• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteKultur heute"Wir sind nicht das Sprachrohr der KP China"19.11.2008

"Wir sind nicht das Sprachrohr der KP China"

Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle: Probleme im China-Programm waren nicht ideologische, sondern journalistische

Der Intendant der Deutschen Welle, Erik Bettermann, will die journalistische Qualität der Programme des Senders künftig weiter verbessern. Die gegenwärtige Debatte vor allem um das chinesische Programm der Welle habe gezeigt, dass man noch sorgfältiger mit Sprache umgehen müsse. Dem Sender war vorgeworfen worden, er habe in seinen nach China ausgestrahlten Programmen und in seinem Internetangebot zu unkritisch Positionen des chinesischen Regimes übernommen.

Erik Bettermann im Gespräch mit Christoph Schmitz

Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle (Deutsche Welle)
Erik Bettermann, Intendant der Deutschen Welle (Deutsche Welle)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Deutsche Welle

Christoph Schmitz: Sie haben große Teile der chinesischen Seite der Deutschen Welle zu Themen wie Tibet, olympische Spiele, Erdbeben ins Deutsche rückübersetzen lassen, es handelt sich um dutzende, wenn nicht hunderte Artikel aus dem Zeitraum vom Frühjahr bis Spätsommer 2008. Ist aus Ihrer Sicht eine tendenziöse Berichterstattung im Sinne der KP China festzustellen?

Erik Bettermann: Nein, die ist nicht festzustellen. Es ist in der Tat richtig, dass wir etwa aus 10.000 Beiträgen, sowohl Online-Beiträge, also Webseiten, wie auch Hörfunkbeiträge, wir haben dort rückübersetzt. Es gibt nicht eine Tendenz, wo man sagen könnte, wir sind sozusagen die Außenstelle der KP China hier in Westeuropa in Deutschland. Das war eine große und eine schwierige Aufgabe, weil die chinesische Sprache eben auch dadurch sich auszeichnet, dass ein Begriff mehrere Übersetzungsmöglichkeiten hat. Der zweite Punkt ist sicherlich auch bei dem Rückübersetzen, dass die Sprache und das, was meine Kolleginnen und Kollegen dort tun, natürlich auch durch einen bestimmten Blickwinkel, nämlich wie erreichen unsere Hörer und Hörerinnen in China und wie können durch die Webseiten eigentlich ein Interesse zum Lesen für den User erreichen. Da wird man manchmal etwas anders akzentuieren müssen. Aber der ideologische Vorwurf, ihr seid die Berichterstatter der Kommunistischen Partei Chinas, der ist nicht zutreffend.

Schmitz: Wenn man keine allgemeine Tendenz im Sinne eines Gefälligkeitsjournalismus feststellen kann, gibt es denn punktuell Probleme? Sie haben das ja gerade etwas anklingen lassen, dass man aus einem bestimmten Blickwinkel heraus anders auftritt auf der chinasprachigen Seite als im deutschen Programm. Gibt es punktuelle Probleme, konkret gesagt, propagandistische kleine Segmente, die Sie entdeckt haben in diesen Hunderten von Seiten?

Bettermann: Wenn man bösartig sein will, dann nimmt man natürlich - und das haben ja einige hier in der Bundesrepublik getan - im Grunde genommen immer nur Teile dabei heraus. Dann könnte man, wenn man die Teile losgelöst übersetzt bekommt und dann noch die entsprechende Intention hat bei der Rückübersetzung, könnte man sagen: Na ja, das ist doch eine gewisse Tendenz. Aber selbst dann muss ich sagen, das Sprachrohr der KPCh sind wir nicht. Aber schauen Sie, wenn Sie doch den Hörerinnen und Hörern oder Lesern etwas verdeutlichen wollen, dann müssen Sie ja auch aufnehmen, was die offizielle politische Position der Regierung, des Regimes in China ist, um dann im Grunde genommen Gegenposition zu machen. Ich muss dann bloß sagen, durch unsere Rückübersetzung hat sich herausgestellt, dass dann durchaus die Pluralität der Information gewährleistet war. Das heißt, das waren dann, sagen wir, vielleicht mehr chinaaffine Stimmen aus Deutschland, aber gleichzeitig war dann zum Beispiel auch ein Interview von Reporter ohne Grenzen, die sich dann mit dieser deutschen Stimme wieder auseinandersetzte.

Schmitz: Die chinaaffinen Stimmen, nenne wir sie mal kritische Fälle, wenn das vielleicht auch überzogen ist. Ist das, wenn auch in einem geringen Ausmaße, wie Sie es sagen, dennoch eine ideologische Infiltration oder ist das weniger ein ideologisches Problem als ein journalistisches?

Bettermann: Ich glaube, dass das eher ein journalistisches Problem ist: Wie gibt man die Vorgabe? Meine Vorgabe für alle Fremdsprachen - das gilt nicht nur für die chinesische Fremdsprache - ist: Wir wollen eine plurale Information sicherstellen über primär Deutschland. Aber gleichzeitig muss ich sagen, dass man journalistisch eben und auch in der Frage der Nutzung der Fremdsprache vielleicht dieses Qualitätsmerkmal, was für uns ganz entscheidend ist, der Qualitätsjournalismus, noch weiter verbessern kann. Das tun wir jedes Jahr in jeder Fremdsprache. Aber hier, das ist meine Erkenntnis, werden wir den Qualitätsjournalismus noch weiter ausbauen müssen, das Vier-Augen-Prinzip stärker machen, vielleicht ein Sechs-Augen-Prinzip. Das heißt, dass drei Journalisten da drüberschauen. Aber das müssen natürlich alles Kolleginnen und Kollegen sein, die der Fremdsprache, in dem Fall der chinesischen, mächtig sind, um die unterschiedliche Bedeutung einzelner Worte eigentlich kennen zu können und gleichzeitig zu sagen, was hat der Interviewpartner ... Nehmen Sie ein Interview, was ja auch im Grunde kritisiert war, was wir mit dem Bundesminister des Inneren, Herrn Schäuble, geführt haben. Dann ist es ganz wichtig, die Intention des Interviewpartners, in dem Fall des Bundesministers, aufzunehmen und gleichzeitig dann nach der sprachlichen Übersetzung zu suchen, die dieser Intention am nächsten kommt. Das ist eine journalistische und eine Übersetzungstätigkeit.

Schmitz: Und Sie wollen damit sagen, dass das in diesem Fall, Schäuble-Interview, dass das nicht unmissverständlich übersetzt worden ist? Das war nicht so präzise, wie man sich das hätte gewünscht?

Bettermann: Es ist schon eins zu eins übersetzt worden. Das ist schon richtig. Aber weil ich sage, dass es verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten einzelner Begriffe zur chinesischen Sprache gibt, ist es natürlich ganz wichtig, dass man jetzt schon journalistisch und von der Übersetzung her sich die Worte aussucht in der chinesischen Sprache, die der Intention des Interviewpartners, in dem Fall des Bundesministers, am nächsten kommt. Und da, glaube ich, müssen wir unseren Qualitätsjournalismus weiter ausbauen, und ich habe ja auch die Absicht, wenn jetzt die ideologische Frage durch den Rundfunkrat der Deutschen Welle Ende November geklärt ist, dann im Grunde genommen die journalistische Bearbeitung, die weitere Qualifizierung noch mehr zu intensivieren, übrigens dann nicht nur für die chinesische Sprache, sondern auch für die anderen Fremdsprachen. Das Problem haben wir an mehreren Stellen.

Schmitz: Um einmal konkret zu werden, in einem Beitrag in "Kultur heute" Ende Oktober hatten wir eine Reihe von Passagen von der chinesischsprachigen Internetseite der Deutschen Welle zitiert, dass dort zu Tibet etwa von gewalttätigen Krawallen die Rede ist, wenn auf der deutschen Seite es heißt tibetische Proteste. Wir hatten einen Beleg dafür gegeben, dass distanzlos, muss man sagen, lange Propagandazitate aus chinesischen Zeitung übernommen werden, dass suggeriert wird, wer in Deutschland nicht in eine Chinakritik einstimmt, mit schlimmen Konsequenzen zu rechnen hat und andere Beispiele mehr. Wie bewerten Sie diesen Beitrag heute im Licht Ihrer Erkenntnisse durch die eigenen Rückübersetzungen der chinesischsprachigen Seiten der Deutschen Welle?

Bettermann: Ich glaube, dass dieser Beitrag, den Sie gesendet haben, nicht den Anforderungen der breiten pluralen und objektiven Berichterstattung entsprochen hat, genau aber an dem Beispiel, was Sie sagen. Es ist natürlich schon entscheidend. Schauen Sie, was Sie da eben zitiert haben, ist aus einer Presseschau gewesen. Wir haben Presseschau, genauso wie der Deutschlandfunk dieses tut, in unserem Programm. Die werden nicht kommentiert, die werden nur wiedergegeben, übersetzt. Dort war zum Beispiel ein Beitrag einer Hongkonger, chinesischen Zeitung dabei. Das war ein Zitat, was der Ministerpräsident von Nepal bei seinem Besuch in Peking abgegeben hat. Das ist korrekt. Es war ja auch in Chinesisch direkt. Die Frage ist, wenn der Vorwurf dort erhoben worden ist, nicht nur in Ihrem Beitrag, sondern auch von anderen, wir würden zu langatmig kommunistisch orientierte Zeitungen zitieren, dann ist der falsch. Aber das können Sie natürlich erst feststellen, wenn Sie im Grunde genommen das übersetzt haben.

Schmitz: Das haben wir ja getan, das Rückübersetzen, und haben gesehen, dass es große Passagen waren, die ...

Bettermann: Ja, die gesamte Presseschau übersetzt haben. Und dann würden Sie nämlich feststellen, dass wir neben chinesischen Zeitungen, die wir zitieren, um zu erklären, warum wir Gegenstimmen aus anderen Zeitungen dann auch mit aufnehmen, dass der in der Tat dem Prinzip der Pluralität entsprochen hat. Wenn ich jetzt nur die eine chinesische Zeitung herausgreife, dann könnte ich diesen Vorwurf da belegen. Und das ist ja passiert, jetzt nicht nur durch Sie, sondern durch die gesamte Kampagne, die in den Zeitungen und wie auch immer in Deutschland initiiert worden ist. Es sind einzelne Elemente rausgenommen. Man muss aber, wenn man beurteilen will, ist das nun ein Außenposten Pekings in Bonn gelegen, dann muss ich natürlich das Gesamte nehmen. Ich hab ja die Absicht, auch mich des Rates von Externen zu bedienen, die nach der Klärung der ideologischen, politischen Frage durch den Rundfunkrat der Deutschen Welle dieses auch mit Rat von außen - also gar nicht selbst, also durch erfahrene Journalisten - wir dann im Grunde genommen noch mal mit Belegen oder im Grunde genommen auch mit Änderungsvorschlägen von ihnen dann verändern zu können.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk