Campus & Karriere / Archiv /

 

"Wir kratzen ganz gut die schwarze Null"

Textilunternehmerin Sina Trinkwalder stellt schwer vermittelbare Mitarbeiter ein

Sina Trinkwalder im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Sina Trinkwalder,  geschäftsführende Gesellschafterin des Bekleidungsunternehmens manomama
Sina Trinkwalder, geschäftsführende Gesellschafterin des Bekleidungsunternehmens manomama (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Manomama ist ein Modelabel für Ökotextilien, das nicht nur in der Materialwahl, sondern auch in der Auswahl seiner Beschäftigten aus der Reihe tanzt. Inhaberin Sina Trinkwalder hat sich bewusst für Menschen entschieden, die bei der Arbeitsagentur als schwer vermittelbar gelten. Sie ist überzeugt: "Langfristig wird sich diese Art der Wirtschaft durchsetzen."

Ulrike Burgwinkel: Die großen Unternehmen haben gestern Zahlen veröffentlicht, die über ihr gesellschaftliches soziales Engagement Auskunft geben - große Zahlen. Bei uns in "Campus & Karriere" geht es jetzt im Vergleich um vielleicht eher kleine Zahlen und ein kleines, aber aufstrebendes Unternehmen in Augsburg. Sina Trinkwalder ist die Geschäftsführerin und Inhaberin von manomama, einem Ökotextil-Label. Guten Tag, Frau Trinkwalder!

Sina Trinkwalder: Hallo, guten Tag!

Burgwinkel: Frau Trinkwalder, die Zahl 80 ist hier von Bedeutung. Sie haben schwer vermittelbare Kunden der Arbeitsagentur eingestellt. Warum?

Trinkwalder: Weil ich einfach der Meinung bin, dass wir Menschen, die vielleicht nicht unbedingt das Zeug zu einem Doktortitel haben, oder Menschen, die nicht mehr in dem Alter sind, wie wir es für richtig achten, oder aber auch Menschen, die vielleicht nicht in dem Lebensumstand leben, die wir für toll erachten, sprich Alleinerziehende, über 50-jährige Migranten, gering Qualifizierte - wir müssen uns um diese ebenso kümmern. Und das ist der Grund, warum ich gesagt habe, ich mach das anders, ich stelle diese Leute ein.

Burgwinkel: Und wie sind Ihre Erfahrungen mit diesen Menschen, die als hoffnungslose Fälle mitunter ja sogar deklariert werden?

Trinkwalder: Also teilweise sehr, sehr anstrengend, aber am Ende lohnt es sich. Wir arbeiten gemeinsam und wir kämpfen gemeinsam, um dorthin zu kommen, dass wir den Menschen eine sinnvolle Aufgabe wieder geben, eine ordentliche Arbeit geben können. Wir leiten sie an und wir begleiten sie, damit sie bei uns einen tollen Platz in einem guten Team haben.

Burgwinkel: Aber Frau Trinkwalder, das muss sich ja auch irgendwie finanzieren. Sie müssen und wollen Gewinn machen und wirtschaftlich arbeiten.

Trinkwalder: Gewinn machen wir vom ersten Moment unseres Projektes, indem wir eben Menschen wieder in eine sinnvolle Arbeit bringen - monetären Gewinn: nicht. Aber das ist für mich auch momentan noch nicht so ausschlaggebend. Wir kratzen ganz gut die schwarze Null, was für mich hervorragend ist, und ich glaube auch, langfristig wird sich diese Art der Wirtschaft durchsetzen. Aber wir werden niemals Umsatzrenditen machen, wie sie heute in der Wirtschaft für normal erachtet werden. Wenn man beispielsweise hört von Headlines wie: "Apple enttäuscht die Anleger, nur 2,2 Milliarden Gewinn" - das ist einfach eine Wirtschaft, die ich nicht mehr verteidigen kann und vor allen Dingen gar nicht mehr unterstützen möchte.

Burgwinkel: Sie brauchen, wenn Sie Ökotextilien herstellen, eine Menge Maschinen. Jetzt habe ich gesehen, dass Sie Maschinenpaten auch im Unternehmen, ja, beschäftigen, oder was sind Maschinenpaten?

Trinkwalder: Das ist unsere letzte Möglichkeit, weiter unser Projekt zu verfolgen. Ich habe, wie gesagt, eineinhalb Jahre - wir haben ja sehr, sehr viele Preise und Auszeichnungen bekommen, bis hin zur Bundesregierung, und ich dachte ja eigentlich immer, Mensch, das ist jetzt genau der richtige Punkt, jetzt kann ich da mal in der Wirtschaftspolitik nachfragen, wie jedes andere Unternehmen auch, die ja Fördermittel bekommen und Subventionen, warum bekommen wir sie nicht. Hat nicht geklappt, und dadurch, dass wir einfach ein riesiges Potenzial haben - wir können noch viel, viel mehr Leute einstellen, wir haben ganz viele Aufträge zu nähen, wir wollen unsere eigenen Kleider jetzt endlich auf den Markt bringen - ich habe aber kein Geld mehr. Ich habe das gesamte Projekt privat finanziert, aber ich habe kein Geld mehr, um weitere Investitionen für Maschinen zu tätigen. Nachdem ich aber auch keine Bank bekomme, die uns finanziert, weil wir eben nicht diese Umsatzrenditen machen, die finanzierbar ... Also es ist ja so, Sie müssen Geld mit zur Bank bringen, um Geld zu bekommen. Das kann ich nicht mehr, hätte ich vor zwei Jahren machen können, dann wäre es wahrscheinlich kein Problem gewesen, aber ich wollte es immer aus eigenen Stücken schaffen. Jetzt sind wir einfach an dem Punkt, wo es nicht mehr geht, und deswegen haben wir gesagt, okay, als letzte Instanz fragen wir einfach Unterstützer, ob sie Lust haben, uns ein paar Euro zu schenken, damit wir neue Maschinen kaufen können, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Burgwinkel: Und das sind die Maschinenpaten?

Trinkwalder: Das sind die Maschinenpaten.

Burgwinkel: Da steht aber jetzt kein Schildchen drauf?

Trinkwalder: Wie?

Burgwinkel: Wie bei Stühlen im Theater.

Trinkwalder: Doch, wir werden schon so was in der Richtung machen, also wir haben ganz, ganz viele Maschinenpaten bereits. Wir haben schon 40.000 Euro erlösen können, was wirklich wunderbar ist. Wir sind auch komplett überwältigt von der Hilfe. Und wir machen schon eine Pinnwand mit den ganzen Maschinenpaten, damit unsere Mitarbeiter auch sehen können, wer denn hier großartig unterstützt hat. Und viele - das ist ganz, ganz interessant - besuchen uns auch und sagen, Mensch, ich möchte mir das mal anschauen: Ja, ist ja ein Wahnsinn, dass es so was in Deutschland noch gibt! Ja, wieder.

Burgwinkel: Sina Trinkwalder, Gründerin von manomama, über ihr ganz besonderes Geschäftsmodell.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Campus & Karriere

Fünf Jahre KIT in KarlsruheWo Forschung und Lehre eins werden

Das Logo des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) an einem Eingang der Einrichtung.

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wird fünf Jahre alt. Als deutschlandweit erste Verschmelzung von Forschungsinstitut und Universität wird die Einrichtung vor allem von Bildungspolitikern gelobt. Trotz des relativ guten Betreuungsverhältnisses zwischen Professoren und Studierenden gibt es noch einige Baustellen.

Interessenvertretung der Gymnasien "Endlich verständliche Schulstruktur schaffen"

Abitur-Klausuren werden in Stuttgart im Regierungspräsidium sortiert und für die Zweitkorrektur verteilt.

Eine Erklärung der Bundesdirektorenkonferenz (BDK) - die Interessenvertretung der Gymnasien in Deutschland - zeichnet ein düsteres Bild: Die Kultusministerkonferenz schafft es seit Jahrzehnten nicht, das Chaos im Bildungsföderalismus abzuschaffen. BDK-Chef Rainer Stein-Bastuck forderte im DLF ein bundesweites Zentralabitur, um Ungerechtigkeiten zu beenden.

"Afrika-Strategie"Deutschland will Bildungsexpansion unterstützen

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka möchte künftig afrikanische Universitäten stärker darin unterstützen, eigene Forschungsfelder aufzubauen. 76 Millionen Euro sollen im Rahmen dieser "Afrika-Strategie" in Forschungszentren vor Ort fließen. Doch gegen die überfüllten Hörsäle ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.