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StartseiteBüchermarkt"Wir sterben hier vor Hunger wie die Fliegen"12.09.2013

"Wir sterben hier vor Hunger wie die Fliegen"

Lena Muchina: "Lenas Tagebuch. Leningrad 1941-1942", Graf Verlag

Lena Muchina war 16, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Sie lebte mit ihrer Adoptivmutter und deren langjähriger Freundin Aka in Leningrad - und schrieb Tagebuch über ihr Leben, den Krieg und wie das Sterben zur Normalität wurde.

Von Karla Hielscher

Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade, Februar 1943 (AP)
Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade, Februar 1943 (AP)

Das Tagebuch der 16-jährigen Lena Muchina beginnt Ende Mai 1941 mit Themen, mit denen wohl die meisten jungen Mädchen ein Tagebuch zu schreiben beginnen: die ersten erotischen Gefühle, die eigenen Unsicherheiten und Komplexe, die Probleme mit den Freundinnen und natürlich vor allem mit den Jungen, die unstillbare Sehnsucht danach, geliebt zu werden.

Seitenweise schildert sie die unbeholfenen gegenseitigen Neckereien der kichernden Mädchen mit den Jungs aus ihrer Klasse, und sie kreist mit ihren Gedanken um den geliebten Schulkameraden Wowa, der die Gefühle des wenig attraktiven Mädchens mit der unschönen Brille offenbar nicht so erwidert, wie sie sich das erhofft. Über allem aber liegt – nach den erfolgreichen Abschlussprüfungen in der Schule - die glücksverheißende Erwartung von Freiheit und Sommerferien.

Was jedoch beginnt, ist der Krieg, der wenige Wochen später zur Blockade Leningrads durch die deutschen Truppen führt, einem der furchtbarsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs, dem anderthalb Millionen Leningrader zum Opfer fielen.

Inzwischen gibt es auch für den deutschen Leser gute Darstellungen des tragischen Geschehens, etwa das 2011 erschienene Buch der englischen Historikerin Anna Reid "Blokada", das durch die Verarbeitung einer riesigen Menge von Archivmaterial – Memoiren und Tagebuchaufzeichnungen - auch das Alltagsleben während der Blockade anschaulich werden lässt.

Aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, das authentische Tagebuch eines betroffenen Menschen zu lesen, der Tag für Tag, ganz aus dem eigenen Erleben heraus, mit dem damaligen Wissen und Bewusstsein das wachsende Grauen beschreibt.

Lena lebt zusammen mit ihrer Adoptivmutter und deren langjähriger Freundin Aka in enger familiärer Bindung in einer Kommunalwohnung zusammen. Sie ist ein durchschnittliches, von der sowjetischen Erziehung geprägtes Mädchen, das so leben möchte, "wie Lenin es gelehrt hat".

Auch in der Sprache von Lenas Aufzeichnungen spiegelt sich anfangs deutlich die offizielle sowjetische Propaganda: wie man sich zunächst noch – aufgrund von Falschinformationen – trotz Fliegeralarm, Artilleriebeschuss und Zwangsarbeitsdienst - in falscher Sicherheit und Siegesgewissheit wiegt. Die Schüler, die zum Gräbenausheben ins Leningrader Umland abkommandiert werden, erleben das eher als Abenteuer in Ferienlageratmosphäre, und im Tagebuch ist noch mehr von den Abenden mit Lagerfeuer und Jazzmusik die Rede als vom Krieg.

Das ändert sich ab Mitte September radikal, und man spürt, wie sich zunehmend eine bedrohliche Atmosphäre von Angst und Hilflosigkeit ausbreitet:

"So viel ist geredet worden, so viele große Worte und Reden haben wir vernommen: Kiew und Leningrad sind unbezwingbare Festungen! Niemals wird ein Faschist den Fuß in die blühende Hauptstadt der Ukraine setzen, niemals wird die nördliche Perle unseres Landes – Leningrad betreten. Doch heute wird im Radio gemeldet: (…) nach erbitterten mehrtägigen Kämpfen hat unsere Armee Kiew verlassen! Was bedeutet das? Niemand versteht es."

Und Mitte Oktober beginnt dann der mörderische Belagerungswinter mit seiner Eiseskälte, in dem das Sterben zur Normalität wird: Erst fällt der Strom aus, dann frieren die Wasserleitungen und Klospülungen ein, sodass man das Wasser aus einem Eisloch in der Fontanka holen muss, und der Hunger nimmt unvorstellbare Ausmaße an. Die frierenden, ausgehungerten Menschen gehen bei Fliegeralarm nicht mehr in den Luftschutzkeller, da sie nicht mehr die Kraft haben, Treppen zu steigen.

Aufgrund von Lenas mit frostklammen Fingern geschriebenen Tagebuchaufzeichnungen beginnt man zu begreifen, wie sich unter derartig extremen Bedingungen das Menschsein aufs pure Überleben reduziert. Es geht eigentlich nur noch um das Thema Essen: um die Lebensmittelkarten, das stundenlange Schlangestehen für die tägliche Brotration von 125 Gramm, darum, wie man die kärgliche Verpflegung aufteilen kann, in welcher Kantine man was bekommt samt genauesten Mengenangaben:

"In meiner Suppe waren drei Stückchen Kartoffeln und acht mittelgroße Nudeln."

Und immer wieder Essensfantasien und Träume von ausgelassenem Schweinespeck oder fetttriefenden Röstzwiebeln. Unvorstellbar, dass unter diesen Bedingungen noch versucht wird, Schulunterricht abzuhalten, und dass es Kino und Theatervorstellungen gibt. Eine Zeit lang überleben die drei Frauen dank ihrer geschlachteten Katze und der Entdeckung, dass man aus Tischlerleim Sülze kochen kann. Lena beginnt aufzumucken:

"Wir sterben hier vor Hunger wie die Fliegen, aber in Moskau hat Stalin gestern wieder ein Essen zu Ehren Edens gegeben. (…) Sie veranstalten alle möglichen glänzenden Empfänge, während wir wie Höhlenmenschen, wie blinde Maulwürfe leben."

Charakteristisch ist aber sicherlich auch das, was Lena im Dezember 1941 in ihr Tagebuch schreibt:

"Ehrlich gesagt, wenn Aka stirbt, wird das sowohl für sie besser sein als auch für Mama und mich. (…) Aka ist nur ein überflüssiger Esser. Ich weiß selbst nicht, wie ich diese Zeilen schreiben kann. Aber mein Herz ist jetzt wie aus Stein. (…) Wenn sie stirbt, sollte es nach dem 1. geschehen, dann bekommen wir noch ihre Lebensmittelkarte."

Aka stirbt und sie schaffen die gefrorene Leiche auf dem Schlitten zur Sammelstelle der Toten. Und sehr bald danach stirbt auch ihre Mutter, und es erschüttert einen besonders, dass das Mädchen erst etwa einen Monat nach deren Tod ihre Sprachlosigkeit überwindet und im Tagebuch detailliert aufschreibt, wie sie gestorben ist. In ihrer unendlichen Verzweiflung und Einsamkeit bleibt Lena nun nur der Kampf um die Evakuierung über den Ladogasee zu Verwandten an die Wolga.

"Wie ungerecht wäre es vom Schicksal, wenn ich, die ich bis zum Frühjahr überlebt habe, die ich noch das frische junge Grün gesehen habe, wenn ich, die ich schon alle Sachen gepackt habe, noch umkäme. Ich will auf keinen Fall sterben. Vielleicht sind das meine letzten Zeilen. Ich bitte inständig: Wer dieses Tagebuch findet, der schicke es an: ..."

Es folgt die Adresse ihrer Verwandten in Gorki.

Lena Muchina hat überlebt. Aus den Vor- und Nachworten von Gero Fedtke erfährt der Leser die wenigen bekannten Informationen über ihre weitere Biografie sowie die wichtigsten Fakten zur historischen Einordnung des Geschehens.


Lena Muchina: "Lenas Tagebuch. Leningrad 1941-1942". Aus dem Russischen übersetzt und mit Vor- und Nachwort sowie Anmerkungen von Lena Gorelik und Gero Fedtke, Graf Verlag München, 2013, 375 Seiten, 18,00 Euro.

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