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StartseiteInterview"Wir reiten auf einer Rasierklinge"14.03.2011

"Wir reiten auf einer Rasierklinge"

Strahlenschutz-Gesellschaft hält Atomrisiken in Deutschland für zu groß

Wenn die Regierung es ernst meine, dann müsste sie die Atomkraftwerke stilllegen, bis alle erforderlichen Nachrüstungen getätigt seien, meint Physiker Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Man kläre die aber Bevölkerung bewusst nicht über die Risiken auf.

Sebastian Pflugbeil im Gespräch mit Gerwald Herter

Ein großes Pult mit Schaltern und Anzeigeinstrumenten im Leitstand des Atomkraftwerks Biblis in Südhessen. (picture alliance / dpa)
Ein großes Pult mit Schaltern und Anzeigeinstrumenten im Leitstand des Atomkraftwerks Biblis in Südhessen. (picture alliance / dpa)

Gerwald Herter: Er ist Physiker wie die Bundeskanzlerin, kommt aber trotzdem zu anderen Schlüssen als Angela Merkel. Sebastian Pflugbeil ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, er gehörte der letzten DDR-Regierung als Minister ohne Geschäftsbereich an und sammelte Material über die Kernkraftwerke der DDR. Zuvor war er Bürgerrechtler, durfte nicht promovieren. Ich bin jetzt mit ihm verbunden. Guten Morgen, Herr Pflugbeil.

Sebastian Pflugbeil: Guten Morgen.

Herter: Herr Pflugbeil, unterschätzen wir das, was da nun in japanischen Atomkraftwerken geschieht?

Pflugbeil: Also die Informationen sind schwer zu dosieren, richtig zu dosieren. Stellen Sie sich doch mal vor, in Deutschland wäre zum Beispiel bei Krümmel und Brunsbüttel die obere Hälfte des Reaktorgebäudes weggeflogen durch eine Wasserstoff-Explosion und es gebe in drei Kernkraftwerken, drei deutschen Kernkraftwerken Kernschmelz-Vorgänge, wie wir darüber reden würden.

Herter: Das würden wir uns lieber nicht vorstellen, Herr Pflugbeil.

Pflugbeil: Na ja. Wir reden über Japan, das ist weit weg, ist weit weg und wir wissen, dass dort Tsunami war und Erdbeben, und beides kann ja bei uns nicht passieren, also ist eigentlich bei uns alles in trockenen Tüchern. Aber das täuscht.

Herter: Sie vergleichen das, was in Japan geschieht, mit Tschernobyl in der Ukraine. Unser Japan-Korrespondent hat gerade gesagt, dass man diesen Vergleich nicht ziehen sollte, weil es da keine radioaktive Wolke gibt, aus der sozusagen Radioaktivität herausregnen könnte. Ist das richtig?

Pflugbeil: Na ja, im Moment, aber wir reiten auf einer Rasierklinge und ob die Versuche, die die Japaner jetzt machen, auf eine sehr unkonventionelle Weise, die in keinem Handbuch stehen, mit Meerwasser von außen diese sehr heißen Reaktorgefäße zu kühlen, ob das den gewünschten Effekt hat, das ist noch völlig offen. Wenn Sie sich vorstellen, dass es darin wirklich verdammt heiß ist und man außen jetzt mit kaltem Wasser herangeht, das löst ja enorme Spannungen in diesen Gefäßen aus und könnte genauso gut dazu führen, dass die Gefäße noch schneller krachen als sowieso schon. Also das ist noch nicht vom Tisch und das kann durchaus noch passieren, und dann gibt es eine andere Größenordnung. Und wenn man dann einen Vergleich anstellt zwischen Tschernobyl und diesen Reaktoren, dann muss man leider sagen, dass Tschernobyl günstig verlaufen ist für die Leute in der direkten Umgebung, weil die Radioaktivität durch die Hitzeentwicklung in Tschernobyl so hoch empor getragen wurde, 10, 15 Kilometer, und sich dann über die ganze Nordhalbkugel verteilt hat.

Das wird bei diesen japanischen Reaktoren nicht passieren, das wird im Bereich von wenigen 100 Kilometern runterkommen, aber da dann kräftig die Japaner treffen, also viel stärker als die russische Bevölkerung in der Tschernobyl-Region. Aber das ist noch nicht passiert, glücklicherweise noch nicht passiert, und man kann hoffen, dass das mit einem blauen Auge davongeht. Bloß die Maschine ist noch nicht im Stillstand.

Herter: Sie sagen, das steht in keinem Lehrbuch, was die Japaner da machen. Ist das trotzdem richtig, was sie machen?

Pflugbeil: Das wird man hinterher sagen können. Also es ist einfach ein verzweifelter Versuch, etwas zu machen, irgendetwas zu machen. Die Handlungsweisen nach Vorschrift und die technischen Möglichkeiten, ein Kernkraftwerk geordnet irgendwie zu Ende zu bringen, die sind alle erschöpft und fehlgeschlagen. Das ist jetzt hier ein Husarenstück. Wenn sie sehr viel Glück haben, kann das dazu führen, dass das eben jetzt langsam nachlässt, die Problematik, aber so weit sind wir noch nicht, das können wir noch nicht sagen. Das kann noch ganz böse werden.

Herter: 8:21 Uhr, Sie hören den Deutschlandfunk, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Sebastian Pflugbeil, über die Probleme in japanischen Atomkraftwerken. Und kommen wir nach Deutschland, Herr Pflugbeil. Es gibt verschiedene Initiativen, deutsche und europäische Atomkraftwerke zu überprüfen. Halten Sie das jetzt für richtig?

Pflugbeil: Eigentlich ist das überflüssig. Wir wissen genug über die Dinger. Mit dem Ausstiegsbeschluss aus der Kernenergie sind erhebliche Marscherleichterungen für die Kernkraftwerke verbunden gewesen, dass man eben nicht so genau hinguckt und das schlumpern lässt. Und mit der Verlängerung der Laufzeit sind wieder Marscherleichterungen verbunden gewesen, sodass seit vielen Jahren ein Überhang an bekannten erforderlichen Nachrüstungen da ist. Wenn die Regierung das ernst meint, ehrlich meinen würde und die Betreiber, die deutschen Betreiber es ehrlich meinen würden, dann würden sie sagen, ihr macht jetzt die Nachrüstungen, nicht erst in zehn Jahren, sondern jetzt, und bis die gemacht sind, legt ihr euere Anlage still. Dann zeigt ihr uns das und dann kriegt ihr die weitere Betriebsgenehmigung. Aber das wird nicht passieren!

Herter: Die Bundesregierung sagt, mit dem Ausstieg vom Ausstieg seien weitere Sicherheitsauflagen erlassen worden, die die Atomkraftwerke sicherer machen.

Pflugbeil: Wir haben Zeit, zehn Jahre, das zu beginnen. Also innerhalb von zehn Jahren müssen sie beginnen. Also wenn sie böse sind, neun Jahre und elf Monate, dann müssen sie die Schraubenzieher für die ersten Reparaturen kaufen. Dann ist aber sowieso die Zeit fast um. Also das ist eine absurde Situation, wo viele Dinge, von denen man weiß, dass man sie tun müsste, den Kernkraftwerken erlassen werden. Das könnte man sofort abstellen. Meine Traumvariante wäre, dass man zu der vorigen Ausstiegsvariante zurückgeht und die Kernkraftwerke wirklich zwingt, die Reparaturen und die Nachrüstungen, von denen man weiß, die aktenkundig sind, dass sie die sofort machen, und wenn sie sie nicht machen, dass dann eben abgeschaltet wird. Aber das erfordert eine gewisse Härte, die ich nicht erkennen kann. Also man wird sich damit beschäftigen, was denn für Erdbeben vorkommen können, und so. Da kann man lange Gutachten, lange Jahre forschen, und es wird sich wenig tun. Wir wissen bis heute nicht, es wird nicht offengelegt, welche Risiken bestehen, wenn zum Beispiel Passagiermaschinen in Kernkraftwerke reingefahren werden. Das wird geheim gehalten, unter anderem, denke ich mal, aus dem Grund, dass die Bevölkerung dumm gehalten werden soll. Wenn man das wüsste, wie hoch das Risiko ist, ...

Herter: Das sind harte Vorwürfe. – Das war der Physiker Dr. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, im Deutschlandfunk-Interview. Herr Pflugbeil, vielen Dank.

Pflugbeil: Bitte schön.

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