihren wenigen Mitgliedern vergleichsweise mit der Wahlbevölkerung, erstens tun die meisten nicht mit, und die anderen meisten haben keine Möglichkeit, wirklich Einfluss zu nehmen auf ihre Partei. Es ist eine Fiktion, sie wirken zwar mit, aber sie vertreten eben das Volk nicht mehr.

Sprecherin: Hildegard Hamm-Brücher, ehemalige Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, im Zeitzeugen-Gespräch.

Hamm-Brücher: Ich wollte nie im Leben Chemie studieren, aber ich trat vor.

Sprecherin: Früher Elternverlust und schwierige Jugend im Dritten Reich.

Burchardt: Aus Ihnen spricht ja wirklich die, wie die Bundeskanzlerin Sie kürzlich hervorgehoben hat, die dienstälteste Politikerin Deutschlands. Das kann man ja so sagen, Sie haben ja eine sehr bewegte, auch politische Vita hinter sich. Aber fangen wir mal bei der privaten an: Sie sind, mit Verlaub, wenn ich das erwähnen darf, aber es ist ja nicht schändlich, sondern eine großartige Sache, Sie sind jetzt im 90. Lebensjahr, und Sie haben im Grunde genommen ja als Kleinkind die schwerste Zeit in Deutschland gehabt mit der Währungsreform, mit der 29er Weltwirtschaftskrise, dann die Wirren der Weimarer Republik. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit, und sind Sie dort schon, vielleicht als junges Mädchen, dann auch politisiert worden insofern, als Sie dann nach dem Krieg auch in die Politik gegangen sind?

Hamm-Brücher: Also die Schlüsselerfahrung, die mich bewogen hat, auch als es noch kein Grundgesetz Artikel 3 für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern gab, meine Grundmotivation war durch die Erfahrungen im Dritten Reich. Ich war von den Nürnberger Rassegesetzen betroffen, eine sehr geliebte Großmutter, die Elterns Stelle an uns Waisenkindern übernommen hatte, war - obgleich in der zweiten Generation - getaufte Jüdin, galt als Jüdin und hat sich dann das Leben genommen, als sie nach Theresienstadt deportiert werden sollte mit fast 80 Jahren, an zwei Stöcken gehen, also alles ein schrecklicher Verlust. Und das zweite Schlüsselerlebnis waren meine Kommilitonen, teilweise Freunde, die dann später so getauft wurden - damals empfanden sie sich nicht so: der Widerstand der Weißen Rose. Das war ein Kreis von Studentinnen und Studenten, die aus verschiedenen Ecken kamen. Sie waren meistens aus religiösen Motiven, aus philosophischen, kulturellen, ... also jedenfalls war der Widerstand der Weißen Rose etwas ganz was anderes, als was wir heute als Widerstand deklarieren. Es war ein Gesprächskreis, der sich mehr oder weniger zufällig zusammengefunden hatte. Selbst der engste Kern wusste nicht, dass ein paar Leute Flugblätter machen.

Burchardt: Haben Sie das damals gewusst?

Hamm-Brücher: Nein. Und ich habe sogar einmal in meiner Schublade im chemischen - ich habe Chemie studiert - Staatslabor, da hatten wir alle so einen Platz und da mussten wir unsere Experimente machen. Und da lag ein Flugblatt in der Schublade, im Sommer 42, und ich habe keine Ahnung gehabt, wo das herkam, und habe es in kleine Schnipsel gerissen und in der Toilette runtergespült, weil ich nicht wusste, ist das eine Provokation oder was soll das bedeuten?

Burchardt: War das Angst oder Unsicherheit, was war es genau?

Hamm-Brücher: Es war eigentlich das Gefühl, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, Angst nicht in dem Sinne, sondern ich will einfach nichts damit zu tun haben, und ich habe es auch gar nicht mal genau gelesen. Außerdem hatte ich Sorge um meine jüngeren Geschwister, die ja nun auch alle von den Schulen herunter mussten und zwei Brüder waren in Zwangsarbeitslagern, und ich dachte, nein, das ist zu gefährlich.

Burchardt: Wir haben von Ihrer Kindheit gesprochen. Sie haben den Begriff Waisenkind gebraucht, vielleicht sollte man das auch sagen: Sie waren zehn Jahre, da sind Sie Vollwaise gewesen, weil Ihre beiden Eltern sehr früh gestorben sind. Sie waren dann zunächst bei Ihrer Großmutter in Dresden, und dann ein Jahr später sind Sie nach Salem gegangen, ins Internat. Welche Erfahrungen haben Sie dort damals gemacht?

Hamm-Brücher: Mein Vormund war ein sehr vernünftiger Mann, der gemerkt hat, dass ab 35, nachdem die Nürnberger Rassegesetze erlassen wurden und wir Kinder furchtbar diskriminiert wurden - ich war eine sehr gute Sportlerin und siegte in allen möglichen Disziplinen, ich durfte keine Wettkämpfe mehr machen, ich durfte nicht mit ins Schullandheim, ich durfte keine Feste, also auch nichtpolitische Feste ... Also wir wurden sehr schlecht behandelt. Die Schule war Erfüllungsgehilfe der Nazis, und der Vormund merkte, dass nicht nur ich, auch die beiden anderen jüngeren Geschwister sehr unglücklich waren, und dann kam der Entschluss, dass wir nach Salem kamen. Und Schule Schloss Salem war damals eine unheimlich spartanische, wunderschöne Schule für Kinder, die sich sehnten, auch ein bisschen eigenständig zu arbeiten und zu leben, und es war das einzige schöne Jahr meiner Jugend in Salem.

Burchardt: War das heile Welt?

Hamm-Brücher: Es war heile Welt, und das war so menschlich. Niemand hat mich diskriminiert, niemand hat mich benachteiligt. Nur nach einem Jahr kam ein Erlass, dass alle, die von den Nürnberger Gesetzen betroffen sind, alle Schüler die Schule verlassen mussten. Und dann habe ich da Abitur in Konstanz, also ganz nebenan gemacht. Das war für mich sehr schön, dass ich dann eben sehr schnell auch studieren konnte, das ist eine eigene Geschichte wieder.

Burchardt: Erzählen Sie!

Hamm-Brücher: Soll ich Sie erzählen?

Burchardt: Ja, klar!

Hamm-Brücher: Also ich wollte in der Schweiz studieren, und es war der Sommer 38, der Krieg lag in der Luft. Und dann habe ich gesagt, nein, ich gehe nicht in die Schweiz, ich muss mich um die Geschwister kümmern, und ging stattdessen in den Reichsarbeitsdienst. Das war die Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt eine Chance für einen Studienplatz hatte. Und in diesem Reichsarbeitsdienst, das war eine ganz schlimme Zeit, also man kann sich das gar nicht vorstellen, kasernierte Frauen, die auf Strohsäcken schlafen mussten und früh um sechs zum Bauernhof, dort acht Stunden arbeiten, das war also wirklich schlimm, aber ich war durch Salem ja ziemlich abgehärtet. Jedenfalls - nach sechs Monaten fing der Krieg an, im September, und wir wurden nicht entlassen, weil eben jetzt also alle Mädchen da in den Dienst mussten. Und an kurz vor Weihnachten war eine ... jeden Morgen wurde ja die Fahne gehisst und dann dem Führer gedankt und solche Sachen, und dann wurde vorgelesen, was ansteht. Und dann sagte die Lagerführerin: Wer von den Abiturientinnen - wir waren fünf oder sechs Abiturientinnen unter 500 Arbeitsdienstmädchen -, wer also Medizin oder Chemie studieren will, der soll vortreten. Ich wollte nie im Leben Chemie studieren, aber ich trat vor und war drei Tage später aus dieser Fron entlassen. Und dann ging ich nach München, weil da waren meine ganzen Schulfreunde, ich wollte mich einschreiben und bekam die Nachricht: Man darf nicht wegen der Rassegesetze. Und dann sagte der Dekan ... Mein Bruder war unterdessen im Polenfeldzug eingezogen und hatte EK2 und war verwundet, und wurde dann wegen Wehrunwürdigkeit entlassen, das muss man sich alles mal vorstellen.

Burchardt: Obwohl er das Eiserne Kreuz hatte.

Hamm-Brücher: Ja, das muss man sich alles mal vorstellen. Und er sagte, wissen Sie, das ist ein Härtefall bei Ihnen, und wenn der Leiter des Chemischen Staatsinstituts Sie aufnimmt, dann werden wir keinen Widerspruch einlegen. Und dieser Leiter des Staatsinstituts, das ist ein ganz berühmter Chemiker mit Nobelpreis, Heinrich Wieland, gewesen, der ein wunderbarer Mensch war. Er war wirklich einer derjenigen, die für mich zum Vorbild geworden sind, er hat nämlich geholfen. Er hat sich das alles angehört, hat dann sich natürlich auch alle Papiere genau angeguckt und hat dann entschieden, er nimmt mich auf. Und dann war ich bis 1943 ordentliche Studentin. Und dann kamen die Aktionen der Weißen-Rose-Studenten, und bei den Namen tauchte mein Name auf, nicht irgendwie aktiv, aber dass ich an formlosem Beisammensein dabei gewesen bin und so. Dann kam die Gestapo in das Institut, das habe ich alles erst ein bisschen später erfahren, und ging zu jenem Heinrich Wieland, jenem Chemiker, unter dessen Obhut ich mittlerweile meine Doktorarbeit machte, meine experimentelle. Dann hat er gesagt, die kann damit nichts zu tun haben, die muss jeden Tag zehn Stunden im Labor sein, und wenn Sie sie mir wegnehmen, kann ich meine kriegswichtigen Arbeiten nicht machen. Ich habe Hefe, Vitamine aus Hefe habe ich isoliert, also von kriegswichtig war wirklich keine Rede. Und das haben die Nazis sich dann doch nicht getraut und mich irgendwie zu verhaften oder auch irgendwie nur zu verhören, sondern sie haben mich exmatrikuliert, und ich musste dann so ein bisschen so Sachen, so Trambahn waschen einmal in der Woche oder so. Also still, klammheimlich hat mich Wieland weitermachen lassen, und dann wurde das Institut total zerbombt und wir gingen in eine Schule nach Weilheim. Also es war sowieso dann nicht mehr diese rigide Aufsicht da, und ich konnte zu Ende studieren. Also ich hatte durch Wieland einen solchen Schutz und einen solchen Rückhalt, dass ich eben ihm immer wieder ein Denkmal setze in meiner Erinnerung.

Burchardt: Gewissermaßen Ihr Schutzengel, ja, das ist wohl so.

Hamm-Brücher: Aber ich will damit eigentlich nur sagen: Wenn an jeder Universität in Deutschland vier oder fünf Wielands gewesen wären, sie wären nicht so willige Vollstrecker dieser schrecklichen Nazi-Forschungs- und -Hochschulpolitik gewesen.

Hamm-Brücher: Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Hetze war gegen alle Widerstandsleute.

Sprecherin: Starke Restaurationsströmungen in der frühen Bundesrepublik.

Burchardt: Sie haben die Nürnberger Rassegesetze erwähnt. Welches Gefühl hatten Sie denn in der Nachkriegszeit, als Sie dann auch selber in die Politik gingen - Sie waren ja 1948 schon Stadträtin hier in München -, als Hans Globke auftrat? Hans Globke, der dann ja letztlich bei Adenauer als Staatssekretär auch Chef des Bundeskanzleramtes war, war nun der Hauptkommentator pro Nürnberger Rassegesetze. Haben Sie nicht gesagt, mein Gott, geht das jetzt alles wieder los, oder lernen die das nie?

Hamm-Brücher: Das war die Zeit der großen Enttäuschung, die Zeit nach der Gründung der Bundesrepublik, als nun lauter Amnestien, zwei große Amnestien erlassen wurden, dass das sogenannte 131er-Gesetz allen Entlassenen wegen Nazizugehörigkeit die Rückkehr ermöglichte, scharenweise strömten die ehemaligen Leute aus dem öffentlichen Dienst überall zurück. Also Glopke war nur die Spitze des Eisberges. Da waren ja zum Beispiel in der bayrischen Justiz waren 90 Prozent 131er, in Bonn waren die Abteilungsleiter 70 Prozent 131er. Also wie aus dieser Konstellation in der zweiten Generation nachher dann wirklich noch eine Demokratie geworden ist, ist mir ein Rätsel. Und der Fall Glopke war so für mich ein solcher Rückschlag, wissen Sie. Wenn nicht die Idee gewesen wäre, ja, wir müssen versuchen, das über die Runden zu bringen - ich wäre beinahe ausgewandert, weil ich mir sagte: Das gibt wieder eine Restauration. Die Nazis kommen und es werden keine Prozesse geführt, und sie sind auch lange nicht geführt worden. Und wenn nicht dieser sehr hervorragende Jurist Fritz Bauer gewesen wäre, der hessischer Generalstaatsanwalt war, der ja auch gegen diesen Remer - das ist der Mann gewesen, der den Widerstand am 20. Juli niedergeschlagen hatte, der sich brüstete, ich bin kein Neonazi, sondern ich war immer Nazi und bleibe immer Nazi -, den hat er vor Gericht gestellt, und damit ... Das Gericht hat dann in Hessen das Urteil gesprochen, es ging um den 20. Juli, ob das also ein Hoch- und Landesverrat war oder eben eine Notmaßnahme, mit der nicht anders umzugehen war. Und das Gericht hat zum ersten Mal 1953 festgestellt, dass das eine edle Tat gewesen sei und dass das kein Hoch- und Landesverrat und kein Eidbruch - es war ja dann immer der Vorwand, den Eid hätten die auch noch gebrochen und hätten sich bestechen lassen von dem Ausland -, ... Sie können sich nicht vorstellen, was das für eine Hetze war gegen alle Widerstandsleute. Die konnten ... Die kriegten ... Die Witwen und die Familien lebten von Sozialhilfe, während die Witwe von dem Blutrichter Freisler eine Riesenpension kassierte. Es war eine schlimme Zeit, und ich habe wirklich manchmal das Gefühl gehabt - ich war unterdessen dann auch bayrische Landtagsabgeordnete, das war dann auch nicht gerade das schönste Amt meines Lebens -, ich habe mir gedacht: Das ist ja ganz, ganz schrecklich und wer weiß, wie das ausgehen wird. Und dann kam erst Ende der 60er-Jahre die Welle, dass den Menschen bewusst wurde: Wir haben ja gar nicht genug getan, um uns auseinanderzusetzen.

Burchardt: Es wurde auch geschwiegen.

Hamm-Brücher: Dann ging es dann auch, auch die großen Schriften von Karl Jaspers und von den Mitscherlichs, und dann kamen die Studentenunruhen, die ja im Anfang auch überwiegend ein Protest waren gegen die Elterngeneration, die ihnen nicht sagte, was sie nun eigentlich gemacht hätten.

Sprecherin: Deutschlandfunk Zeitzeugin, Hildegard Hamm-Brücher.

Hamm-Brücher: Mädle, Sie müssen in die Politik.

Sprecherin: FDP-Eintritt, liberale Flügelkämpfe mit wechselnden Koalitionen und FDP-Entfremdung.

Burchardt: Sie waren dann ja schon in den Parlamenten, erst im Münchner Stadtrat, dann im Landtag. Ist das für die FDP damals schon gewesen? Sie sind ja sozusagen, das haben Sie ja auch mal gesagt, liberal durch und durch, aber Sie ... irgendwann sind Sie auch ausgetreten aus der FDP.

Hamm-Brücher: Eine freischaffende Liberale.

Burchardt: Ja, mittlerweile nicht mehr Mitglied dieser Partei, darauf kommen wir sicherlich auch noch. Warum sind Sie eigentlich nicht in die ... oder haben Sie jemals darüber nachgedacht, vielleicht in die SPD einzutreten, die sicherlich doch stärker, nach dem, was Sie jetzt erzählt haben, auf Ihrer Linie lag als die FDP?

Hamm-Brücher: Nein, dafür gibt es nur eine Erklärung: Ich hatte eine Zeit lang ... Als wissenschaftliche Redakteurin und Mitarbeiterin war ich bei der amerikanisch geleiteten "Neuen Zeitung", vor allem im Feuilleton bei Erich Kästner, und wurde dann immer mal auch zu Reportagen geschickt. Und 1946 sollte man eine Reportage schreiben, wie die Schulen und die Hochschulen in den anderen Ländern der amerikanisch besetzten Zone, das war also Bayern, das war das halbe heutige Baden-Württemberg, hieß Württemberg-Baden, Hessen und Bremen, das war die amerikanisch besetzte Zone, und ich sollte überall hinfahren und nachforschen, wie läuft es jetzt mit Schulen und sind die Hochschulen wieder in Betrieb und so weiter. Und dann kam ich nach Stuttgart, die Hauptstadt von Württemberg-Baden damals, und suchte händeringend einen Kultusminister. Und er saß in der zerbombten Technischen Hochschule, 46, da waren noch die Fenster mit Pappe vernagelt, und ich irrte da herum. Da kam so ein Herr, so ein weißhaariger mit Schal um den Hals, und den fragte ich, ob er wüsste, wo hier der Kultusminister ist. Da sagte er in schönstem Schwäbisch: Hier gibt es keinen Kultusminister, der heißt Kultminister, und das bin ich. Und dann haben wir ganz lange uns über Schulen und über Bildung und über Reformen und dass der Nazismus nur aus den Menschen wieder herausgearbeitet werden könnte, wenn man das Schulsystem ändert und von der Pieke auf ... und so weiter. Und dann hat er mich abends noch in seine Ein-Zimmer-Wohnung eingeladen, da habe ich dann noch die Frau, Elly Heuss-Knapp, kennengelernt, die eine wunderbare Frau war, Pfefferminztee hat es gegeben und stockharte Roggenkekse.

Burchardt: Also Sie haben Theodor Heuss damals, den späteren Bundespräsidenten, ...

Hamm-Brücher: Ja, und dann passierte das Schlüsselerlebnis, dass beide Heussens mir über die Weimarer Republik erzählt haben, und anders als alle Deutschen, die alle, auch wenn sie keine Nazis waren, aber nicht mehr für eine Demokratie waren, weil sie dachten, das ist nichts für Deutschland, und er war so ... und sagte, wir müssen das probieren, wir müssen die Demokratie in Deutschland schaffen beim zweiten Anlauf, wir müssen ein paar Fehler vermeiden und so weiter. Und ich habe den mit Kinderaugen völlig hier konsterniert und begeistert angehimmelt, und beim Abschied sagte er dann den klassischen Satz, auf Schwäbisch kann ich natürlich nicht: Mädle, Sie müssen in die Politik! Und dann habe ich gesagt, ja, das will ich auch, ich weiß nur nicht, wie ich das anfangen soll. Und dann hat er wohl den, der in Bayern war, der Thomas Dehler, der spätere erste Justizminister, der baute in Bayern die FDP auf, und der lud mich dann mal ein zu irgend so einer Zusammenkunft. Es war ja alles völlig primitiv und man hatte keine Räume und man hatte keine Stühle und man hatte keine Heizung und was weiß ich. Ich wusste auch gar nicht, was eigentlich der Unterschied ist, ich fand eben nur Heuss, wenn der sagt, das ist gut und die wollen auch eine Demokratie, dann ist das das Richtige. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie unbedarft ich da reingeschlittert bin.

Burchardt: Aber wenn Sie jetzt gewissermaßen in einer Lebenssumme zurückdenken, was der Liberalismus oder wie der Liberalismus sich erstens bei Ihnen ausgeprägt hat zum einen, und zum anderen, welche Figuren für Sie eigentlich interessant oder weniger interessant waren - es waren ja eigentlich immer Männer, die Ihren Lebensweg bestimmt haben, das ist ja auch ganz interessant, mal so zu erfahren, denn wegen Möllemann sind Sie ja letztendlich später ausgestiegen aus der FDP, ausgetreten aus dieser Partei. Das heißt: War der Liberalismus - der Anfang der 50er-Jahre am Wiederaufbau dieser Nachkriegsdemokratie einen erheblichen Anteil hatte, auch durch Regierungsbeteiligung natürlich mit der Union unter Adenauer -, war der Liberalismus eigentlich, sagen wir mal, in der Zeit nach der sozialliberalen Koalition Brandt-Scheel nicht mehr das, was er früher gewesen ist?

Hamm-Brücher: Also das Auf und Ab des politischen Liberalismus nach 1945, das ist ja eine eigene Geschichte, denn zum Teil bestand die neu gegründete FDP ja aus Leuten, die aus der früheren DDP, Deutschen Demokratischen Republik, das waren die Linksliberalen, ... Heuss kam aus der DDP, der Dehler kam, noch ein paar Leute. Aber das Gros kam aus der DVP, der Deutschen Volkspartei, die am Schluss auch nur noch zwei Reichstagsabgeordnete hatte, die schon das Parteibuch der Nazis in der Tasche hatten. Das muss man mal wissen. Und das waren rechte Liberale. Und die beiden liberalen Parteien waren ja konkurrierend in der Weimarer Republik, und nach dem ersten großen Erfolgsboom, Max Weber, der Gründer, der Schöpfer der Weimarer Verfassung war, Hugo Preuß, ein Jude, wunderbar, Walter Rathenau wurde ermordet, also der Linksliberalismus hatte eine großartige Leistung vollbracht, kriegte aber dann immer weniger Zustimmung bei Wahlen, sackte ab, noch und noch, und hatte dann bei der letzten freien Wahl nur noch 0,9 Prozent, aber eine Listenverbindung mit der SPD, stellen Sie sich mal vor, und dadurch noch mal fünf Abgeordnete in dem letzten Reichstag, der dann das Ermächtigungsgesetz ... Und bei der Neugründung waren kaum noch DDP-Leute und überwiegend ehemalige DVP, und das waren reine Nazis. Ich sage Ihnen, der Anfang ... ich war ja gar nicht, ich war ja ein kleines Würstchen in München. Als ich das erste Mal Delegierte wurde für einen Parteitag, bis ich überhaupt das erste Mal Einblick in die Konstellation dieser Partei bekam, das dauerte ja ungefähr zehn Jahre, das muss man sich auch mal so vorstellen, als ich merkte, wo bist du denn da hingeraten? Und dann hatten wir einen Parteitag, das war ein sehr unrühmlicher, der Emser Parteitag, der war 52 oder 53, da prallten die beiden Flügel aufeinander. Und der rechte Flügel hatte ein Programm, dass man sich rechts von der CDU verorten wollte, um die ehemaligen Nazis aufzufangen. Das stand da ganz offen drin. Geläuterte Nazis wollte man also aufnehmen. Und dann war der Reinhold Maier, der kam auch ... der war der baden-württembergische erste und einzige Ministerpräsident, und der führte das Fähnlein der wenigen Linksliberalen an, und es war sehr dramatisch: Er bot den Rechten dann den schwäbischen Gruß, also den Götz von Berlichingen und es ... also dass es damals nicht schon zum Bruch gekommen ist, das war direkt ein Wunder. Aber ein paar vernünftige Leute haben gesagt, das können wir uns nicht leisten, dann haben wir zwei Parteien.

Burchardt: Haben denn Leute wie Theodor Heuss, dann später Erich Mende oder auch Walter Scheel sozusagen die Klammerbewegung befürwortet?

Hamm-Brücher: Ja, das ist eben dann, wie es weitergegangen ist. Theodor Heuss war ja parteipolitisch aus dem Verkehr, der war ja bis 59 Bundespräsident, ein sehr, sehr wunderbarer, ausgezeichneter. Der konnte ja gar nicht mehr mitmachen. Und die anderen DDP-Leute, wir haben halt nebeneinander gelebt und uns gezankt. Wir haben uns immer gezankt, die beiden großen Flügel, und erst ab der zweiten Hälfte der 60er-Jahre, als der Ralf Dahrendorf bei uns wie ein Wunder vom Himmel stieg, und dann der Karl-Hermann Flach ein Büchlein schrieb, "Noch eine Chance für die Liberalen", und der Mende abgewählt wurde und der Scheel abgelöst, dann kam die große sozialliberale Zeit.

Burchardt: Nach den Freiburger Thesen auch, ja, haben sicher auch das untermauert.

Hamm-Brücher: Die Freiburger Thesen, die sind heute noch lesbar, und ich hatte das Gefühl zum ersten Mal: Ich bin in der richtigen Partei, Ostpolitik, ich war in Polen und habe dann auch Schulsystem studiert, und hielt, ja, das war auch auf einem Parteitag in Hannover glaube ich, Ende der 60er-Jahre, eine flammende Rede, die Oder-Neiße-Linie müsste man anerkennen, und der halbe Parteitag buhte mich aus und es war ein Riesentumult beinahe. Es war mein erster, auf Bundesebene mein erster großer Tumult. Und dann kam die sozialliberale Zeit mit Ostpolitik, mit Reformen, mit Bildung. Ich war unterdessen die Bildungskapazität der Partei geworden. Es war wunderbar, und ich hatte dann sogar in Bayern die FDP, die rausgeflogen war aus dem Landtag - da gab es hier noch in Bayern eine 10-Prozent-Hürde für einen Regierungsbezirk, das ist alles zu kompliziert -, aber die hatte ich dann wieder geschafft, musste natürlich nun wieder nach Bayern, weil ich den Wählern gesagt habe, wenn die FDP wieder drin ist, gehe ich wieder in den Landtag. Aber das war nicht mehr sehr lange, denn dann 76 ging ich wieder in den Bundestag und wurde Staatsministerin im Auswärtigen Amt.

Burchardt: Bei Hans-Dietrich Genscher.

Hamm-Brücher: Bei Hans-Dietrich Genscher. Und dann hatten wir eigentlich noch sechs gute Jahre, bis ... Dann kam der Flick-Spendenskandal und die SPD wollte das nicht amnestieren, da die ... Lambsdorff und Friedrich und all diese Leute, die da verwickelt waren. Und dann hat der Genscher dies inszeniert, das Misstrauensvotum. Und dann kam für mich eigentlich der endgültige Bruch.

Burchardt: Da sind ja viele Leute ausgestiegen aus der FDP, Frau Meier, dann Erhard von Schöler ist ausgetreten, Herr Baum ist drin geblieben, Sie sind auch drin geblieben.

Hamm-Brücher: Baum und Hirsch und ich, wir waren die drei, die gesagt haben, nein, den Gefallen tun wir nicht, wir versuchen innerparteilich sozialliberale Politik in der Partei weiter zu verankern. Es war natürlich eine Illusion, denn der Kurs mit Kohl ging also schnurstracks weiter nach rechts. Die Entfremdung zwischen mir und auch mit Genscher war durch diese ... meinen Widerspruch gegen das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt - den ich übrigens nach Adenauer für den besten Kanzler halte, den Deutschland je gehabt hat. Ich habe das ja sechs Jahre hautnah mitgekriegt, wenn Genscher nicht war, musste ich ja ins Kabinett. Also ich habe die ganze schreckliche Terroristenzeit sozusagen an der Seite von Helmut Schmidt miterlebt, und seine Persönlichkeit, seine Kapazität ungeheuer schätzen gelernt. Also mich hätten sie foltern können, ich hätte ihm nicht das Misstrauen ausgesprochen. Das hat mir natürlich der Genscher auch wahnsinnig übel genommen und ich ihm auch, also schon da begann die Entfremdung. Und dann kam der Möllemann Ende des Jahrhunderts, und machte nun wieder ... derselbe Fehler weiter nach rechts und Fischen im Trüben, antisemitischen Lager. Dann habe ich ein Jahr versucht, durch Briefe den jungen Westerwelle, der gerade erst, der war noch nicht Bundesvorsitzender, aber Fraktionsvorsitzender, um ihn zu bewegen, einzusehen, dass das für mich unerträglich ist, und dann hat er es natürlich nicht gemacht.

Hamm-Brücher: Aber heute sagen viele, nö, liberal, das sind sie alle.

Sprecherin: FDP-Austritt, der Fall Westerwelle und die Zukunft der Liberalen.

Burchardt: Sie haben jetzt das Stichwort Westerwelle gebracht, wir kommen ja auch langsam zum Ende unseres Gesprächs und können eigentlich den Bogen auch wieder zum Anfang schlagen. Aber zunächst noch mal die Frage: Die FDP ist abgestürzt innerhalb eines Jahres von gut 15 Prozent auf drei Prozent, zumindest was die Umfragewerte angeht. Worauf führen Sie das zurück? Ist das allein jetzt Herrn Westerwelle anzulasten, der ja sehr unter Druck steht, oder ist das möglicherweise auch eine Entwicklung, dass der Liberalismus, der vielleicht sehr viele konservative Wähler angelockt hat, einfach durch seine Klientelpolitik diese Wähler enttäuscht hat?

Hamm-Brücher: Also ich glaube, es ist eine Mischung von beidem. Erstens wurde das Hauptwahlversprechen sozusagen, die Wundertüte mit den Steuerermäßigungen war nicht zu machen, da sind schon mal sehr viele abgesprungen, und das Zweite war, dass sich die FDP in dieser Regierung einfach nicht wirklich richtig dargestellt hat, man überhaupt auch mit der Kanzlerin zwar fleißig war und sicher sich alle Mühe gegeben hat, aber die Hoffnung nicht erfüllt hat der Wählerinnen und Wähler. Und der Absturz war ja wirklich so elend, dass es direkt eine Katastrophe ist für die FDP, die Sie auch noch nicht ausgestanden hat. Ich will nur nicht über die FDP herfallen, weil ich habe natürlich viele Argumente, warum das so ist intern und so, aber das will ich nicht, ich bin jetzt ausgetreten und ich ... das Nachtarocken, das will ich einfach nicht.

Burchardt: Nein, Sie haben sich ja ehrenhalberweise auch als freischaffende Liberale bezeichnet. Ist denn der Liberalismus, hat der Liberalismus eigentlich - in dieser Welt, die ja sehr auf Konfrontation, sei es auf der Straße, sei es in den Parlamenten, ausgerichtet ist -, hat der Liberalismus noch eine Chance nach Ihrer Meinung?

Hamm-Brücher: Das ist genau die Frage, um die es geht. Alle Parteien sind liberal geworden, die Gesellschaft ist überliberal geworden. Wenn ich mir noch vorstelle, so in den ersten Jahrzehnten, der Klerikalismus und das Konservative und der obrigkeitsstaatliche Umgang miteinander gegen heute, dann sind wir eine so wahnsinnig liberale Gesellschaft geworden, dass die Leute einfach auch nicht mehr unsere Funktion genau wissen. Früher haben wir gegen Konfessionsschulen und gegen Einfluss der Kirchen in Ämterbesetzung und so ... da hatten wir noch eine echte Existenzberechtigung. Aber heute sagen viele, nö, liberal, das sind sie alle, sogar die CSU erlaubt ihrem Vorsitzenden, ein uneheliches Kind zu haben, also was soll es, wir brauchen keine FDP mehr. Und ich habe im Ernst - um es auch noch ein bisschen ernster zu machen - das Gefühl, dass wir natürlich in einem Drei-Parteien-System eine liberale Partei sehr gut gebrauchen konnten, aber jetzt haben wir also nun ein Fünf-Parteien-System, und der Standort von der FDP kann auf die Dauer nicht sein, dass sie sich immer nur mit dem sogenannten bürgerlichen Lager verbünden, das bringt nicht eine Rettung. Also das haben wir doch jetzt erlebt. Aber die FDP ist noch nicht so weit, offen zu sein, zu sagen, ja, warum sollen wir denn nicht eine Koalition mit SPD und Grünen machen? Die Grünen sind so etabliert, die sind eigentlich so die sozialliberale Partei der 70er-Jahre geworden, also dreht sich das Rad.

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