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StartseiteInterview"Wir müssen auch nicht jedes Krankenhaus durchfüttern"26.09.2008

"Wir müssen auch nicht jedes Krankenhaus durchfüttern"

Wirtschaftsforscher prognostiziert Schließung von etwa 200 Krankenhäusern bundesweit

Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung hält die Drei-Millarden-Euro Finanzspritze der Bundesregierung für das Krankenhauswesen für ausreichend. Die schwächsten zehn Prozent der Häuser würden dagegen nicht profitieren, eine Schließung damit nicht ausgeschlossen, so Augurzky.

Boris Augurzky im Gespräch mit Silvia Engels

Zehn prozent deutscher Kliniken hängen am letzten Finanztropf (AP)
Zehn prozent deutscher Kliniken hängen am letzten Finanztropf (AP)

Boris Augurzky: Grundsätzlich ja. Es ist in der Tat so, dass die Krankenhäuser schon seit 2008, auch 2009 dann eine größere Finanzierungslücke zu tragen haben. Dennoch würde ich nicht so weit gehen wie jetzt die Demonstrationen und sehr große Milliarden-Beträge fordern. Ich denke, man kommt auch mit weniger Milliarden aus, um die Krankenhäuser wieder fit zu machen.

Engels Nun sagen ja gerade die Demonstranten, schon die drei Milliarden, die nun der Bund zur Hilfe in Aussicht gestellt habe, würden nicht reichen. Zum einen würden 6,7 Milliarden fehlen und außerdem sei es eine Mogelpackung. Eigentlich wäre dort nur etwas mehr als eine Milliarde im Spiel. Das sind viele Zahlen. Wo sehen Sie denn den Finanzierungsbedarf?

Augurzky: Wir haben Anfang und Mitte des Jahres aufgrund der Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst, aber auch in anderen Krankenhausträgern, berechnet. Wir haben auch die Steigerungen der Sachkosten. Zum Beispiel Lebensmittel- und Energiekosten sind gestiegen. Das stimmt. Wir kommen auf eine Finanzierungslücke von rund zwei Milliarden Euro im Jahr 2008 und 2009. Dabei ist eine Milliarde schon berücksichtigt, die die Krankenhäuser ohnehin bekommen, so dass wir in der Summe auch davon ausgehen, dass der Bedarf, der Finanzbedarf von Krankenhäusern bei drei Milliarden Euro etwa liegt. Also deutlich geringer als die nun geforderten 6,7 Milliarden.

Engels Nun haben Sie in der von Ihnen angesprochenen Studie auch erwähnt, dass Sie mittelfristig von der Schließung von zehn Prozent der Kliniken ausgingen. Das wären rund 200 Kliniken bundesweit. Und Sie halten das auch für notwendig. Warum?

Augurzky: Das ist richtig. Wir haben ja die Situation in Deutschland, dass nicht jedes Krankenhaus jetzt kurz vor der Schließung steht oder insolvent würde, wenn es kein Geld mehr bekäme, sondern die Landschaft ist sehr heterogen. Wir haben Krankenhäuser, die immer noch ganz gut abschneiden. Das sind rund zwei Drittel aller Krankenhäuser. Und etwa ein Drittel hat echte Finanznot und die brauchen dann auch entsprechend mehr Geld. Wenn man jetzt die zwei oder auch drei Milliarden Euro an die Krankenhäuser verteilt, wird das dem schwächsten nicht helfen. Das sind rund zehn Prozent. Und da sagen wir, wir müssen auch nicht jedes Krankenhaus durchfüttern. Das kostet ja auch eine Menge. Wir sollten lieber die 90 Prozent der Krankenhäuser, die effizient mit den Ressourcen umgehen, weiter am Leben erhalten.

Engels Patienten müssen in Zukunft weitere Strecken in Kauf nehmen, um zu einem Krankenhaus zu kommen.

Augurzky: Das ist in manchen Regionen denkbar. Nehmen Sie mal Ballungsgebiete; da wird nichts passieren. Wenn ein Krankenhaus weniger existiert, ist es nicht problematisch. In manchen ländlichen Regionen kann das in der Tat passieren. Allerdings muss ich mir da auch als Patient die Frage stellen, bin ich vielleicht sogar bereit, eine größere Distanz in Kauf zu nehmen, wenn ich dann auch in ein Krankenhaus komme, das höhere Qualität bieten kann. Denn nicht jedes kleine Krankenhaus irgendwo auf dem Land hat tatsächlich die Möglichkeit, Spitzenqualität zu bieten bei einer so schwierigen wirtschaftlichen Lage.

Engels Kliniken bemängeln aber auch das Abrechnungssystem. Sie klagen, dass Patienten, die mit vielfachen Krankheitsbildern in die Klinik kommen würden und dort lange behandelt werden müssten, für die Kliniken nicht kostendeckend bei den Kassen abgerechnet werden könnten. Da würden sie im Einzelfall auf Kosten von bis zu 10.000 Euro sitzen bleiben. Stimmen diese Beispiele oder ist das Drohkulisse?

Augurzky: Es mag diese Beispiele sicherlich geben, aber gleichzeitig gibt es auch dann die Gegenbeispiele, dass es viele Abrechnungen gibt, die sehr kostendeckend sind, wo man sogar auch Gewinn macht. Im Durchschnitt ist dieses Kostensystem so gemacht, dass es auch die Kosten deckt. Natürlich wird man bei manchen Behandlungen dann zu wenig bekommen und bei anderen wieder zu viel, so dass es sich tatsächlich im Durchschnitt einigermaßen damit leben lässt. Deshalb finden sie immer Beispiele, wo es nicht reicht.

Engels Herr Augurzky, was halten Sie denn dann von der Idee, die teuersten ein Prozent der Patienten sollten gesondert abgerechnet werden, denn jetzt machen sich Patienten natürlich Sorgen, dass sie, wenn sie ein teuerer Patient werden, nicht mehr ausreichend behandelt werden.

Augurzky: Man weiß es nicht immer im Voraus, ob ein Patient dann in der Folge der Behandlung wirklich teuer wird oder nicht. Man kann über solche Ideen durchaus diskutieren. Das bedeutet allerdings, dass man dann die gesamte zur Verfügung stehende Geldmenge umverteilt, oder anders formuliert, dass das Preissystem, das wir heute haben, einfach feiner gestaltet wird. Darüber kann man in der Tat sprechen. Es wird auch jedes Jahr feiner. Wir haben im Jahr 2007 mit etwa 500, 600 pauschalisierten Fällen gestartet und sind mittlerweile bei fast 1.000 differenzierten Fällen und das entwickelt sich weiter. Das ist eigentlich kein Finanzierungsproblem, sondern das ist eher ein Problem, wie man das Preissystem gestaltet.

Engels Herr Augurzky, zum Schluss kurz die Frage. Zehn Prozent der Kliniken weniger und wir haben kein Finanzierungsproblem mehr bei den Kliniken?

Augurzky: Ich würde das so formulieren: zehn Prozent weniger wirtschaftlich schwache Kliniken, die uns ja mehr kosten als sie bringen. Wir zahlen mehr rein, aber sie sind offenbar nicht in der Lage wie die anderen, gute Qualität oder guten Output zu bringen. Wir schaffen es damit, dass wir die Ressourcen, die ja knapp sind, die der Beitragszahler aufwenden muss, besser einzusetzen und aus den restlichen 90 Prozent mehr rauszuholen. Da würde ich sagen, dass wir durchaus in ein paar Jahren das Finanzierungsproblem weg bekommen. Langfristig, ich würde mal sagen in zehn Jahren, wird natürlich auch die demographische Entwicklung wieder zuschlagen und wir uns wachsenden Kosten gegenüber sehen.

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