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StartseiteInterview"Wir müssen den Eltern vertrauen"22.10.2008

"Wir müssen den Eltern vertrauen"

Entwicklungspsychologe Neufeld über die Voraussetzung für Bildung

Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld hat Bindung und emotionale Stabilität als wichtigste Voraussetzungen für Bildung bezeichnet. Früher sei die Bindung zwischen Eltern und Kind unbewusst in der Kultur eingebettet gewesen, diese Weisheit sei allerdings verloren gegangen. Die Regierungen dächten zu stark in wirtschaftlichen Bezügen und schadeten damit der Entwicklung von Kindern.

Gordon Neufeld im Gespräch mit Jürgen Liminski

Eine Kinderhand in einer Erwachsenenhand (Stock.XCHNG / Denise Docherty)
Eine Kinderhand in einer Erwachsenenhand (Stock.XCHNG / Denise Docherty)

Liminski: Es ist eine Erfahrung, die jeder Mensch gemacht hat. Wohlwollen und Zutrauen von Seiten des Lehrers beflügelt das Lernen beim Schüler. Das motivierte Kind lernt leichter. Emotionen beeinflussen das Lernen. Die Hirn- und Bindungsforschung hat das mittlerweile ziemlich deutlich für die ersten Jahre herausgearbeitet. Emotionen sind die Architekten des Gehirns, sagt der Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher Stanley Greenspan zum Beispiel, und in der Wissenschaft ist es schon ein Axiom: Bindung geht der Bildung voraus.

Über die Voraussetzung der Bildung, nämlich emotionale Stabilität, haben wir vor der Sendung den weltweit bekannten Entwicklungspsychologen Gordon Neufeld aus Kanada befragt. Bei ihm war seine Dolmetscherin Dagmar Neubronner. Die erste Frage galt seiner weltweiten Seminartätigkeit zu Bindungs- und Erziehungsfragen auch in Deutschland. Ist die Not in diesem Bereich (Stichwort mangelnde Erziehungskompetenz oder verunsicherte Eltern) in Deutschland besonders groß?

Neufeld: Ich glaube nicht, dass der Bedarf in Deutschland besonders groß ist, sondern er ist überall auf der Welt sehr groß. Ich bin deswegen immer wieder in Deutschland, weil ich hier sehr besonders herzlich empfangen werde und ich auch sehr glücklich bin über den Erfolg, den mein Buch hier hat, und deswegen komme ich immer wieder gerne her.

Liminski: Sie werden weltweit nachgefragt und vor allem in Industrieländern. Was läuft denn in diesen Ländern schief in Sachen Bindung und Erziehung?

Neufeld: Die Bindung war früher unbewusst in die Kultur eingebettet und heute ist sie das nicht mehr. Das ist uns verloren gegangen. Wir haben auch die dazugehörige Weisheit verloren. Früher war es so, dass die Eltern natürlicherweise eine tiefe Bindung zu ihren Kindern hatten und die gesamte Gesellschaft sich auf die Kinder bezog. Auch das ist verloren gegangen.

Liminski: Ist denn in den Industrieländern - Sie sprechen von Asien - etwas besonders schief gegangen? Sprechen wir ruhig von Europa.

Neufeld: Ich glaube nicht, dass es da einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Asien und den europäischen Ländern gibt, sondern ich glaube, es ist ein weltweites Problem aller industrialisierten Länder. China und Japan machen diesbezüglich sehr große Veränderungen durch, besonders China, und in Bezug auf Bindung fehlt dort vollkommen jedes Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist.

Liminski: Was sollten, Herr Professor Neufeld, die maßgebenden Leute in diesen Ländern (also ich rede jetzt von Europa) tun, um die Eltern zu entlasten oder die Elternkompetenz zu erhöhen? Sie sagen, dass das Bewusstsein für Bindung verloren gegangen ist. Was kann man da tun? Aus einer jüngeren Studie mit dem Titel "Eltern unter Druck" geht hervor, dass ein Drittel der Eltern in Deutschland etwa mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert ist, und eine Ursache für den Druck, der auf den Eltern laste, seien die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familien. Reicht es, da anzusetzen, oder ist der wirtschaftliche Ansatz nur ein Entlastungsansatz, keine wirkliche Hilfe bei der Erziehung selbst?

Neufeld: Der Geldfaktor ist nur ein einziger Faktor. Geld ohne Bewusstsein nutzt überhaupt nichts. Und was uns ganz dringend klar werden muss ist, wie wichtig Familie ist. Das ist der entscheidende Faktor. Die Beziehung des Kindes zu den Eltern muss unterstützt werden. Ohne dies ist alles Geld der Welt nutzlos, um etwas zu erreichen.

Liminski: Hier in Deutschland gibt es eine merkwürdig verzerrte Diskussion über "Homeschooling". In Amerika ist das offenbar kein Thema. Sind Eltern, die ihre Kinder selber lehren, schlechtere Eltern als die staatlichen Lehrer, oder ist das auch eine Frage des Bewusstseins?

Neufeld: Es gibt da eine falsche Vorstellung über das Wesen von Lehre und Lernen. Die Kraft des Lehrenden liegt nicht in seiner Ausbildung, sondern die Kraft liegt immer in der Beziehung des Kindes zu demjenigen, von dem es lernen soll. Wenn die Bindungen des Kindes an die Eltern stark sind, dann werden die Eltern automatisch zum wirksamsten und größten und wichtigsten Lehrer des Kindes in seinem Leben. Nordamerikanische Studien haben gezeigt, dass die Kinder, die von ihren Eltern unterrichtet worden sind, im Eingangstest der Universität besser abschneiden und sogar von den Eliteuniversitäten inzwischen bevorzugt werden. Also die Beziehung des Kindes zu denjenigen, die verantwortlich sind, die Bindung, macht die eventuelle Inkompetenz der Eltern, was Wissen angeht, im Ergebnis mehr als wett.

Liminski: Wir haben hier in Deutschland auch eine Diskussion über Disziplin. Wenn ich Sie recht verstehe, dann spielen Emotionen beim Lernen und Lehren eine größere Rolle als bisher gedacht, jedenfalls eine größere als Disziplin.

Neufeld: Das ist absolut der Fall. Emotionen sind sehr entscheidend und das limbische System im Gehirn ist der Ort, wo das geregelt wird, und Emotionen sind grundlegend notwendig, um zu lernen. Wir haben bisher einen sehr großen Schwerpunkt darauf gelegt, dass Ursache und Konsequenzen und Strafen entscheidend sind, weil wir glaubten, es sei die Hirnrinde, die fürs Lernen entscheidend ist. Aber wir stellen jetzt fest, dass die Konsequenzen überhaupt nicht die Wirkung haben, sondern die Emotionen, die die Konsequenzen beim Kind bewirken. Wenn das Kind empfindet, oh, das klappt nicht und das ist vergeblich, da geht etwas nicht, und es wird davon bewegt, dann lernt es etwas aus den Konsequenzen und nur dann.

Liminski: Sie sind Bindungsforscher und Entwicklungspsychologe. Aus diesen Bereichen sprudeln in den letzten Jahren immer neue Ergebnisse. Setzt die Politik diese wissenschaftlichen Ergebnisse Ihrer Meinung nach richtig um? Nimmt sie sie in ihrer Tragweite überhaupt zur Kenntnis?

Neufeld: Da gibt es offenbar eine große Blindheit von Regierungen und Verantwortungsträgern und es ist sehr frustrierend, dass diese ganzen Forschungsergebnisse überhaupt nicht zur Kenntnis genommen werden. Regierungen sind interessiert an kurzfristigen Lösungen und an der Wiederwahl und nicht an den langfristigen Lösungen, die erforderlich sind, um heute in unserer Gesellschaft wirklich gesunde Kinder aufziehen zu können.

Die Weisheit der Erziehung lag immer in der Kultur und nicht bei den Regierungen und wenn die Regierungen zu viel Macht bekommen und wenn die Regierungen stärker in wirtschaftlichen Bezügen denken als die Kultur, dann schadet das dem Gesamtzusammenhang.

Und was die Bindungsforschung tut ist nicht, dass sie etwas ganz Neues erzählt, sondern dass sie etwas in Worte fasst, was jeder von uns eigentlich intuitiv schon weiß. Das ist die Leistung, die die Bindungswissenschaft heute erbringt, weil die Kultur die Weisheit, diesen intuitiven Zugang verloren hat.

Liminski: Würden Sie sagen, die Politik sollte den Eltern mehr vertrauen?

Neufeld: Absolut! Wenn die Regierung den Eltern nicht vertraut, dann wird alles unterminiert und ausgehöhlt. Die Eltern sind von der Natur mit der Aufgabe betraut worden, die Kinder groß zu ziehen, und sie sind das Herz der erweiterten Großfamilienbezüge und wir müssen den Eltern vertrauen, damit überhaupt die Kultur gelingen kann.

Liminski: Den Eltern mehr vertrauen. Das war Professor Gordon Neufeld, Bindungsforscher aus Kanada. Direkt übersetzt hat Dagmar Neubronner. Besten Dank für das Gespräch, Herr Neufeld.

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