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StartseiteInterview"Wir nehmen wahr, dass der Unmut unter Pendlern besonders hoch ist"23.10.2007

"Wir nehmen wahr, dass der Unmut unter Pendlern besonders hoch ist"

GDL-Vize fordert Eingreifen des Bundes im Bahn-Tarifstreit

Der stellvertretende Vorsitzende der Lokführer-Gewerkschaft GDL, Claus Wesselsky, hat ein Eingreifen des Bundes im Tarifkonflikt mit der Bahn verlangt. Als Eigentümer müsse dieser Verantwortung wahrnehmen, sagte Wesselsky. Wenn die Gerichte es zuließen, würde statt des Nahverkehrs der Güterverkehr bestreikt, um die Pendler nicht weiter zu belasten.

Moderation: Friedbert Meurer

Ein Zugführer fährt nahe Dresden eine Elektrolok einer Regionalbahn der Deutschen Bahn. (AP)
Ein Zugführer fährt nahe Dresden eine Elektrolok einer Regionalbahn der Deutschen Bahn. (AP)

Friedbert Meurer: Wer in diesen Wochen morgens zur Arbeit will und dabei auf den Zug angewiesen ist, der muss nicht nur auf den Fahrplan schauen, sondern auch die Nachrichten verfolgen. Streiken die Lokführer heute oder streiken sie nicht? Antwort: Heute und morgen streiken sie nicht. Aber ab Donnerstag soll es wieder soweit sein. Zwischen 2 Uhr morgens und Freitagmorgen 8 Uhr durchgehend soll der Nahverkehr bestreikt werden. Das bedeutet zweimal ein Pendler morgen mit Problemen zur Arbeit zu kommen. Aber die Gewerkschaft hat diesmal immerhin sehr frühzeitig ihre Pläne bekannt gegeben. Die Bahn und die Pendler können sich einstellen. Am Telefon begrüße ich Claus Weselsky. Er ist der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer. Guten Morgen, Herr Weselsky!

Claus Weselsky: Schönen guten Morgen!

Meurer: Was hat Sie denn etwas milder gestimmt diese Woche?

Weselsky: Wir wissen, dass wir derzeit nur im Nahverkehr streiken dürfen und immer wieder die Nahverkehrskunden mit den Arbeitskämpfen beeinträchtigen. Deswegen haben wir die Taktik geändert und haben die für Dienstag und Mittwoch, also für heute und morgen, angekündigten Streiks abgesagt am gestrigen Nachmittag und längerfristige angekündigt, dass wir Donnerstag bis Freitag streiken.

Meurer: Nehmen Sie wahr, dass die Kunden, die Pendler, langsam sauer auf Sie werden?

Weselsky: Wir nehmen wahr, dass der Unmut unter den Pendlern immer zum Zeitpunkt der Arbeitskämpfe natürlich besonders hoch ist. Dass wenn wir die Hintergründe erläutern und darstellen, warum wir streiken, trotz alledem großes Verständnis dafür vorhanden ist.

Meurer: Jetzt streiken Sie doch zweimal hintereinander, Donnerstag und Freitag morgens im Berufsverkehr. Wie glauben Sie, werden die Kunden und Pendler das aufnehmen?

Weselsky: Wir hoffen, dass die Kunden damit recht gut umgehen können, dadurch dass diese zeitig informiert worden sind. Wir haben bis Freitagfrüh, 8.00 Uhr, gewählt. Nicht mehr Freitagnachmittag, weil wir die Wochenendpendler nicht beeinträchtigen wollten. Und wir haben absichtlich den Nahverkehr so rechtzeitig informiert, dass der überwiegende Teil versuchen kann, über andere Verkehrsmittel auszuweichen.

Meurer: Keine Unterstützung kriegen Sie von der Politik. Auch der SPD-Vorsitzende kritisiert Sie, sagt, diese Forderung ist nicht gut für den Betriebsfrieden. Sind Sie enttäuscht von der Politik?

Weselsky: Nun gut, da würde ich mich etwas bedeckt halten. Die Politik ist, Gott sei Dank, nicht nur Herr Beck. Es gibt immer mal wieder Äußerungen Einzelner, die sind durchaus nachvollziehbar. Deswegen muss man sie nicht akzeptieren. Wir sind insgesamt davon überzeugt, dass der Eigentümer, und da meinen wir nicht die Politik, sondern den Bund, der Eigentümer hier seine Verantwortung hier wahrzunehmen hat und mit dem Vorstand zu versuchen hat, eine Lösung des Tarifskonflikts herbeizuführen.

Meurer: Das scheint er aber nicht tun zu wollen?

Weselsky: Wir können nicht mehr, als ihn dazu auffordern, seine Verantwortung als Eigentümer wahrzunehmen. Wenn er das nicht tut, dann werden wir den Tarifkonflikt eben so austragen, wie wir gezwungen sind, nämlich mittels Arbeitskampf.

Meurer: Die Bahn bietet Ihnen nach eigenen Worten zehn Prozent mehr Lohn, Herr Weselsky, 2000 Euro Einmalzahlung und, sie sagt, einen eigenen Tarifvertrag. Da würden andere jetzt einen Luftsprung machen.

Weselsky: Ja, wenn es denn so wäre, dann würden wir einen Luftsprung machen und wären wahrscheinlich schon lange am Verhandlungstisch. Aber eine Mogelpackung, die man gut verpackt hat, bleibt trotzdem eine Mogelpackung. 2000 Euro sind 600 Euro und 1400 Euro für Mehrleistungen, die bereits erbracht worden ist. Das ist keine Einkommenserhöhung oder kein Mehr, sondern nichts als das, was schon noch geleistet worden ist zu bezahlen. Und zehn Prozent sind auch nur 4,5 Prozent. Die anderen 5,5 Prozent kommen aus zwei Stunden pro Woche Mehrarbeit. Und an der Stelle können wir auch nicht von einer Einkommenserhöhung sprechen, sondern wir müssen ganz klar davon ausgehen, das, was die Leute zu leisten haben, bekommen sie dann bezahlt. Nur die Belastung ist schon so hoch, dass wir von 41 auf 40 Stunden zurückwollen und nicht von 41 auf 43 Stunden hoch.

Meurer: Die Bahn wirf Ihnen vor, die Belegschaft in Mitarbeiter erster und zweiter Klasse einzuteilen. Vertreten Sie die Mitarbeiter erster Klasse?

Weselsky: Wir vertreten die Mitarbeiter des Fahrpersonals, die besonderen Arbeitsbedingungen unterliegen. Und diese besonderen Arbeitsbedingungen mit entsprechender Verantwortung und der dazugehörigen Wechselschicht, die sollen nach unserer Einschätzung auch für sie spezielle Arbeits- und Einkommensbedingungen haben. Und die anderen Mitarbeiter, denen offensichtlich ihre Gewerkschaft ausreichend Einkommen zugebracht hat, vertreten wir eben nicht.

Meurer: Ihr Vorsitzender Manfred Schell, Herr Weselsky, ist vor ein, zwei Tagen zu seiner Kur aufgebrochen. Wie sehr ist er in die Entscheidung gestern einbezogen worden?

Weselsky: Herr Schell steht in engem Kontakt mit uns und wird in die Entscheidung immer miteinbezogen. Es gibt an der Stelle keine einsamen Entscheidungen eines Vize oder eines Vorsitzenden, sondern wir entscheiden immer gemeinsam im geschäftsführenden Vorstand.

Meurer: Ist das immer so gewesen?

Weselsky: Das ist die ganze Zeit so gewesen, auch wenn es anders kolportiert wurde, und die Bahn sich offensichtlich die sogenannte "Führungskrise" in der GDL wünscht.

Meurer: Manfred Schell wird in der Zeitung "NRZ" zitiert, ich lese einmal vor: "Wenn wir streiken, dann sollen Berufspendler und Schüler in den Stoßzeiten morgens und nachmittags nach Möglichkeit nicht betroffen sein." Jetzt haben Sie aber was anderes beschlossen. Wie passt das zusammen?

Weselsky: Da muss man davon ausgehen. Auch ich habe am vergangenen Wochenende in den Medien kundgetan, dass wir versuchen werden, den Nahverkehrskunden nicht mehr so stark zu beeinträchtigen. Aber die Aussagen stehen im engen Zusammenhang mit der bevorstehenden Entscheidung des Landesarbeitsgerichtes in Sachsen. Und wir haben hier an der Stelle kundgetan, wenn wir das Recht zum Streik im Güterverkehr und im Fernverkehr bekommen, dann werden wir als Allerererstes im Güterverkehr die nächsten Aktionen machen und den Nahverkehr ein Stück weit entlasten, weil wir im Moment ausschließlich im Nahverkehr streiken.

Meurer: Es gibt viel Diskussionsstoff über die Kur Ihres Vorsitzenden. Wie begründen Sie es, dass er ausgerechnet jetzt in dieser heißen Phase in die Kur geht?

Weselsky: Auch das ist ziemlich einfach zu begründen. Er hat bereits zweimal den Termin verschieben müssen, weil wir zu dem Zeitpunkt noch nicht im Tarifkonflikt dort waren, wo wir sein wollten. Und bei der dritten Terminverschiebung ist dann schlicht und ergreifend herausgekommen, dass es sich nicht mehr verschieben ließ, die Kur auf der Kippe stand. Da haben wir gemeinsam im geschäftsführenden Vorstand entschieden, dass er diese Kur antreten soll, weil wir auch ganz offen und ehrlich feststellen müssen, dass dieser Tarifkonflikt natürlich ziemlich an der Substanz zerrt, und im Endeffekt auch noch nicht durch sein werden, wenn Herr Schell aus der Kur wieder zurückkommt.

Meurer: Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer, Claus Weselsky, bei uns im Deutschlandfunk heute Morgen. Herr Weselsky, besten Dank und Wiederhören.

Weselsky: Wir bedanken uns. Wiederhören, Herr Meurer!

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