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StartseiteInterview"Wir verlangen seit Jahren immer und zu jeder Zeit unangemeldete Kontrollen"04.09.2007

"Wir verlangen seit Jahren immer und zu jeder Zeit unangemeldete Kontrollen"

Selbsthilfeverband will weg vom körperorientierten Einstufungsverfahren für Pflegebedürftige

Der stellvertretende Vorsitzende des Pflege-Selbsthilfeverbands, Werner Schell, hat angeregt, aufgrund der gravierenden Missstände in den Pflege-Einrichtungen Kontrollen ausschließlich unangemeldet durchzuführen. Zudem plädierte er für eine Änderung der Einstufungsverfahren für Pflegebedürftige. Die bisherigen Kriterien würden den einzelnen Fällen nicht gerecht.

Moderation: Jochen Spengler

Die Hände einer pflegebedürftigen Frau (AP)
Die Hände einer pflegebedürftigen Frau (AP)

Jochen Spengler: Die Bundesregierung will die Qualität der Pflege deutlich verbessern. Mehr unangemeldete Kontrollen, Ausweitung der Prüfkompetenzen und einheitliche Standards. Dies sehen die Pläne aus dem Hause der Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vor.
Am Telefon ist nun Werner Schell, der zweite Vorsitzende des Pflege-Selbsthilfeverbandes. Herr Schell, zunächst: Was haben Sie sich mit Ihrem Verband zur Aufgabe gemacht?

Werner Schell: Der Pflege-Selbsthilfeverband versteht sich als Initiative für menschenwürdige Pflege. Wir haben seit Jahren beobachtet, dass es diese Pflegemängel gibt - das ist ja nicht neu - und wir haben uns gedacht, wir müssen das an die Öffentlichkeit tragen. Das was Claus Fussek, Herr Breitscheider seit Jahren festgestellt und herausgestellt haben, das müssen wir endlich angehen und für Lösungen sorgen.

Spengler: Ehe wir jetzt ins Detail gehen, Herr Schell. Werden die Pläne der Bundesregierung, die jetzt bekannt sind, die Situation der Pflegebedürftigen verbessern?

Schell: Ich glaube diese angedachten Änderungen im Pflegerecht werden nichts bringen. Wir brauchen gravierende und strukturelle Veränderungen. Wir müssen endgültig weg von den körperorientierten Einstufungsverfahren. Wir müssen ein Einstufungsverfahren erreichen, das alle Bedürfnisse der Pflegebedürftigen erfasst, und darauf muss sich das ganze System aufbauen.

Spengler: Können Sie mir das ein bisschen konkreter erläutern, was das heißt, weg von diesem Verfahren?

Schell: Ja. Bisher wird danach gefragt, kann jemand noch alleine aus dem Bett, kann jemand alleine noch zur Toilette etc., aber die Frage wie es mit Aufsicht und Zuwendung ist, Fehlanzeige. Da gibt es keine Punkte. Da wird nichts zugeordnet und die Pflegebedürftigen können dann in diesem Bereich auch keine Einstufungskriterien ansammeln und folglich kann auch nicht das System entsprechend personell, also finanziell ausgestattet werden.

Spengler: Das heißt Sie wollen eine grundlegende Reform des bisherigen Pflegesystems?

Schell: Ja. Das ist natürlich auch schon angedacht. Der Pflegebedürftigkeitsbegriff soll geändert werden. Daran muss man arbeiten, nicht die anderen Dinge. Das ist ein Herumkurieren an einzelnen Symptomen. Das reicht nicht!

Spengler: Brauchen wir denn einen Pflege-TÜV?

Schell: Einen Pflege-TÜV würde ich sagen brauchen wir nicht. Wir haben vom Pflege-Selbsthilfeverband uns vorgestellt, ein Gütesiegel auf den Weg zu bringen noch in diesem Jahr. Wir wollen die Ergebnisse der Heime bewerten und damit Auswahlkriterien den Menschen vorstellen. Diese Auswahlkriterien wollen wir mit den Pflegekräften zusammen erarbeiten. Wir wollen, dass die Pflegekräfte nachteilsfrei Mängel im System aufzeigen und mit uns kooperieren. Das alleine bringt die Lösung. Wir haben schon genügend Prüfinstanzen. Wir haben schon genügend Zertifizierungen. Noch eins draufsetzen, völlig fehl am Platz.

Spengler: Also Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, das würden Sie nicht sagen? Sie sagen es gibt schon genug Kontrollen. Nun lesen wir aber, dass zum Beispiel diese Kontrollen im Wesentlichen angemeldet erfolgen. Und die Bundesregierung plant jetzt, dass man in zehn Prozent der Fälle unangemeldete Kontrollen durchführen will. Sie würden sagen reicht das, oder reicht das nicht?

Schell: Ja, das reicht. Es reicht natürlich im Ergebnis nicht, um die strukturellen Unzulänglichkeiten auszumerzen. Es ist allerdings mehr als nichts. Wir verlangen seit Jahren immer und zu jeder Zeit unangemeldete Kontrollen, so wie das in Bayern läuft. Das muss Standard werden, das sowieso, aber das wird die Mängel endgültig auch nicht beseitigen helfen.

Spengler: Herr Schell, ich habe Sie nicht ganz verstanden, gebe ich zu. Sie sagen auf der einen Seite, die Kontrollen bringen gar nicht so viel. Auf der anderen Seite sagen Sie, sie bringen nicht so viel, weil wir mit den Pflegekräften zusammenarbeiten müssen, wenn ich es richtig verstanden habe. Auf der anderen Seite sagen Sie, na ja, zehn Prozent unangemeldet, das ist viel zu wenig.

Schell: Ja. Wir müssen alle Kontrollen, die stattfinden, unangemeldet ablaufen lassen. Das ist sowieso der Mindeststandard. Also dass man sich anmeldet, so ähnlich wie Claus Fussek immer sagt, es gibt eine Mitteilung, nachher kommt die Kontrolle, die Fahrzeugkontrolle, man muss das Ticket vorzeigen, dann ist natürlich alles perfekt. Nein, es muss immer unangemeldet kontrolliert werden!

Spengler: Wer ist Claus Fussek?

Schell: Claus Fussek, das ist der große Pflegekritiker aus München, der seit vielen Jahren die Beschwerden von Pflegekräften sammelt und sozusagen auf die Missstände immer wieder aufmerksam macht, ungehört muss ich sagen. Das ist ja nichts Neues, was wir jetzt vom MDK hören.

Spengler: Diese Prüfberichte des MDK, sollten die denn öffentlich gemacht werden?

Schell: Ich bin der Meinung, dass die Heime ähnlich wie Krankenhäuser Qualitätsberichte öffentlich machen. Da muss allerdings nicht nur das Positive herausgearbeitet werden, so ähnlich wie eine Hochglanzbroschüre, sondern da müssen auch die negativen Dinge vorgestellt werden. Also Minus muss vorgestellt werden. Aber da habe ich so meine Zweifel, ob das funktioniert.

Spengler: Und wenn man dann Minus herausgestellt hat, muss man dann schlimme Pflegeheime, die viel Minus bekommen haben, schließen können?

Schell: Das ist ein großes Problem. Man spricht leicht davon, wenn ein Heim schlecht benotet wird, dann schließen. Wohin denn mit den Pflegebedürftigen? Wo wollen sie 100 Pflegebedürftige von heute auf morgen hinbringen? Das Schließen von Heimen als Forderung ist nicht das Allheilmittel. Wir brauchen effektive Überprüfungsmechanismen und dazu brauchen wir die Pflegekräfte. Die Pflegekräfte sind vor Ort. Die sehen das Elend jeden Tag und die müssen die Chance bekommen, ohne dass sie gleich gekündigt werden oder sonstige Nachteile haben, die Mängel vorzuzeigen: innerbetrieblich zunächst und dann im Zweifel nach außen.

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