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StartseiteInterview"Wir sind in einer neuen Gründerzeit"26.03.2013

"Wir sind in einer neuen Gründerzeit"

Grünen-Politiker über intelligentes Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum ohne ökologische Reue, ist das künftig möglich? "Wir sind von der Realisierung noch entfernt, aber vieles ist auch schon in Unternehmen und in Forschungsabteilungen im Gange", meint Ralf Fücks, Vorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung.

Ralf Fücks im Gespräch mit Jasper Barenberg

Der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, aufgenommen in Berlin. (picture alliance / dpa)
Der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, aufgenommen in Berlin. (picture alliance / dpa)
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Jasper Barenberg: Mehr Produktion, mehr Güter, mehr Dienstleistungen, mehr Jobs, und das heißt natürlich auch mehr Steuern – für viele Politiker ist Wachstum die Antwort auf Finanzkrise und Euro-Krise, ist Wachstum der Ausweg aus dem Schuldensumpf. Aber der Widerstand wächst, weil unbändiges Wachstum die Krise überhaupt erst verursacht hat und weil es am Ende die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern und Autoren fordert deshalb eine Abkehr vom Wachstumswahn, eine neue Bescheidenheit.
Für Ralf Fücks ist das Realitätsflucht. Der Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung will das Streben nach Wachstum und das Streben auch nach Profit nicht zügeln, sondern in neue Bahnen lenken durch eine grüne industrielle Revolution. Er ist jetzt in Berlin am Telefon. Schönen guten Morgen!

Ralf Fücks: Guten Morgen, Herr Barenberg.

Barenberg: Bevor wir, Herr Fücks, über Ihr Rezept für einen Ausweg aus dem Wachstumsdilemma gleich ausführlicher sprechen, hören wir uns zunächst einmal an, wie Sie in Ihrem Buch die schöne neue grüne Welt beschreiben.

"Das alte, von fossilen Energien befeuerte Industriezeitalter wird abgelöst durch eine neue, ökologische Produktionsweise, die ihre Energie aus Sonnenlicht, Wind, Erdwärme und der Kraft des Meeres bezieht. Dazu kommt die künstliche Photosynthese, mit deren Hilfe sich Wasser und Kohlendioxid in Energie umwandeln lassen. Bioreaktoren verwandeln organisches Material in Kraftstoffe und Chemikalien. Photovoltaik, Wärmepumpen und intelligente Steuerungstechnik verwandeln Gebäude in Kraftwerke, die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Miniaturisierung reduziert den Materialverbrauch. Computer, Maschinen und Motoren werden kleiner, leichter und leistungsfähiger. Abfall war gestern, alle Reststoffe fließen in den biologischen oder technischen Kreislauf zurück. Auf Dachfarmen, in alten Fabriken und neuen Ökohochhäusern werden zu allen Jahreszeiten Gemüse, Obst und Pilze angebaut. Die Kombination biologischer Kreislaufwirtschaft mit moderner Pflanzenzucht führt zur nachhaltigen Steigerung landwirtschaftlicher Erträge. Die technische Entwicklung orientiert sich an der Kreativität der Natur, dem unendlichen Reichtum biologischer Prozesse. Intelligentes Wachstum heißt Wachsen mit der Natur. Zügeln müssen wir unseren Naturverbrauch, nicht Entdeckerfreude, Tatendrang und Lebenslust!"

Soweit, Herr Fücks, ein Auszug aus Ihrem Buch. Klingt ja einfach zu schön, um wahr zu sein, oder?

Fücks: Natürlich ist das eine Vision und wir sind noch ein ganzes Stück davon entfernt, dass sie Realität wird, obwohl bereits viele Elemente, von denen ich spreche, in Forschungsinstituten, in Unternehmen schon im Gange sind. Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht in einer Endzeit leben, in einer Zeit des Niedergangs, und dass Europa sich größere Ziele setzen kann, als nur einen schrumpfenden Wohlstand umzuverteilen, sondern dass wir in einer neuen Gründerzeit sind, an der Vorstufe einer neuen industriellen Revolution, in eine ökologische Produktionsweise, in der wirtschaftliches Wachstum nicht mehr als Raubbau an der Natur stattfindet, sondern als ein Wachsen mit den Produktivkräften der Natur. Das ist die Grundidee des Buches. Das hat natürlich auch eine realpolitische Komponente, denn es gibt ja eine richtige Schizophrenie zwischen dieser zunehmenden Wachstumskritik und gleichzeitig dem Ruf nach einer neuen Wachstumsdynamik für Europa, weil wir uns aus der Krise nicht nur heraussparen können, und gleichzeitig leben wir in einer wachsenden Welt. Nicht nur die Weltbevölkerung wächst, es gibt eine enorme ökonomische Dynamik in Asien, in Lateinamerika, in Afrika. Das Weltsozialprodukt wird sich verdoppeln in den nächsten 20 bis 25 Jahren, und darauf müssen wir eine Antwort finden, dieses Wachstum in ökologische Bahnen zu lenken.

Barenberg: Sie nennen ja Deutschland als mögliches Referenzobjekt für diese Entwicklung, die Sie anstoßen und befördern wollen. Wenn man jetzt daran denkt, wie sehr zum Beispiel gerade die Energiewende die Steuerung der Politik überfordert, wie sehr die Energiewende aus dem Ruder läuft - und das ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt, ein ganz kleiner Teil dessen, was nötig ist -, wie die Strompreise steigen, woher nehmen Sie diesen grenzenlosen Optimismus, dass das in noch viel größerem Maßstab und Maße gelingen könnte?

Fücks: Das ist ein großer Lernprozess, in dem wir uns gegenwärtig befinden, und die Energiewende ist dafür ein gutes Beispiel. Die Probleme, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, sind ja Ergebnis des enormen Erfolgs, also des raschen Aufwuchses von erneuerbaren Energien. Ursprünglich hat die Energiewirtschaft behauptet, mehr als acht Prozent erneuerbare Energien sind physisch unmöglich; jetzt sind wir bei 26 Prozent in der gesamten Stromproduktion. Und das erfordert eine Veränderung des gesamten Systems, einen Umbau des Energiemarktes, Ausbau von Leitungsnetzen, Speicherkapazitäten, Reservekapazitäten für das schwankende Aufkommen von erneuerbaren Energien. Das ist natürlich eine große Herausforderung, aber ich sehe darin mehr Chancen, als dass wir uns vor lauter Problemen nicht mehr trauen, an eine bessere Zukunft zu denken.

Barenberg: Ich will mal versuchen, das noch ein bisschen konkreter zu machen. Die Energiewende bringt steigende Preise für den Strom mit sich, und zwar relativ drastisch, für den Moment jedenfalls. Das kommt auf die Verbraucher zu, die möglicherweise in einer Mietwohnung leben, die demnächst gedämmt wird, um den Energieverbrauch noch weiter zu senken, und auch das bringt enorme Kosten mit sich. Wie erklären Sie Menschen, die in einer solchen Situation sind, dass dieses Gegensteuern oder dieses Steuern in diese neue Richtung sich am Ende lohnen wird?

Fücks: Ja zum einen haben wir natürlich schon Möglichkeiten, diese steigenden Preise zu korrigieren und vor allem für eine bessere Lastenverteilung zu sorgen zwischen Industrie und Verbrauchern. Die Ausnahmen, also die Befreiung von der EEG-Umlage, sind weit über das Ziel hinausgeschossen. Da gibt es einen Umverteilungsspielraum von deutlich mehr als einer Milliarde Euro pro Jahr. Gleichzeitig wird steigende Energieeffizienz, also eine bessere Wärmedämmung von Wohnungen, verbrauchsfreundliche Haushaltsgeräte, aber auch sparsamere Automobile, dafür sorgen, dass wir weniger Energie verbrauchen und dass deshalb die Energierechnung am Ende überhaupt nicht höher sein muss als heute. Man braucht eine Kombination aus mehr Energieeffizienz, also aus weniger Energie ein Mehr an Wohlstand zu produzieren, und dem Umstieg auf erneuerbare Energien, weil wir mit Öl und Gas und Kohle schlicht das Klima ruinieren.

Barenberg: Zeigt nicht die Erfahrung bisher, Herr Fücks, dass wir Energie sparen bei Autos, bei Heizungen, dass das alles schon passiert, dass die Energieeffizienz enorm gestiegen ist schon in den vergangenen Jahrzehnten, dass aber insgesamt mehr Energie trotzdem verbraucht wird – und das gilt ja nicht nur für Deutschland, sondern in viel größerem Umfang, in viel größerem Maßstab für andere Nationen, Stichwort China?

Fücks: Ja für Deutschland gilt das gerade nicht. In der Bundesrepublik und auch in vielen anderen hoch entwickelten Industrieländern haben wir inzwischen eine reale Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Und es gibt Industrien wie die chemische Industrie, die ihren Umsatz seit 1990 um fast 40 Prozent gesteigert haben und gleichzeitig 30 Prozent weniger Energie verbrauchen. Also das zeigt, welche Möglichkeiten wir haben, durch mehr Effizienztechnologie, durch intelligenteren Umgang mit Energie das Klima zu entlasten und den Verbrauch zu reduzieren, und genau das ist auch die Herausforderung für die Schwellenländer, die jetzt in einem rapiden wirtschaftlichen Aufstieg sind, die mit Jahresraten von vier, fünf, China sogar acht oder neun Prozent wachsen. Die müssen den Sprung machen in diese neue sozusagen ökologische oder postfossile Industriegesellschaft, und dafür kann die Bundesrepublik zum Vorreiter werden. Wir sind eine Blaupause global dafür, dass es möglich ist, ein hoch entwickeltes Industrieland auf erneuerbare Energien umzustellen, ohne dass wir massive Wohlstandsverluste erleiden müssen.

Barenberg: Aber wenn wir uns China angucken und wenn wir da einen Augenblick bleiben, haben Sie wirklich den Eindruck, dass Umweltpolitik, dass Umweltschutz, schonender Umgang mit Ressourcen dort wirklich ein Thema ist und nicht vielmehr zunächst mal der wachsenden Mittelschicht dort Wohlstand zu verschaffen, der dann auf ganz eigenem Wege gelebt wird?

Fücks: Ja das ist ja genau der springende Punkt, dass man dazwischen keinen Gegensatz aufmachen darf, zwischen dem Aufstieg von Milliarden von Menschen aus armseligen Lebensverhältnissen jetzt in einen bescheidenen oder sogar schon in einen höheren Wohlstand und der Schonung unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das müssen wir gerade auf einen Nenner bringen, und China ist dafür gar kein so schlechtes Beispiel. Es gibt dort zunehmende öffentliche Proteste, etwa gegen die Luftverschmutzung, den Smog in den Städten, aber auch die Regierung hat sozusagen realisiert, dass man das bisherige umweltzerstörende Wachstum so nicht fortsetzen kann mit dem Verlust fruchtbarer Böden oder der Kontamination von Flüssen mit chemischen Abfällen. Das heißt, auch China ist inzwischen schon in einer Lernkurve, dass mit steigendem Wohlstand auch das Umweltbewusstsein wächst, und darauf setze ich.

Barenberg: Ich will noch mal zu sprechen kommen auf den Streit, den es um die Produktion von Biosprit hier gegeben hat vor nicht allzu langer Zeit und wo sich gezeigt hat, dass die Anreize falsch gesetzt waren und nicht einkalkuliert haben, dass es auch massive Schäden geben kann, Stichwort Konflikt zwischen Tank und Teller. Zeigt das nicht, dass Sie auch in Ihrer Vision, wenn ich es so nennen darf, die Fähigkeit staatlicher Planung und Steuerung gnadenlos überschätzen?

Fücks: Nein. Ich denke, der Schluss ist gerade ein anderer, dass wir aus Erfahrungen lernen müssen und dass wir nicht von vornherein das Generalpatent haben, wie diese Transformation stattfinden muss. Es ist völlig richtig: Die Weichen waren falsch gestellt für diese erste Generation von Biokraftstoffen. Es ist völliger Unsinn, vor allem unter Gesichtspunkten von Ernährungssicherheit bei einer wachsenden Weltbevölkerung, dass wir Lebensmittel verbrennen oder sie in Benzin umwandeln. Aber es gibt eben schon neue Möglichkeiten, an denen geforscht und gearbeitet wird, zum Beispiel die Umwandlung von Cellulose aus organischen Abfällen oder von Schwachholz aus Wäldern oder von schnell wachsenden Pflanzen, die man auf Böden anbauen kann, die für den Nahrungsmittelanbau nicht geeignet sind, die eben eine intelligentere Form von Bioenergie ermöglichen. Ich vertraue auf diese Kombination von menschlicher Kreativität, von Erfindungsgeist und gleichzeitig einer wachen und kritischen Zivilgesellschaft, die Alarm schlägt, wenn die Entwicklung in die falsche Richtung geht. Wir brauchen beides: Wir brauchen diesen Zukunftsoptimismus, dass wir die selbst geschaffenen Probleme auch mit den Mitteln der Moderne bewältigen können, mit Demokratie, mit Wissenschaft, mit technischer Innovation, und wir brauchen natürlich eine kritische Zivilgesellschaft, eine kritische Öffentlichkeit, die Politik und Wirtschaft in die richtige Richtung drängt.

Barenberg: Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, über das Zeitalter der grünen Industrie und sein Buch "Intelligent wachsen". Herr Fücks, danke für das Gespräch heute Morgen.

Fücks: Ich bedanke mich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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