• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 17:00 Uhr Nachrichten
StartseiteInterview"Wir müssen ja die Zukunft gewinnen"27.01.2010

"Wir müssen ja die Zukunft gewinnen"

Jüdischer Publizist ermuntert zu Israel-Kritik

Vor 65 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Der Bundestag hat das mit einer Feierstunde gewürdigt und auch Israels Staatspräsidenten Shimon Peres eingeladen. Der Publizist Rolf Verleger fordert, dass Peres auch an einem Tag wie heute mit Israels Verhalten im Nahostkonflikt konfrontiert werden sollte.

Rolf Verleger im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Shimon Peres, hier mit  Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat als dritter Präsident Israels vor dem Bundestag gesprochen. (AP)
Shimon Peres, hier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, hat als dritter Präsident Israels vor dem Bundestag gesprochen. (AP)

Tobias Armbrüster: Darüber wollen wir mit Rolf Verleger sprechen. Er war Mitglied im Zentralrat der Juden, außerdem ist er bekannt geworden als Psychologe und Buchautor. Schönen guten Tag, Herr Verleger.

Rolf Verleger: Guten Tag!

Armbrüster: Können wir dem Gedenken an den Holocaust heute, 65 Jahre nach Auschwitz, eigentlich noch irgendetwas hinzufügen?

Verleger: Zuerst mal muss ich sagen, dass ich es gut finde, dass es diesen Tag gibt. Mein Vater war ja in Auschwitz, hatte die Auschwitz-Nummer am Arm eintätowiert. Seine Frau und seine drei Söhne sind in Auschwitz umgebracht worden und nach dem Krieg hat er dann zum zweiten Mal geheiratet, eben meine Mutter, die elternlos aus der Deportation zurückgekommen war, und sie haben in Deutschland neue jüdische Kinder in die Welt gesetzt. Aber von daher ist es mir natürlich wichtig, dass es diesen Tag gibt.

Armbrüster: Wie soll man denn damit weitermachen? Können wir mit so einer hochkarätigen Rede im Bundestag auch noch eine junge Generation gewinnen, an diesen Tag zu denken?

Verleger: Ich denke, man kann die junge Generation nur gewinnen, wenn man die richtigen Schlussfolgerungen aus dem allen zieht und wenn man ehrlich ist. Die Frage stellt sich in meinen Augen so: was lernen wir aus Auschwitz? Sind wir überall gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgrund dieser Lehre, oder sind wir speziell oder besonders gegen Verbrechen gegen die Juden? Abraham Burg, ehemaliger Vorsitzender der Knesset, des israelischen Parlaments, hat zu dieser Frage ein sehr schönes Buch geschrieben – das gibt es auch auf Deutsch -, "Hitler besiegen". Er ist ja ein Weggefährte von Peres, wenn man so will, indem er klar sagt, dass das in die Unehrlichkeit führt, wenn das so eingegrenzt wird, dass es vor allem um Antisemitismus heute ginge, denn zugespitzt ist ja dann die Frage, was sagen wir denn, wenn Israel, der jüdische Staat, wenn der selbst Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht. Dann kommen wir nämlich mit den beiden Sachen in Widerspruch, und genau das ist ja passiert. Das war die Gaza-Attacke vor einem Jahr, es gibt den Goldstone-Report der UNO über Menschenrechtsverletzungen Israels, und Peres selbst, der heute im Bundestag wahrscheinlich die richtigen Worte gefunden hat, sagt zu diesem Goldstone-Report, das sei ein Skandal, Goldstone sei ein unbedeutender Mann, einseitige Botschaft. Also er leugnet die allgemeine Lehre, die man eigentlich daraus ziehen muss.

Armbrüster: Herr Verleger, sollten wir an solche Vorfälle, an solche Taten und Kriege gedenken an diesem Holocaust-Gedenktag?

Verleger: Unbedingt! – Unbedingt! – Die Frage ist natürlich, mit welcher Einstellung. Wir müssen ja die Zukunft gewinnen. Wir dürfen uns ja nicht in Krokodilstränen und Trauer über eine Vergangenheit hüllen, die wir selber heute, die Nachgeborenen, ja nicht zu verantworten haben. Aber dass man daran erinnern sollte, das ist man den Verbrechensopfern von damals schuldig und auch dem Allgemeinen, dem Gedanken einer besseren Welt.

Armbrüster: Nun kann ich mir vorstellen, dass es sehr viele Juden gibt, die sagen, bitte nicht an diesem Tag Kritik an Israel.

Verleger: Ja, das ist ein Konflikt. Israel war, Palästina damals war bitter überlebensnotwendig für die verfolgten Juden. Die wollte ja sonst keiner haben, die saßen ja in der Falle, meine Eltern- und Großelterngeneration. Auswanderung aus Deutschland war nur schwer möglich, aber es hat sie ja keiner aufgenommen. Die USA haben sich geweigert, Juden in größerem Maße aufzunehmen, nach dem Motto, wir hatten ja gerade Wirtschaftskrise, könnte ja jeder kommen. Großbritannien genauso. Die anderen Länder waren von Hitler besetzt. Sie saßen ja wie die Maus in der Falle und es gab ja nur ganz wenige Plätze, unter anderem Palästina, wo man hin konnte. Keine Frage, dass der Zionismus eine gute Idee war und überlebensnotwendig. Aber der Konflikt ist ja nun, dass durch die Besiedlung Palästinas die dort ansässige Bevölkerung in ihren Rechten verletzt wurde und wird, vertrieben wird, diskriminiert wird, und diesem Konflikt muss man sich stellen. Und wenn man jetzt sagt aufgrund von Auschwitz, wir dürfen aber nur in Deutschland zu den Juden halten, weil wir so schrecklich zu denen waren, dann verleugnet man eben die Hälfte der Realität.

Armbrüster: Ganz kurz, Herr Verleger. Sie meinen also, auch die Bundeskanzlerin sollte auch bei so einem Besuch von Israels Präsidenten am Holocaust-Gedenktag ihn, den Präsidenten, auf diese Vorfälle, auf den Nahost-Konflikt ansprechen und von Israel eine Lösung verlangen?

Verleger: Ich wäre der Bundeskanzlerin schon sehr dankbar, wenn sie sich in Europa nicht dermaßen sperren würde gegen das Verlangen, dass Israel sich genauso wie die Türkei oder Serbien oder andere Beitrittskandidaten an Menschenrecht und Völkerrecht halten soll und da keine Sonderrolle kriegt.

Armbrüster: Herr Verleger, wir müssen hier leider Schluss machen. Vielen Dank für dieses Gespräch. Das war Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied im Zentralrat der Juden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk