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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Wir haben 'nur' vier Kinder getötet"17.09.2012

"Wir haben 'nur' vier Kinder getötet"

Breaking the Silence (Hrsg.): "Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten". Econ

Schockierende Einsichten in den Alltag der israelischen Armee in den besetzten Palästinensergebieten bietet das nun in Deutsch erschienene Buch "Breaking the Silcene". In ihm lässt die gleichnamige Menschenrechtsgruppe ehemalige Soldaten zu Wort kommen. Knapp 150 Berichte zeigen grausame Details auf.

Von Helge Buttkereit

Palästinensche Stadt in der sogenannten Westbank (Deutschlandradio - Janine Wergin)
Palästinensche Stadt in der sogenannten Westbank (Deutschlandradio - Janine Wergin)

Die Armee ist in der israelischen Gesellschaft allgegenwärtig. Alle jüdischen Israelis mit Ausnahme der Ultraorthodoxen haben einen dreijährigen Wehrdienst zu leisten. In einem Land, das Bürger aus vielen unterschiedlichen Kulturen vereint, kommt der Armee damit eine besondere Rolle bei der Bildung einer einheitlichen Nation zu. Das wird noch dadurch verstärkt, dass Israel sich seit seiner Gründung faktisch im Kriegszustand - zumindest mit den Palästinensern - befindet und die Armee in den besetzten Gebieten die entscheidende Kraft ist. Von palästinensischer Seite und von internationalen Organisationen werden die Soldaten immer wieder beschuldigt, Menschenrechte zu verletzen.

Seitdem ehemalige und aktive Militärangehörige im Jahr 2004 die Organisation "Breaking the Silence" gegründet haben, kommen die Berichte über die verbreitete Willkür im Umgang mit den Palästinensern auch aus der Armee selbst. Der Aktivist Avner Gevarayahu:

"Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das Schweigen zu brechen. Wir wollen darüber aufklären, was sich hier seit der zweiten Intifada im Westjordanland und im Gazastreifen zwischen Palästinensern und Siedlern abspielt. Die Leute wissen doch gar nicht, was die Soldaten in den besetzen Gebieten überhaupt machen."

146 Zeugenaussagen in Form von Interviews mit israelischen Soldaten, die dabei anonym bleiben, sind in dem neu erschienenen Band zusammengestellt. Er trägt den Titel der Organisation. Im Vorwort schreiben die Herausgeber:

"Das Ziel dieses Buches ist es, die israelische Politik in den besetzten Gebieten darzustellen, eine Politik, die von den Behörden lieber verheimlicht wird. Somit sind die Soldaten, die an dieser Stelle zu Wort kommen, gleich in mehrfacher Hinsicht vertrauenswürdig: Sie sind nicht nur Zeugen dieser Politik und mit ihrer Durchsetzung betraut, sondern auch mit ihrer Verschleierung."

Die Aussagen sind in vier Kapitel aufgeteilt, die die verschiedenen Aspekte der israelischen Politik beschreiben. Es geht um die angebliche Vorbeugung vor Anschlägen, um die Trennung der Palästinenser von den Israelis, den Eingriff in das tägliche Leben und die "Durchsetzung von Recht und Ordnung" durch die Soldaten. Um einen tatsächlichen Einsatz gegen Terroristen, mit dem Israel die Einsätze rechtfertigt, geht es dabei wenig. Yehuda Shaul, orthodoxer Jude und einer der Gründer der Organisation, fasst zusammen:

"Die militärische Logik sagt: Wenn die Palästinenser das Gefühl haben, das Militär ist jederzeit überall, dann greifen sie nicht an. Also mache, dass sie deine Gegenwart spüren: Donner an ihre Tür mitten in der Nacht! Weck die Leute auf! Männer auf die eine Seite, Frauen auf die andere! Durchsuche das ganze Haus! Und dann ab ins nächste Haus! Mache viel Krach, schieße herum, schüchtere sie ein! 24 Stunden, sieben Tage die Woche - seit dem Jahr 2000 bis heute hat das nicht eine Sekunde aufgehört."

Die Soldaten in den besetzten Gebieten nehmen zwar Teil am Alltag der Palästinenser, machen diesen jedoch vielfach das Leben zur Hölle. Ein Soldat berichtet:

"Es gibt viele Vorfälle. Einfach allen möglichen Blödsinn, den wir gemacht haben. Wir haben dauernd Araber zusammengeschlagen, das war nichts Besonderes. Einfach zum Zeitvertreib."

Die Berichte sind eine Herausforderung: So wichtig das Buch ist, so wenig Freude macht seine Lektüre. Denn es geht nicht nur um die Willkür der Soldaten, sondern auch darum, wie wenig Kritik geschweige denn Widerstand Armee und israelische Bevölkerung am Umgang mit den Palästinensern zeigen. Wenn den Soldaten bewusst wird, was sie eigentlich tun, wirken sie oft hilflos. So etwa der Fallschirmspringer, der von "Breaking the Silence" interviewt wurde:

"Es klingt dämlich, aber man weiß nicht, was für üble Sachen man da macht. Erst später, vielleicht nach zwei Jahren, vielleicht wenn man Unteroffizier geworden ist, kommt man langsam zur Besinnung, wird erwachsen. Man beginnt zu verstehen, was man angestellt hat."

Die Soldaten kommen ungeschminkt und unredigiert zu Wort. Immer wieder brechen sie ihre Aussagen an den schlimmsten Stellen ab. Scham und Verdrängung werden deutlich. Das macht das Buch so authentisch. Und es ermöglicht den Lesern, besser zu verstehen, wie die Praxis der Willkür über Jahre aufrecht erhalten bleiben kann. Die Armeeangehörigen wissen, wie ungleich beispielsweise die jüdischen Siedler und die palästinensischen Einwohner Hebrons behandelt werden. So müssen Soldaten nach eigener Aussage Siedlerkinder beschützen, die mit Zustimmung ihrer Eltern gleichaltrigen Palästinensern mit Steinen die Köpfe einschlagen wollen. Ein Soldat, der in Hebron stationiert war, sagt im Buch:

"Das alles geschieht hier, im Staat Israel. Und niemand weiß davon. Und niemand will es wissen. Und niemand berichtet darüber. Die Leute ziehen es vor, nicht zu wissen und nicht zu verstehen, dass nicht weit von uns entfernt etwas Schreckliches geschieht. Es interessiert keinen."

Leider hat die Veröffentlichung der Aussagen der Soldaten im Jahr 2010 ebenso wie der Dokumentarfilm aus dem Jahr 2009 in Israel noch nicht zu einer Umkehr geführt, auch wenn die ehemaligen Soldaten der Organisation "Breaking the Silence" eine hohe Glaubwürdigkeit genießen und immer wieder auch im Fernsehen auftreten. Insbesondere die Siedler und die Regierung versuchen wiederum, die Organisation zum Schweigen zu bringen. Auch vor diesem Hintergrund ist es gut, dass eine Auswahl der insgesamt mittlerweile über 700 Aussagen, die "Breaking the Silence" gesammelt hat, nun auch auf Deutsch erschienen ist. Sie liefern eine Ergänzung zu den Inneneinsichten der Belagerung von palästinensischer Seite und helfen, den Konflikt besser zu verstehen.

Breaking the Silence (Hrsg.): "Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten". Econ, ISBN-13: 978-3430201476, 410 Seiten. Preis: 19,99 Euro

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