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StartseiteKultur heuteWir sind Lena30.05.2010

Wir sind Lena

Deutschland siegt nach 28 Jahren wieder beim Schlager-Grand-Prix

Germany 12 points - oder besser 246. Lena Meyer-Landrut kam, sah und sang Deutschland nach einer 28-jährigen Durststecke wieder zum Sieg beim Eurovision Song Contest.

Von Burkhard Müller-Ulrich

Lena Meyer-Landrut jubelt über ihren Sieg beim Eurovision-Song-Contest 2010 (AP)
Lena Meyer-Landrut jubelt über ihren Sieg beim Eurovision-Song-Contest 2010 (AP)
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Lena holt Eurovision-Song-Contest nach Deutschland

Stehen wir am Anfang einer gigantischen Missbrauchsaffäre? Vergreift sich halb Deutschland an einer Fast-Minderjährigen? Und jetzt auch noch 120 Millionen fernsehende Europäer? Wie geht das alles zu? Oder besser: Wie ist es zugegangen, denn es ging ja so schnell, dass selbst ausgefuchste Gesellschaftsdiagnostiker nicht einmal Zeit hatten, um durchzuatmen und ihre Gedanken zu ordnen. Daher rührt noch eine gewisse Verschwommenheit im Jubel wie im Ekel, je nach Gusto.

Diese Verschwommenheit führt beispielsweise zu so krassen Fehlformulierungen wie derjenigen unserer Kanzlerin, welche der BILD-Zeitung diktierte:

"Lena hat mich mit ihrer Natürlichkeit und Herzlichkeit sehr beeindruckt."

Wahrscheinlich glaubt Angela Merkel auch von sich selbst, dass sie die Menschen durch Natürlichkeit und Herzlichkeit beeindrucke; Lena Meyer-Landrut jedenfalls wirkt weder herzlich noch natürlich, sondern da sind ganz andere Schwingungen im Spiel. Die gilt es zu benennen, wenn man das neue deutsche Fräuleinwunder irgendwie verstehen will.

Klar ist nämlich, dass Lenas Erfolg nicht auf artistischen Kriterien beruht. Ihre sängerischen Qualitäten sind bescheiden, ihre Bühnenshow ist minimalistisch. Doch was ihr an Stimme fehlt, gleicht sie durch Stimmung aus; ihre schlaksigen Bewegungen, die noch von pubertärem Defekt-Management geprägt sind, entwickeln eine Strahlkraft, die etwas lolitaartig Ungesundes hat. Dieses magische Fluidum einer ein bisschen beschädigt wirkenden Kindfrau haben die Zuschauer nicht nur gespürt, es wurde ihnen mit großer Kelle verabreicht, denn was Lena vortrug, war so ziemlich der krasseste Anti-Emanzipations-Song, der sich denken lässt: Mach mit mir, was du willst, ich folge dir überall hin – das ist der Gehalt von "Satellite".

Nun steckt in dem gesungenen Bekenntnis, von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt zu sein und sonst gar nichts, genau dieselbe Denkungsart, und schon bei der schönen Marlene, der das vortelevisionäre Europa zu Füßen lag, gab es da diesen von sadomasochistischen Impulsen getragenen Umkehreffekt der Geschlechterverhältnisse, den andere Nationen den deutschen Fräuleins von jeher und immer wieder gern anfantasieren: nämlich den Effekt der Beherrschung durch Selbstunterwerfung.

Mit einer Art von übermütigem Autismus zappelt sich Lena gestisch frei von den Fesseln, die sie besingt. Sie scheint zu kichern über ihre gewaltige Wirkung auf das inzwischen transkontinentale Publikum, so wie Lulu über die Spur der von ihr angerichteten Verheerung unbeschwert und achselzuckend hinweggeht. Hier liegt der metaphysische Kern eines Wettbewerbssieges: es ist die Macht einer erotischen Männerphantasie, für die man sich schämt, weshalb in der Öffentlichkeit nun sehr viel über die Mechanismen der Talentsuche, über die angemessenen Formen des Nationalstolzes und über die Wiederentdeckung des bürgerlichen Mittelstands in Gestalt einer hübschen Abiturientin diskutiert werden wird. Dabei geht es um nichts anderes als einen Abgrund von Erotik.

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