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Wir müssen uns für Einwanderer noch mehr aufhübschen

Sinkende Geburtenrate in Deutschland

Von Sandra Pfister, freie Journalistin

Geburtenraten sinken, Sterberaten steigen - Deutschland und die Einwanderungsgesellschaft.
Geburtenraten sinken, Sterberaten steigen - Deutschland und die Einwanderungsgesellschaft. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

663.000 Kinder kamen im vergangenen Jahr auf die Welt - so wenige wie nie zuvor in Deutschland, es ist wirklich ein historischer Tiefstand. Hinzu kommt: Schon lange sterben in Deutschland mehr Menschen, als geboren werden. Der Abstand hat sich diesmal erneut vergrößert.

Um die Sterbefälle aufzuwiegen, müssten 190 Tausend Kinder mehr geboren werden. Das ist die schlechte Nachricht. Social Engineering, früher nannte man es Bevölkerungspolitik, funktioniert bestenfalls nur eingeschränkt. Selbst das Elterngeld scheint den Deutschen nicht die Lust auf Kinder zu verstärken. Aber halt: An der Bevölkerungsstatistik lässt sich nicht schrauben wie an einer Maschine. Wer will schon wissen, wie viel weniger Kinder geboren worden wären, wenn das Elterngeld nicht eingeführt worden wäre? Die Forschung macht klar, dass bevölkerungspolitische Maßnahmen oft nur langsam und manchmal gar nicht greifen. Und vor allem braucht aktive Familienpolitik Kontinuität und Sicherheit - von der Planbarkeit in Sachen Betreuungsplatz aber sind wir immer noch Lichtjahre entfernt. Das Wichtigste aber ist: Eine bereits geschrumpfte Generation kann nicht kompensieren, dass bereits ihre Eltern weniger Kinder auf die Welt gebracht haben. 1991 gab es noch 19,3 Millionen potenzielle Mütter, vor zwei Jahren waren es nur noch 18,5, Tendenz: sinkend. Soweit also die schlechte Nachricht.

Doch jetzt kommt der gute Teil: Seit dem vergangenen Mittwoch ist klar, dass Deutschland trotzdem zum ersten Mal seit neun Jahren nicht schrumpft. Wir sind jetzt ein Volk von 81,8 Millionen Menschen. Die Zahl der Einwohner ist also gestiegen, um ganze 92 Tausend. Das sind läppische 0,1 Prozent, werden die Kritiker sofort einwenden. Jawohl, aber sie könnten der Auftakt einer Trendumkehr sein. Denn die Deutschen, sie sterben keineswegs aus. Oder letztlich nur in den Köpfen derer, die ein rassisch geprägtes Bild von der Welt haben. Wenn wir uns zu einer Gesellschaft entwickeln, die sich für Einwanderer attraktiv macht, dann können wir die niedrige Geburtenrate kompensieren. In diesem Jahr hat das erstmals funktioniert. Viele Osteuropäer haben ihren Aufenthalt hier legalisiert, viele sind dazu gekommen, vermehrt kommen aber auch Südeuropäer. Und das, obwohl die Migration nach Aussicht von Fachleuten noch wenig von der Eurokrise geprägt ist. Deutschlands Wirtschaft überstrahlt in Europa alles, noch, sie übt eine magnetische Anziehung auf Arbeitskräfte aus. Deutschland ist aber auch attraktiv geworden, weil es durchlässiger geworden ist. Und zwar längst nicht mehr nur für die, die dem deutschen Sozialstaat auf der Tasche liegen, wie das Einwanderungsgegner ja gerne als Totschlagargument gebrauchen. Im Gegenteil:

So mancher Asylsuchende schafft es längst nicht mehr bis nach Deutschland, obwohl er unseren Beistand verdient hätte. Sozial ist das ungerecht. Aber gezielte Einwanderung steht auf einem ganz anderen Blatt: Wer nicht mehr verschämt von Zuwanderung spricht, sondern sich offensiv zum Einwandererland deklariert, der darf auch um die Fachkräfte werben, die er gerne hätte. Das hat die deutsche Politik in den vergangenen Jahren zunehmend mutiger getan. Sie erkennt ausländische Abschlüsse leichter an, zumindest mit weniger Bürokratie, und hat manche Hürde abgebaut - denn die deutsche Sprache ist oft schon Hemmschwelle genug. Und sie versucht, die Zuwanderung in die Engpassbereiche hinein zu steuern. Und das scheint zu funktionieren: Einwanderer kommen heute überwiegend aus Europa - und sie sind oft exzellent qualifiziert. Und - man höre und staune - die Migranten der vergangenen zehn Jahre haben deutlich häufiger Abitur und Hochschulabschlüsse als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, sagt das Institut der deutschen Wirtschaft in einer Studie, die erst drei Wochen alt ist. Aber machen wir uns nichts vor:

Wir müssen uns für Einwanderer noch mehr aufhübschen. Deutschland hat ein bisschen spät verstanden, dass es nicht die umworbene Braut ist, sondern der Brautwerber. Auf Dauer führt kein Weg an den Computerindern, den chinesischen Ingenieuren und den japanischen Ärzten vorbei, die keineswegs an unseren Grenzen Schlange stehen. Die Fachkräftestrategie der Bundesregierung ist in dieser Hinsicht viel zu zaghaft. Die Renten von morgen hängen entscheidend von den Beitragszahlern ab, die Deutschland freiwillig zu ihrem Wohnsitz machen. Der Alte Fritz holte die Hugenotten, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard die Gastarbeiter, heute wirbelt die Globalisierung die Bevölkerungen durcheinander. Da hilft kein Bangemachen: Bei der Geburtenförderung muss der eingeschlagene Weg genauso fortgesetzt werden wie in der Einwanderungspolitik. Nur beides zusammen hilft uns Deutschen wirklich weiter.

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